Was ist im Innern einer Zwiebel? von Kurt Tucholsky

Nun nimmt wohl bald der Bauer Geld aus der Schatullen
und macht sich auf mit seiner Kuh zum Bullen —
mit seiner Kuh.
 
Nun wirft wohl diese Kuh ein Kälbchen sonder Schaden,
und dieses Kälbchen legt dort einen runden Fladen —
das Kälbchen
von der Kuh.
 
Nun wächst aus diesem Fladen auf der Ackerkrume
wohl bald die schönste, rote Bauernblume —
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aus dem Fladen
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von dem Kälbchen
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von der Kuh.
 
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Nun hüpft wohl bald ein Stubenmädchen in dem Grase,
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pflückt einen Strauß für ihr Hotel und stellt in eine Vase
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die Blumen
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aus dem Fladen
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von dem Kälbchen
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von der Kuh.
 
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In diesem so geschmückten Raum — denn sieh, er hat ihn
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ja vorbestellt — liegt froh der heitere Hochzeitsreisende bei seiner Gattin —
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in Zimmer 28
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mit den Blumen
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aus dem Fladen
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von dem Kälbchen
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von der Kuh.
 
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Und hier empfängt sie einen anfangs anonymen Knaben,
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sie trägt ihn aus, gebärt — er ist von großen Gaben —
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der Sohn
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von der Hochzeitsreisenden
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aus Zimmer 28
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mit den Blumen
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aus dem Fladen
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von dem Kälbchen
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von der Kuh.
 
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Der Knabe reift heran, erbt einen ganzen Batzen
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und gründet sich ein Etablissement für Bett-Matratzen:
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der Sohn
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von der Hochzeitsreisenden
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aus Zimmer 28
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mit den Blumen
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aus dem Fladen
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von dem Kälbchen
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von der Kuh.
 
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Nun schneuzt sich breit sein erster Vorarbeiter,
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wischt sich den Bart und pinselt flötend weiter —
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in der Fabrik
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des Sohnes
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von der Hochzeitsreisenden
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aus Zimmer 28
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mit den Blumen
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aus dem Fladen
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von dem Kälbchen
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von der Kuh.
 
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Der Vorarbeiter hat das Bett lackiert. Nun nimmt er einen Schluck.
 
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In diesem Bett tu ich den letzten Atemzug.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (28.3 KB)

Details zum Gedicht „Was ist im Innern einer Zwiebel?“

Anzahl Strophen
10
Anzahl Verse
55
Anzahl Wörter
259
Entstehungsjahr
1929
Epoche
Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit,
Exilliteratur

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Was ist im Innern einer Zwiebel?“ des Autors Kurt Tucholsky. Geboren wurde Tucholsky im Jahr 1890 in Berlin. Das Gedicht ist im Jahr 1929 entstanden. Erscheinungsort des Textes ist Berlin. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text den Epochen Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit oder Exilliteratur zugeordnet werden. Tucholsky ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen.

Der Erste Weltkrieg und die daraufhin folgende Entstehung und der Fall der Weimarer Republik hatten großen Einfluss auf die Literatur der Weimarer Republik. Bei der Neuen Sachlichkeit war der Inhalt der Texte wichtiger als die Form. Die Schreiber dieser Bewegung wollten mit ihren Texten möglichst viele Menschen aus allen sozialen Schichten ansprechen. Aus diesem Grund wurden die Texte in einer alltäglichen Sprache verfasst und wurden oft im Stile einer dokumentarisch-exakten Reportage geschrieben. Viele Schriftsteller litten unter der Zensur in der Weimarer Republik. Im Jahr 1922 wurde nach einem Attentat auf den Reichsaußenminister das Republikschutzgesetz erlassen, das die zunächst verfassungsmäßig garantierte Freiheit von Wort und Schrift in der Weimarer Republik deutlich einschränkte. Dieses Gesetz wurde in der Praxis nur gegen linke Autoren angewandt, nicht aber gegen rechte, die teils in ihren Werken offen Gewalt verherrlichten. Das im Jahr 1926 erlassene Schund- und Schmutzgesetz verstärkte die Grenzen der Zensur nochmals. Später als die Pressenotverordnung im Jahr 1931 in Kraft trat, war sogar die Beschlagnahmung von Schriften und das Verbot von Zeitungen über mehrere Monate möglich.

Zur Zeit des Nationalsozialismus mussten viele Schriftsteller ins Ausland fliehen. Dort entstand die sogenannte Exilliteratur. Ausgangspunkt der Exilbewegung ist der Tag der Bücherverbrennung am 30. Mai 1933 im nationalsozialistischen Deutschland. Alle nicht-arischen Werke wurden verboten und symbolträchtig verbrannt. Daraufhin flohen zahlreiche Schriftsteller aus Deutschland ins Ausland. Die deutsche Exilliteratur schließt an die Neue Sachlichkeit der Weimarer Republik an und bildet damit eine eigene Literaturepoche in der deutschen Literaturgeschichte. Die Exilliteratur lässt sich insbesondere an den typischen Themenschwerpunkten wie Sehnsucht nach der Heimat, Widerstand gegen Nazi-Deutschland oder Aufklärung über den Nationalsozialismus ausmachen. Bestimmte formale Gestaltungsmittel wie zum Beispiel Metrum, Reimschema oder der Gebrauch bestimmter rhetorischer Mittel lassen sich in der Exilliteratur nicht finden. Die Exilliteratur weist häufig einen Pluralismus der Stile (Expressionismus, Realismus), eine kritische Betrachtung der Wirklichkeit und eine Distanz zwischen Werk und Leser oder Publikum auf. Sie hat häufig die Absicht zur Aufklärung und möchte gesellschaftliche Entwicklungen aufzeigen (wandelnder Mensch, Abhängigkeit von der Gesellschaft).

Das 259 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 55 Versen mit insgesamt 10 Strophen. Weitere bekannte Gedichte des Autors Kurt Tucholsky sind „Also wat nu – ja oder ja?“, „An Lukianos“ und „An Peter Panter“. Zum Autor des Gedichtes „Was ist im Innern einer Zwiebel?“ haben wir auf abi-pur.de weitere 136 Gedichte veröffentlicht.

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