Vitzliputzli von Heinrich Heine

Auf dem Haupt trug er den Lorbeer,
Und an seinen Stiefeln glänzten
Goldne Sporen – dennoch war er
Nicht ein Held und auch kein Ritter.
 
Nur ein Räuberhauptmann war er,
Der in’s Buch des Ruhmes einschrieb,
Mit der eignen frechen Faust,
Seinen frechen Namen: Cortez.
 
Unter des Kolumbus Namen
10 
Schrieb er ihn, ja dicht darunter,
11 
Und der Schulbub auf der Schulbank
12 
Lernt’ auswendig beide Namen –
 
13 
Nach dem Christoval Kolumbus,
14 
Nennt er jetzt Fernando Cortez
15 
Als den zweiten großen Mann
16 
In dem Pantheon der Neuwelt.
 
17 
Heldenschicksals letzte Tücke:
18 
Unser Name wird verkoppelt
19 
Mit dem Namen eines Schächers
20 
In der Menschen Angedenken.
 
21 
Wär’s nicht besser, ganz verhallen
22 
Unbekannt, als mit sich schleppen
23 
Durch die langen Ewigkeiten
24 
Solche Namenskameradschaft?
 
25 
Messer Christoval Kolumbus
26 
War ein Held, und sein Gemüthe,
27 
Das so lauter wie die Sonne,
28 
War freigebig auch wie diese.
 
29 
Mancher hat schon viel gegeben,
30 
Aber Jener hat der Welt
31 
Eine ganze Welt geschenket,
32 
Und sie heißt Amerika.
 
33 
Nicht befreien konnt’ er uns
34 
Aus dem öden Erdenkerker,
35 
Doch er wußt’ ihn zu erweitern
36 
Und die Kette zu verlängern.
 
37 
Dankbar huldigt ihm die Menschheit,
38 
Die nicht blos Europamüde,
39 
Sondern Afrikas und Asiens
40 
Endlich gleichfalls müde worden – –
 
41 
Einer nur, ein einz’ger Held,
42 
Gab uns mehr und gab uns Bessres
43 
Als Kolumbus, das ist Jener,
44 
Der uns einen Gott gegeben.
 
45 
Sein Herr Vater, der hieß Amram,
46 
Seine Mutter hieß Jochebeth,
47 
Und er selber, Moses heißt er,
48 
Und er ist mein bester Heros.
 
49 
Doch, mein Pegasus, du weilest
50 
Viel zu lang bei dem Kolumbus –
51 
Wisse, unser heut’ger Flugritt
52 
Gilt dem g’ringern Mann, dem Cortez.
 
53 
Breite aus den bunten Fittig,
54 
Flügelroß! und trage mich
55 
Nach der Neuwelt schönem Lande,
56 
Welches Mexiko geheißen.
 
57 
Trage mich nach jener Burg,
58 
Die der König Montezuma
59 
Gastlich seinen span’schen Gästen
60 
Angewiesen zur Behausung.
 
61 
Doch nicht Obdach blos und Atzung,
62 
In verschwenderischer Fülle,
63 
Gab der Fürst den fremden Strolchen –
64 
Auch Geschenke reich und prächtig,
 
65 
Kostbarkeiten kluggedrechselt,
66 
Von massivem Gold, Juwelen,
67 
Zeugten glänzend von der Huld
68 
Und der Großmuth des Monarchen.
 
69 
Dieser unzivilisirte,
70 
Abergläubisch blinde Heide
71 
Glaubte noch an Treu’ und Ehre
72 
Und an Heiligkeit des Gastrechts.
 
73 
Er willfahrte dem Gesuche,
74 
Beizuwohnen einem Feste,
75 
Das in ihrer Burg die Spanier
76 
Ihm zu Ehren geben wollten –
 
77 
Und mit seinem Hofgesinde,
78 
Arglos, huldreich, kam der König
79 
In das spanische Quartier,
80 
Wo Fanfaren ihn begrüßten.
 
