Auf Urlaub von Kurt Tucholsky

Die Residenz!
Gu’n Tag, du Metropole!
Da ist auch schon der Alexanderplatz …
Verstatte, daß ich mich das Schneuztuch hole,
das Herz schlägt stürmisch unterm Busenlatz.
Du gute Spree mit dem geduldigen Rücken,
der Ruderklubs und der Mamsells Entzücken –
ich seh dich still und mächtig dreckig ziehn …
Berlin!
 
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Die Weiche knackt. Der Zug zischt an den Hallen
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der Stadtbahn lang. Da liegt der dicke Dom.
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Die pfui! die Friedrichstraße will mir recht gefallen,
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am Charitéhaus grünt ein Appelboom.
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Die Völker auf den Straßen sind nicht ohne:
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dem Gang nach lauter Jrafens und Barone.
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Es riecht nach Geld. Prozente, Mensch, verdien!
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Berlin!
 
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Charlottenburg. Da steht die lange Claire,
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den Bastard meiner Liebe an der Hand.
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Ob auch die Rationierung an uns zehre –
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der Knochenbau hält allen Feinden stand.
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Das wird die rechte Wiedersehensfeier!
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Ich hab (im Rucksack) fünfundsiebzig Eier –
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Da hält der Zug! Die Kümmernisse fliehn …
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Berlin! Berlin!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (24.8 KB)

Details zum Gedicht „Auf Urlaub“

Anzahl Strophen
3
Anzahl Verse
25
Anzahl Wörter
147
Entstehungsjahr
1919
Epoche
Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit,
Exilliteratur

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Auf Urlaub“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Kurt Tucholsky. Tucholsky wurde im Jahr 1890 in Berlin geboren. Im Jahr 1919 ist das Gedicht entstanden. In Charlottenburg ist der Text erschienen. Auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors kann der Text den Epochen Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit oder Exilliteratur zugeordnet werden. Der Schriftsteller Tucholsky ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen.

Die wichtigsten geschichtlichen Einflüsse auf die Literatur der Weimarer Republik waren der Erste Weltkrieg, der von 1914 bis 1918 andauerte, und die daraufhin folgende Entstehung und der Fall der Weimarer Republik. Bei der Neuen Sachlichkeit war der Inhalt der Texte wichtiger als die Form. Die Schriftsteller dieser Bewegung wollten mit ihren Texten möglichst viele Menschen aus allen sozialen Schichten ansprechen. Aus diesem Grund wurden die Texte in einer alltäglichen Sprache verfasst und wurden oft im Stile einer dokumentarisch-exakten Reportage geschrieben. Die Freiheit von Wort und Schrift war zwar verfassungsmäßig garantiert, doch bereits 1922 wurde nach der Ermordung eines Politikers das Republikschutzgesetz erlassen, das diese Freiheit wieder einschränkte. Viele Schriftsteller litten unter dieser Zensur. Dieses Gesetz wurde in der Praxis nur gegen linke Autoren angewandt, nicht aber gegen rechte, die teils in ihren Werken offen Gewalt verherrlichten. Das im Jahr 1926 erlassene Schund- und Schmutzgesetz verstärkte die Grenzen der Zensur nochmals. Später als die Pressenotverordnung im Jahr 1931 in Kraft trat, war sogar die Beschlagnahmung von Schriften und das Verbot von Zeitungen über mehrere Monate möglich.

Zur Zeit des Nationalsozialismus mussten viele Schriftsteller ins Ausland fliehen. Dort entstand die sogenannte Exilliteratur. Ausgangspunkt der Exilbewegung ist der Tag der Bücherverbrennung am 30. Mai 1933 im nationalsozialistischen Deutschland. Alle nicht-arischen Werke wurden verboten und symbolträchtig verbrannt. In Folge dessen flohen zahlreiche Schriftsteller aus Deutschland ins Ausland. Die Exilliteratur bildet eine eigene Literaturepoche in der deutschen Literaturgeschichte. Sie schließt an die Neue Sachlichkeit der Weimarer Republik an. Die Exilliteratur lässt sich insbesondere an den thematischen Schwerpunkten wie Sehnsucht nach der Heimat, Widerstand gegen Nazi-Deutschland oder Aufklärung über den Nationalsozialismus ausmachen. Spezielle formale Merkmale weist die Exilliteratur nicht auf. Die Exilliteratur weist häufig einen Pluralismus der Stile (Expressionismus, Realismus), eine kritische Betrachtung der Wirklichkeit und eine Distanz zwischen Werk und Leser oder Publikum auf. Sie hat häufig die Absicht zur Aufklärung und möchte Gesellschaftsentwicklungen aufzeigen (wandelnder Mensch, Abhängigkeit von der Gesellschaft).

Das 147 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 25 Versen mit insgesamt 3 Strophen. Der Dichter Kurt Tucholsky ist auch der Autor für Gedichte wie „An das Publikum“, „An die Meinige“ und „An einen garnisondienstfähigen Dichter“. Zum Autor des Gedichtes „Auf Urlaub“ haben wir auf abi-pur.de weitere 136 Gedichte veröffentlicht.

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