Weihnachtsspaziergang von Otto Ernst

Täglich fast aus meines Dorfes Frieden,
Wo ich zwischen Feld und Büschen wohne,
Wo ich sieben Nachtigallen höre,
Wo mich Fink und Amsel lang schon kennen
Und mich keck beäugen, wenn ich nahe,
Wo die Welt im Sommer eine Laube
Und ein silberweißer Dom im Winter,
Wo vom Schreibtisch ich den Habicht schweben
Sehe duch des Himmels große Stille –
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Täglich fast aus meines Dorfes Frieden,
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Wo ich Ruhe, Traum und Klarheit atme,
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Lenk’ ich meinen Schritt zur nahen Weltstadt,
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Um zu fühlen, was ich sonst vergäße,
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Daß die Welt nicht Klarheit, Traum und Frieden,
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Nicht ein heimlich Wohnen zwischen Hecken,
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Ach, kein Spiel mit Fink und Drossel ist.
 
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In das weite, wilde Meer der Menschen
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Tauch’ ich unter dann und laß mich treiben.
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Ja, sie sind wie windverstörte Wellen;
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Eine will die and’re überrennen,
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Und am letzten Strand zerschäumen alle.
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Wie sie jagen, stoßen, knirschen – wie sie
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Not und Habsucht durcheinander wirbelt!
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Nur geradeaus den Blick gerichtet,
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Drängen sie und trappeln sie und traben,
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Sehen nicht das stille Leben fluten,
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Sehn nicht, wie es stumm zu beiden Seiten
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Fließt und fließt ins große Meer der Stille,
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Ewig ungelebt und ungenossen.
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Ach, sie leben nicht – nur, um zu leben!
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Vorwärts, vorwärts nur den Blick gerichtet,
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Treibt es sie die schattenlose Straße
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Fort, hinweg vom Schoß der großen Mutter.
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Und versunken in des wilden Meeres
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Tote Tiefen ist die alte Kunde,
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Daß ein Glück sich dehnt in leichten Lüften,
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Friede wandert zwischen Halm und Hecken,
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Daß ein off’nes, frohes Menschenauge
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Wie ein See des Paradieses glänzt.
 
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Einmal nur im Jahre find’ ich’s anders!
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Brach herein der Weihnacht heil’ge Frühe,
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Nehm ich Hut und Stock und wand’re fröhlich
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In die große Stadt. So tat ich heute.
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Drängen, Treiben seh’ ich heut’ wie immer,
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Seh’ ein wogend Meer wie alle Tage;
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Aber auf den Fluten dieses Meeres
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Ruht wie Sonnenschein ein einzig Lächeln.
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Und – o frommes Wunder ohnegleichen,
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Selbst der Kaufherr, dessen Furcht und Hoffnung
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Sonst um Indiens Silberminen kreisen,
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Heimgefunden hat er in den Frieden
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Einer höheren und stiller’n Welt.
 
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Lächeln seh’ ich in entspannten Mienen
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Und wo Lächeln nicht, doch einen Glauben
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An das Lächeln. Starre Blicke seh’ ich
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Wohl wie sonst, allein sie starren glänzend
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In ein Licht, das sie allein erschauen.
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Welches Glaubens sie und welches Sinnes,
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Einmal wieder haben sie’s vernommen,
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Einmal glauben sie die frohe Botschaft,
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Daß ein Glück mag kommen aus den Lüften,
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Daß ein Friede wohnt in grünen Tannen,
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Daß ein liebend Wang’-an-Wange-Schmiegen
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Alle Not beschämt und alles Prangen,
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Daß ein off’nes, frohes Menschenauge
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Wie ein See des Paradieses glänzt.
 
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Von versunk’nen Städten singt die Sage,
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Deren Glocken aus der Tiefe klingen.
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Geh’ ich weihnachts durch den Schwall der Straßen,
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Dringt durch allen Lärm ein stetes Klingen:
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Leise aus verlor’nen Gründen hör’ ich
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Läuten die versunk’ne Stadt des Glücks.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.8 KB)

Details zum Gedicht „Weihnachtsspaziergang“

Autor
Otto Ernst
Anzahl Strophen
5
Anzahl Verse
72
Anzahl Wörter
475
Entstehungsjahr
1907
Epoche
Moderne

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Weihnachtsspaziergang“ des Autors Otto Ernst. Der Autor Otto Ernst wurde 1862 in Ottensen bei Hamburg geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1907 zurück. Erschienen ist der Text in Leipzig. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Moderne zugeordnet werden. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epoche ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das 475 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 72 Versen mit insgesamt 5 Strophen. Die Gedichte „Auf dem Morgengange“, „Auflösung“ und „Aus einer Nacht“ sind weitere Werke des Autors Otto Ernst. Zum Autor des Gedichtes „Weihnachtsspaziergang“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 63 Gedichte vor.

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