81 
Wie das Festspiel war betitelt,
82 
Weiß ich nicht. Es hieß vielleicht:
83 
„Span’sche Treue!“ doch der Autor
84 
Nannt’ sich Don Fernando Cortez.
 
85 
Dieser gab das Stichwort – plötzlich
86 
Ward der König überfallen,
87 
Und man band ihn und behielt ihn
88 
In der Burg als eine Geisel.
 
89 
Aber Montezuma starb,
90 
Und da war der Damm gebrochen,
91 
Der die kecken Abenteurer
92 
Schützte vor dem Zorn des Volkes.
 
93 
Schrecklich jetzt begann die Brandung –
94 
Wie ein wild empörtes Meer
95 
Tos’ten, ras’ten immer näher
96 
Die erzürnten Menschenwellen.
 
97 
Tapfer schlugen zwar die Spanier
98 
Jeden Sturm zurück. Doch täglich
99 
Ward berennt die Burg auf’s neue,
100 
Und ermüdend war das Kampfspiel.
 
101 
Nach dem Tod des Königs stockte
102 
Auch der Lebensmittel Zufuhr;
103 
Kürzer wurden die Razionen,
104 
Die Gesichter wurden länger.
 
105 
Und mit langen Angesichtern
106 
Sah’n sich an Hispaniens Söhne,
107 
Und sie seufzten und sie dachten
108 
An die traute Christenheimath,
 
109 
An das theure Vaterland,
110 
Wo die frommen Glocken läuten,
111 
Und am Herde friedlich brodelt
112 
Eine Ollea-Potrida,
 
113 
Dick verschmoret mit Garbanzos,
114 
Unter welchen, schalkhaft duftend,
115 
Auch wohl kichernd, sich verbergen
116 
Die geliebten Knoblauchwürstchen.
 
117 
Einen Kriegsrath hielt der Feldherr,
118 
Und der Rückzug ward beschlossen;
119 
In der nächsten Tagesfrühe
120 
Soll das Heer die Stadt verlassen.
 
121 
Leicht gelang’s hineinzukommen
122 
Einst durch List dem klugen Cortez,
123 
Doch die Rückkehr nach dem Festland
124 
Bot fatale Schwierigkeiten.
 
125 
Mexiko, die Inselstadt,
126 
Liegt in einem großen See,
127 
In der Mitte, fluthumrauscht:
128 
Eine stolze Wasserfestung,
 
129 
Mit dem Uferland verkehrend
130 
Nur durch Schiffe, Flöße, Brücken,
131 
Die auf Riesenpfählen ruhen;
132 
Kleine Inseln bilden Furthen.
 
133 
Noch bevor die Sonne aufging
134 
Setzten sich in Marsch die Spanier;
135 
Keine Trommel ward gerühret,
136 
Kein Trompeter blies Reveille.
 
137 
Wollten ihre Wirthe nicht
138 
Aus dem süßen Schlafe wecken –
139 
(Hunderttausend Indianer
140 
Lagerten in Mexiko).
 
141 
Doch der Spanier machte diesmal
142 
Ohne seinen Wirth die Rechnung;
143 
Noch frühzeit’ger aufgestanden
144 
Waren heut’ die Mexikaner.
 
145 
Auf den Brücken, auf den Flößen,
146 
Auf den Furthen harrten sie,
147 
Um den Abschiedstrunk alldorten
148 
Ihren Gästen zu kredenzen.
 
149 
Auf den Brücken, Flößen, Furthen,
150 
Hei! da gab’s ein toll Gelage!
151 
Roth in Strömen floß das Blut
152 
Und die kecken Zecher rangen –
 
153 
Rangen Leib an Leib gepreßt,
154 
Und wir sehn auf mancher nackten
155 
Indianerbrust den Abdruck
156 
Span’scher Rüstungsarabesken.
 
