Weihnacht 1888 von Rudolf Lavant

Ihr sagt von uns, wir seien abgestorben
Im Lebenskampf dem kindlichen Gefühl;
Wir seien Richter, forschend, streng und kühl,
Und für der Andacht Zauber längst verdorben.
Wie ihr’s versteht, so lassen wir es gelten,
In tiefrem Sinne aber gilt es nicht –
Wir pflegen nur in andrem, hellrem Licht
Zu sehn die „bestgestaltete der Welten.“
 
Wir, die wir nicht im kalten Golde wühlen,
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Das ihr zum Maßstab der Gesittung macht,
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Ihr könnt uns glauben, daß in dieser Nacht
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Tiefer als ihr und inniger wir fühlen.
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Ihr könnt uns glauben, daß der Andacht Walten
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Hinab zur Brust das Haupt gelind uns neigt,
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Daß es uns heiß und feucht ins Auge steigt
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Und daß die Hand vor das Gesicht wir halten.
 
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Ein Fest der Kindheit wollt ihr doch begehen,
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Das euch zugleich an goldne Tage mahnt;
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Glaubt ihr, daß näher als ihr denkt und ahnt
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Dem Elternherzen unsre Kinder stehen?
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Ihr werdet tiefer unser Lieben finden,
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Als selbst das eure, wenn ihr es begreift:
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Im Kuß, der unsrer Kinder Lippen streift,
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Liegt ja ein bitter-schmerzliches Empfinden.
 
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Ihr könnt nicht wissen, was, heraufbeschworen
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Aus tiefster Brust, in uns sich mächtig regt,
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Wenn uns ans Herz die junge Mutter legt
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Das Kind, das sie in Schmerzen uns geboren.
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Ihr könnt nicht wissen, wie es uns durchschauert,
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Wenn unser Kind die ersten Worte lallt,
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Wenn es zuerst die kleinen Fäustchen ballt,
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Und wie die Seele unwillkürlich trauert.
 
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Wir lieben sie, die Kleinen dort im Wagen,
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Nicht wie ein Spielzeug, äffisch nicht und blind,
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Nein, weil sie Opfer einer Ordnung sind,
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An der wir uns die Schultern wund getragen.
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Wir lieben sie, wir möchten sie beschenken
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Mit Kinderglück und jeder Kinderlust –
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Zieht doch der Gram auf immer in die Brust,
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Wenn sie die Welt erfaßt mit ihrem Denken.
 
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Wir lieben doppelt sie, weil sie erlesen
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Zu Erben sind und Trägern der Idee,
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Die unser Stern in Bitterkeit und Weh,
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Die unser Trost und unser Stolz gewesen.
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Wir lieben doppelt sie, denn künftig tragen
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Das reine Banner sie in Leid und Noth,
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Das von der Arbeit erstem Aufgebot
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Glorreich entfaltet ward in unsern Tagen.
 
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Das wird euch wieder überschwänglich scheinen,
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Wie jedes Fühlen, das ihr nicht begreift,
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Doch stehen wir, wenn unsre Lippe streift
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Der Kleinen Stirn mit unterdrücktem Weinen,
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Dem Weltgeheimniß, das wir Liebe nennen,
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Um Vieles näher, als das Bürgerthum,
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Das, wie es sagt, des Volkes Kern und Ruhm,
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Mag hundertkerzig auch sein Christbaum brennen.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (28.8 KB)

Details zum Gedicht „Weihnacht 1888“

Anzahl Strophen
7
Anzahl Verse
56
Anzahl Wörter
400
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Weihnacht 1888“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Rudolf Lavant. Der Autor Rudolf Lavant wurde 1844 in Leipzig geboren. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1893. Der Erscheinungsort ist Stuttgart. Eine Zuordnung des Gedichtes zu den Epochen Naturalismus oder Moderne kann auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Die Richtigkeit der Epochen sollte vor Verwendung geprüft werden. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Da es keine starren zeitlichen Grenzen bei der Epochenbestimmung gibt, können hierbei Fehler entstehen. Das 400 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 56 Versen mit insgesamt 7 Strophen. Die Gedichte „An das Jahr“, „An den Herrn Minister Herrfurth Exzellenz“ und „An den Kladderadatsch“ sind weitere Werke des Autors Rudolf Lavant. Zum Autor des Gedichtes „Weihnacht 1888“ haben wir auf abi-pur.de weitere 96 Gedichte veröffentlicht.

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