Wack’rer Mann von Marie Eugenie Delle Grazie

Wack’rer Mann! Schon früh am Morgen
Öffnet er die Ladenthür,
Räumt, als trüg’ er schwere Sorgen,
Keuchend sein Geräth herfür:
Erst den Dreifuß, dann die Zange,
Ahle, Schusterkneip und Zirn,
Oft auch steht und sinnt er lange,
Oder reibt sich ernst die Stirn;
Endlich sitzt er – doch die Hände
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Ruhen müßig noch im Schooß,
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Denn am linken Straßenende
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Ist ein schlimmer Handel los:
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Frühbezechte Eseltreiber
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Prügeln sich dort blau und wund,
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Und der Chorus ihrer Weiber
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Übt behende Faust und Mund.
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Durch verächtliche Geberden
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Sagt der Meister, was er denkt,
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Bis ein Stiefel, noch im Werden,
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Seine Blicke abwärts lenkt.
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Heut’ noch wird er ihn vollenden –
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O gewiß, er schwört’s bei sich!
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Dreht ihn zwischen kund’gen Händen
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Und holt aus zum ersten Stich.
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Da – ein Ruf, ein flüchtig Grüßen –
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Hastig schießt’s an ihm vorbei –
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„Euer Blatt!“ und ihm zu Füßen
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Liegt die Zeitung. – „Nun es sei!“
 
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Vorerst will er sich berathen,
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Was dem Vaterlande noth,
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Welches Bündnis, welche Thaten –
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Traun, noch ist man Patriot!
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Spät erst, doch mit stolzen Blicken
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Nimmt er seinen Stiefel auf,
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Zwischen ihm und Rom’s Geschicken
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Hastet sein Gedankenlauf,
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Bunt sich kreuzend hin und wieder:
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„Afrika“ und „Crispi“ – „Zwirn“ –
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„Mehr Soldaten“ – auf und nieder
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Rast es so in seinem Hirn,
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Bis der Schweiß in hellen Tropfen
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Von der biedern Stirn ihm fällt
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Und die Hand mit ihrem Klopfen
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Leise bebend innehält.
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Da – ein helles Fensterklirren
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Über ihm – sein Athem stockt –
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„Sie!“ und seine Blicke irren
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Sehnend aufwärts: Schwarzgelockt
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Nickt ein Köpfchen ihm von oben
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Flücht’gen Dank auf seinen Gruß,
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Während er, das Haupt erhoben,
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Nachstarrt, bang und voll Verdruß....
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Nun tritt sie heraus, nun schreitet
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Lächelnd sie dem Corso zu –
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Aus den braunen Händen gleitet
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Ihm zum letzten Mal der Schuh....

Details zum Gedicht „Wack’rer Mann“

Anzahl Strophen
2
Anzahl Verse
56
Anzahl Wörter
291
Entstehungsjahr
1892
Epoche
Realismus

Gedicht-Analyse

Die Autorin des Gedichtes „Wack’rer Mann“ ist Marie Eugenie Delle Grazie. Geboren wurde Delle Grazie im Jahr 1864 in Weißkirchen (Bela Crkva). Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1892. Leipzig ist der Erscheinungsort des Textes. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten der Autorin lassen eine Zuordnung zur Epoche Realismus zu. Bei Delle Grazie handelt es sich um eine typische Vertreterin der genannten Epoche. Das 291 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 56 Versen mit insgesamt 2 Strophen. Die Gedichte „Arco naturale“, „Atlantis“ und „Beatrice Cenci“ sind weitere Werke der Autorin Marie Eugenie Delle Grazie. Auf abi-pur.de liegen zur Autorin des Gedichtes „Wack’rer Mann“ weitere 71 Gedichte vor.

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