157 
Ein Erdrosseln war’s, ein Würgen,
158 
Ein Gemetzel, das sich langsam,
159 
Schaurig langsam, weiter wälzte,
160 
Ueber Brücken, Flöße, Furthen.
 
161 
Die Indianer sangen, brüllten,
162 
Doch die Spanier fochten schweigend;
163 
Mußten Schritt für Schritt erobern
164 
Einen Boden für die Flucht.
 
165 
In gedrängten Engpaß-Kämpfen
166 
Boten g’ringen Vortheil heute
167 
Alt-Europas strenge Kriegskunst,
168 
Feuerschlünde, Harnisch, Pferde.
 
169 
Viele Spanier waren gleichfalls
170 
Schwer bepackt mit jenem Golde,
171 
Das sie jüngst erpreßt, erbeutet –
172 
Ach, die gelbe Sündenlast
 
173 
Lähmte, hemmte sie im Kampfe,
174 
Und das teuflische Metall
175 
Ward nicht blos der armen Seele,
176 
Sondern auch dem Leib verderblich.
 
177 
Mittlerweile ward der See
178 
Ganz bedeckt von Kähnen, Barken;
179 
Schützen saßen d’rin und schossen
180 
Nach den Brücken, Flößen, Furthen.
 
181 
Trafen freilich im Getümmel
182 
Viele ihrer eignen Brüder,
183 
Doch sie trafen auch gar manchen
184 
Hochvortrefflichen Hidalgo.
 
185 
Auf der dritten Brücke fiel
186 
Junker Gaston, der an jenem
187 
Tag’ die Fahne trug, worauf
188 
Conterfeit die heil’ge Jungfrau.
 
189 
Dieses Bildniß selber trafen
190 
Die Geschosse der Indianer;
191 
Sechs Geschosse blieben stecken
192 
Just im Herzen – blanke Pfeile,
 
193 
Aehnlich jenen güldnen Schwertern,
194 
Die der Mater dolorosa
195 
Schmerzenreiche Brust durchbohren
196 
Bei Charfreitagsprozessionen.
 
197 
Sterbend übergab Don Gaston
198 
Seine Fahne dem Gonzalvo,
199 
Der zu Tod getroffen gleichfalls
200 
Bald dahin sank. – Jetzt ergriff
 
201 
Cortez selbst das theure Banner,
202 
Er, der Feldherr, und er trug es
203 
Hoch zu Roß bis gegen Abend,
204 
Wo die Schlacht ein Ende nahm.
 
205 
Hundert sechzig Spanier fanden
206 
Ihren Tod an jenem Tage;
207 
Ueber achtzig fielen lebend
208 
In die Hände der Indianer.
 
209 
Schwer verwundet wurden Viele,
210 
Die erst später unterlagen.
211 
Schier ein Dutzend Pferde wurde
212 
Theils getödtet, theils erbeutet.
 
213 
Gegen Abend erst erreichten
214 
Cortez und sein Heer das sich’re
215 
Uferland, ein Seegestade,
216 
Karg bepflanzt mit Trauerweiden.
 
217 
II.
 
218 
Nach des Kampfes Schreckenstag,
219 
Kommt die Spuknacht des Triumphes;
220 
Hundert tausend Freudenlampen
221 
Lodern auf in Mexiko.
 
222 
Hundert tausend Freudenlampen,
223 
Waldharzfackeln, Pechkranzfeuer,
224 
Werfen grell ihr Tageslicht
225 
Auf Paläste, Götterhallen,
 
226 
Gildenhäuser und zumal
227 
Auf den Tempel Vitzliputzli’s,
228 
Götzenburg von rothem Backstein,
229 
Seltsam mahnend an ägyptisch,
 
230 
Babylonisch und assyrisch
231 
Kolossalen Bauwerk-Monstren,
232 
Die wir schauen auf den Bildern
233 
Unsers Briten Henri Martin.
 
