Vor dem Einschlafen von Karl Kraus

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Wovor ist mir denn bang?
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Was soll mir denn geschehen?
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Ich werde Neues sehen.
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Und bis dahin ist’s lang.
 
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Was das nur heute ist.
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Es kommt doch immer näher.
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Entging’ ich doch dem Späher!
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Täuscht’ ich ihn nur mit List!
 
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Oh das verlorne Glück!
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O stände doch die Stunde!
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O ging’ es in der Runde
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zum Anfang doch zurück!
 
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Nehmt alle Uhren fort!
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Die Zeit klopft mir im Herzen.
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Wie flackern schon die Kerzen.
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Wie dunkel wird der Ort.
 
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O gäb’s doch Aufenthalt!
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Geheimnis, brich dein Siegel.
19 
Zerbrecht mir dort den Spiegel!
20 
Ich trotze der Gewalt!
 
21 
Schlaf, rett mich vor dem Tod.
22 
Laß mich vom Leben borgen.
23 
Bring wieder mir den Morgen.
24 
Beende diese Not.
 
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Hier neigt sich mir ein Bild,
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und durch ein weises Walten
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verwandeln sich Gestalten,
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es fließt um mich so mild.
 
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Dies alles war einmal.
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Jetzt wird die Last mir linder.
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Wir waren einmal Kinder.
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Ich sinke in mein Tal.
 
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Schon weicht mir das Gesicht.
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Es kommen die Gesichter.
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Verlösch’ ich noch die Lichter,
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so wird es wieder licht.
 
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Nun fühle ich schon Mut.
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Es schwindet das Bewußtsein.
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Ah, es wird eine Lust sein.
40 
Nun wird mir wieder gut.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (26.5 KB)

Details zum Gedicht „Vor dem Einschlafen“

Autor
Karl Kraus
Anzahl Strophen
10
Anzahl Verse
40
Anzahl Wörter
195
Entstehungsjahr
1920
Epoche
Moderne,
Expressionismus,
Avantgarde / Dadaismus

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Vor dem Einschlafen“ wurde von Karl Kraus geschrieben, einem österreichischen Schriftsteller, der von 1874 bis 1936 lebte. Dies legt nahe, dass das Gedicht irgendwann zwischen dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert entstanden ist.

Auf den ersten Blick scheint das Gedicht eine tiefgründige Auseinandersetzung mit den Themen Zeit, Veränderung und Vergänglichkeit zu sein. Der Ton ist eher dunkel und melancholisch, was auf eine gewisse innere Konflikthaftigkeit und eine intensive Selbstreflexion des lyrischen Ichs hinweist.

Das lyrische Ich des Gedichts konfrontiert seine Ängste und Unsicherheiten in einer introspektiven und zutiefst persönlichen Art und Weise. Es scheint von der Vergänglichkeit der Zeit und der Unvermeidlichkeit des alternden und sterbenden Prozesses beunruhigt zu sein und wünscht sich, die Zeit anhalten und zurück in die Vergangenheit gehen zu können. Es scheint in einer inneren Unruhe und Konflikthaftigkeit zu sein, gesteigert durch die Dunkelheit und Stille des nahenden Schlafes. Gegen Ende des Gedichts erfährt es jedoch eine Art Transformation, da das lyrische Ich eine gewisse Akzeptanz und sogar Freude an der Aussicht auf Schlaf und möglicherweise Tod und Wiederauferstehung zum Ausdruck bringt.

Das Gedicht ist streng in der Form mit jeweils vier Versen pro Strophe gestaltet. Die Wortwahl ist schlicht, aber wirkungsvoll, mit einer tiefgründigen emotionalen Resonanz, die die innere Landschaft des lyrischen Ichs vermittelt. Verse wie „Die Zeit klopft mir im Herzen“ und „Verlösch’ ich noch die Lichter, so wird es wieder licht“ erzeugen starke Bilder und assoziative Verbindungen im Kopf des Lesers.

Insgesamt ist Karl Kraus' „Vor dem Einschlafen“ ein emotionales und introspektives Gedicht, das das Wesen von Zeit und Vergänglichkeit erforscht und gleichzeitig die transformative Kraft des Schlafes und möglicherweise des Todes hervorhebt. Dabei werden Schönheit und Tiefe der menschlichen Existenz hervorgehoben und das Universalitätsgefühl geteilt, das diese Themen unweigerlich hervorrufen.

Weitere Informationen

Der Autor des Gedichtes „Vor dem Einschlafen“ ist Karl Kraus. Im Jahr 1874 wurde Kraus in Jičín (WP), Böhmen geboren. Das Gedicht ist im Jahr 1920 entstanden. Der Erscheinungsort ist München. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zu den Epochen Moderne, Expressionismus, Avantgarde / Dadaismus oder Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit zu. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das 195 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 40 Versen mit insgesamt 10 Strophen. Die Gedichte „Abenteuer der Arbeit“, „Absage“ und „Abschied und Wiederkehr“ sind weitere Werke des Autors Karl Kraus. Zum Autor des Gedichtes „Vor dem Einschlafen“ haben wir auf abi-pur.de weitere 61 Gedichte veröffentlicht.

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