234 
Ja, das sind dieselben breiten
235 
Rampentreppen, also breit,
236 
Daß dort auf und nieder wallen
237 
Viele tausend Mexikaner,
 
238 
Während auf den Stufen lagern
239 
Rottenweis die wilden Krieger,
240 
Welche lustig banketiren,
241 
Hochberauscht von Sieg und Palmwein.
 
242 
Diese Rampentreppen leiten
243 
Wie ein Zickzack, nach der Plattform,
244 
Einem balustradenart’gen
245 
Ungeheuern Tempeldach.
 
246 
Dort auf seinem Thron-Altar
247 
Sitzt der große Vitzliputzli,
248 
Mexikos blutdürst’ger Kriegsgott.
249 
Ist ein böses Ungethüm,
 
250 
Doch sein Aeußres ist so putzig,
251 
So verschnörkelt und so kindisch,
252 
Daß er trotz des innern Grausens
253 
Dennoch unsre Lachlust kitzelt –
 
254 
Und bei seinem Anblick denken
255 
Wir zu gleicher Zeit etwa
256 
An den blassen Tod von Basel
257 
Und an Brüssels Mannke-Piß.
 
258 
An des Gottes Seite stehen
259 
Rechts die Laien, links die Pfaffen;
260 
Im Ornat von bunten Federn
261 
Spreizt sich heut’ die Klerisey.
 
262 
Auf des Altars Marmorstufen
263 
Hockt ein hundertjährig Männlein,
264 
Ohne Haar an Kinn und Schädel;
265 
Trägt ein scharlach Kamisölchen.
 
266 
Dieses ist der Opfer-Priester,
267 
Und er wetzet seine Messer,
268 
Wetzt sie lächelnd, und er schielet
269 
Manchmal nach dem Gott hinauf.
 
270 
Vitzliputzli scheint den Blick
271 
Seines Dieners zu verstehen,
272 
Zwinkert mit den Augenwimpern
273 
Und bewegt sogar die Lippen.
 
274 
Auf des Altars Stufen kauern
275 
Auch die Tempel-Musici,
276 
Paukenschläger, Kuhhornbläser –
277 
Ein Gerassel und Getute –
 
278 
Ein Gerassel und Getute,
279 
Und es stimmet ein des Chores
280 
Mexikanisches Te-Deum –
281 
Ein Miaulen wie von Katzen –
 
282 
Ein Miaulen wie von Katzen,
283 
Doch von jener großen Sorte,
284 
Welche Tigerkatzen heißen
285 
Und statt Mäuse Menschen fressen!
 
286 
Wenn der Nachtwind diese Töne
287 
Hinwirft nach dem Seegestade,
288 
Wird den Spaniern, die dort lagern,
289 
Katzenjämmerlich zu Muthe.
 
290 
Traurig unter Trauerweiden,
291 
Stehen diese dort noch immer,
292 
Und sie starren nach der Stadt,
293 
Die im dunkeln Seegewässer
 
294 
Wiederspiegelt, schier verhöhnend,
295 
Alle Flammen ihrer Freude –
296 
Stehen dort wie im Parterre
297 
Eines großen Schauspielhauses,
 
298 
Und des Vitzliputzli-Tempels
299 
Helle Plattform ist die Bühne,
300 
Wo zur Siegesfeier jetzt
301 
Ein Mysterium tragirt wird.
 
302 
„Menschenopfer“ heißt das Stück.
303 
Uralt ist der Stoff, die Fabel;
304 
In der christlichen Behandlung
305 
Ist das Schauspiel nicht so gräßlich.
 
306 
Denn dem Blute wurde Rothwein,
307 
Und dem Leichnam, welcher vorkam,
308 
Wurde eine harmlos dünne
309 
Mehlbreispeis transsubstituiret –
 
310 
Diesmal aber, bei den Wilden,
311 
War der Spaß sehr roh und ernsthaft
312 
Aufgefaßt: Man speis’te Fleisch
313 
Und das Blut war Menschenblut.
 
314 
Diesmal war es gar das Vollblut
315 
Von Altchristen, das sich nie,
316 
Nie vermischt hat mit dem Blute
317 
Der Moresken und der Juden.
 
318 
Freu’ dich, Vitzliputzli, freu’ dich,
319 
Heute giebt es Spanier-Blut,
320 
Und am warmen Dufte wirst du
321 
Gierig laben deine Nase.
 
322 
Heute werden dir geschlachtet
323 
Achtzig Spanier, stolze Braten
324 
Für die Tafel deiner Priester,
325 
Die sich an dem Fleisch erquicken.
 
326 
Denn der Priester ist ein Mensch,
327 
Und der Mensch, der arme Fresser,
328 
Kann nicht blos vom Riechen leben
329 
Und vom Dufte, wie die Götter.
 
330 
Horch! die Todespauke dröhnt schon,
331 
Und es kreischt das böse Kuhhorn!
332 
Sie verkünden, daß heraufsteigt
333 
Jetzt der Zug der Sterbemänner.
 
334 
Achtzig Spanier, schmählich nackend,
335 
Ihre Hände auf dem Rücken
336 
Festgebunden, schleppt und schleift man
337 
Hoch hinauf die Tempeltreppe.
 
338 
Vor dem Vitzliputzli-Bilde
339 
Zwingt man sie das Knie zu beugen
340 
Und zu tanzen Possentänze,
341 
Und man zwingt sie durch Torturen,
 
342 
Die so grausam und entsetzlich,
343 
Daß der Angstschrei der Gequälten
344 
Ueberheulet das gesammte
345 
Kannibalen-Charivari. –
 
346 
Armes Publikum am See!
347 
Cortez und die Kriegsgefährten
348 
Sie vernahmen und erkannten
349 
Ihrer Freunde Angstrufstimmen –
 
350 
Auf der Bühne, grellbeleuchtet,
351 
Sahen sie auch ganz genau
352 
Die Gestalten und die Mienen –
353 
Sah’n das Messer, sah’n das Blut –
 
354 
Und sie nahmen ab die Helme
355 
Von den Häuptern, knieten nieder,
356 
Stimmten an den Psalm der Todten
357 
Und sie sangen: De profundis!
 
358 
Unter Jenen, welche starben,
359 
War auch Raimond de Mendoza,
360 
Sohn der schönen Abbatissin,
361 
Cortez’ erste Jugendliebe.
 
362 
Als er auf der Brust des Jünglings
363 
Jenes Medaillon gewahrte,
364 
Das der Mutter Bildniß einschloß,
365 
Weinte Cortez helle Thränen –
 
366 
Doch er wischt sie ab vom Auge
367 
Mit dem harten Büffelhandschuh,
368 
Seufzte tief und sang im Chore
369 
Mit den Andern: miserere!
 
370 
III.
 
371 
Blasser schimmern schon die Sterne,
372 
Und die Morgennebel steigen
373 
Aus der Seefluth, wie Gespenster,
374 
Mit hinschleppend weißen Laken.
 
375 
Fest’ und Lichter sind erloschen
376 
Auf dem Dach des Götzentempels,
377 
Wo am blutgetränkten Estrich
378 
Schnarchend liegen Pfaff und Laie.
 
379 
Nur die rothe Jacke wacht.
380 
Bei dem Schein der letzten Lampe,
381 
Süßlich grinsend, grimmig schäkernd,
382 
Spricht der Priester zu dem Gotte:
 
383 
„Vitzliputzli, Putzlivitzli,
384 
Liebstes Göttchen Vitzliputzli!
385 
Hast dich heute amüsiret,
386 
Hast gerochen Wohlgerüche!
 
387 
„Heute gab es Spanierblut –
388 
O das dampfte so app’titlich,
389 
Und dein feines Leckernäschen
390 
Sog den Duft ein, wollustglänzend.
 
391 
„Morgen opfern wir die Pferde,
392 
Wiehernd edle Ungethüme,
393 
Die des Windes Geister zeugten,
394 
Buhlschaft treibend mit der Seekuh.
 
395 
„Willst du artig sein, so schlacht’ ich
396 
Dir auch meine beiden Enkel,
397 
Hübsche Bübchen, süßes Blut,
398 
Meines Alters einz’ge Freude.
 
399 
„Aber artig mußt du sein,
400 
Mußt uns neue Siege schenken –
401 
Laß uns siegen, liebes Göttchen,
402 
Putzlivitzli, Vitzliputzli!
 
403 
„O verderbe unsre Feinde,
404 
Diese Fremden, die aus fernen
405 
Und noch unentdeckten Ländern
406 
Zu uns kamen über’s Weltmeer –
 
407 
„Warum ließen sie die Heimath?
408 
Trieb sie Hunger oder Blutschuld?
409 
Bleib’ im Land und nähr’ dich redlich,
410 
Ist ein sinnig altes Sprüchwort.
 
411 
„Was ist ihr Begehr? Sie stecken
412 
Unser Gold in ihre Taschen,
413 
Und sie wollen, daß wir droben
414 
Einst im Himmel glücklich werden!
 
415 
„Anfangs glaubten wir, sie wären
416 
Wesen von der höchsten Gattung,
417 
Sonnensöhne, die unsterblich
418 
Und bewehrt mit Blitz und Donner.
 
419 
„Aber Menschen sind sie, tödtbar
420 
Wie wir Andre, und mein Messer
421 
Hat erprobet heute Nacht
422 
Ihre Menschensterblichkeit.
 
423 
„Menschen sind sie und nicht schöner,
424 
Als wir Andre, manche drunter
425 
Sind so häßlich wie die Affen;
426 
Wie bei diesen sind behaart
 
427 
„Die Gesichter, und es heißt
428 
Manche trügen in den Hosen
429 
Auch verborg’ne Affenschwänze –
430 
Wer kein Aff’, braucht keine Hosen.
 
431 
„Auch moralisch häßlich sind sie,
432 
Wissen nichts von Pietät,
433 
Und es heißt, daß sie sogar
434 
Ihre eignen Götter fräßen!
 
435 
„O vertilge diese ruchlos
436 
Böse Brut, die Götterfresser –
437 
Vitzliputzli, Putzlivitzli,
438 
Laß uns siegen Vitzliputzli!“ –
 
439 
Also sprach zum Gott der Priester,
440 
Und des Gottes Antwort tönt
441 
Seufzend, röchelnd, wie der Nachtwind,
442 
Welcher koset mit dem Seeschilf:
 
443 
Rothjack’, Rothjack’, blut’ger Schlächter,
444 
Hast geschlachtet viele Tausend,
445 
Bohre jetzt das Opfermesser
446 
In den eignen alten Leib.
 
447 
Aus dem aufgeschlitzten Leib
448 
Schlüpft alsdann hervor die Seele;
449 
Ueber Kiesel, über Wurzel
450 
Trippelt sie zum Laubfroschteiche.
 
451 
Dorten hocket meine Muhme
452 
Rattenkön’gin – sie wird sagen:
453 
„Guten Morgen, nackte Seele,
454 
Wie ergeht es meinem Neffen?
 
455 
„Vitzliputzelt er vergnügt
456 
In dem honigsüßen Goldlicht?
457 
Wedelt ihm das Glück die Fliegen
458 
Und die Sorgen von der Stirne?
 
459 
„Oder kratzt ihn Katzlagara,
460 
Die verhaßte Unheilsgöttin
461 
Mit den schwarzen Eisenpfoten,
462 
Die in Otterngift getränket?“
 
463 
Nackte Seele, gieb zur Antwort:
464 
Vitzliputzli läßt dich grüßen,
465 
Und er wünscht dir Pestilenz
466 
In den Bauch, Vermaledeite!
 
467 
Denn du riethest ihm zum Kriege,
468 
Und dein Rath, es war ein Abgrund –
469 
In Erfüllung geht die böse,
470 
Uralt böse Prophezeiung
 
471 
Von des Reiches Untergang
472 
Durch die furchtbar bärt’gen Männer,
473 
Die auf hölzernem Gevögel
474 
Hergeflogen aus dem Osten.
 
475 
Auch ein altes Sprüchwort giebt es:
476 
Weiberwille, Gotteswille –
477 
Doppelt ist der Gotteswille,
478 
Wenn das Weib die Mutter Gottes:
 
479 
Diese ist es, die mir zürnet,
480 
Sie, die stolze Himmelsfürstin,
481 
Eine Jungfrau sonder Makel,
482 
Zauberkundig, wunderthätig.
 
483 
Sie beschützt das Spaniervolk,
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Und wir müssen untergehen,
485 
Ich, der ärmste aller Götter,
486 
Und mein armes Mexiko.
 
487 
Nach vollbrachtem Auftrag, Rothjack’,
488 
Krieche deine nackte Seele
489 
In ein Sandloch – Schlafe wohl!
490 
Daß du nicht mein Unglück schauest!
 
491 
Dieser Tempel stürzt zusammen,
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Und ich selber, ich versinke
493 
In dem Qualm – nur Rauch und Trümmer –
494 
Keiner wird mich wiedersehen.
 
495 
Doch ich sterbe nicht; wir Götter
496 
Werden alt wie Papageien,
497 
Und wir mausern nur und wechseln
498 
Auch wie diese das Gefieder.
 
499 
Nach der Heimath meiner Feinde,
500 
Die Europa ist geheißen,
501 
Will ich flüchten, dort beginn ich
502 
Eine neue Carrière.
 
503 
Ich verteufle mich, der Gott
504 
Wird jetzund ein Gott-sei-bei-uns;
505 
Als der Feinde böser Feind,
506 
Kann ich dorten wirken, schaffen.
 
507 
Quälen will ich dort die Feinde,
508 
Mit Phantomen sie erschrecken –
509 
Vorgeschmack der Hölle, Schwefel
510 
Sollen sie beständig riechen.
 
511 
Ihre Weisen, ihre Narren
512 
Will ich ködern und verlocken;
513 
Ihre Tugend will ich kitzeln,
514 
Bis sie lacht wie eine Metze.
 
515 
Ja, ein Teufel will ich werden,
516 
Und als Kameraden grüß’ ich
517 
Satanas und Belial,
518 
Astaroth und Belzebub.
 
519 
Dich zumal begrüß’ ich, Lilis,
520 
Sündenmutter, glatte Schlange!
521 
Lehr’ mich deine Grausamkeiten
522 
Und die schöne Kunst der Lüge!
 
523 
Mein geliebtes Mexiko,
524 
Nimmermehr kann ich es retten,
525 
Aber rächen will ich furchtbar
526 
Mein geliebtes Mexiko.

Details zum Gedicht „Vitzliputzli“

Anzahl Strophen
133
Anzahl Verse
526
Anzahl Wörter
2415
Entstehungsjahr
1851
Epoche
Junges Deutschland & Vormärz

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Vitzliputzli“ ist Heinrich Heine. Heine wurde im Jahr 1797 in Düsseldorf geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1851 zurück. Erscheinungsort des Textes ist Hamburg. Aufgrund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors kann der Text der Epoche Junges Deutschland & Vormärz zugeordnet werden. Bei dem Schriftsteller Heine handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche. Das 2415 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 526 Versen mit insgesamt 133 Strophen. Weitere bekannte Gedichte des Autors Heinrich Heine sind „Abenddämmerung“, „Ach, die Augen sind es wieder“ und „Ach, ich sehne mich nach Thränen“. Zum Autor des Gedichtes „Vitzliputzli“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 529 Gedichte vor.

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