Verse zum Gedächtnis des Schauspielers Josef Kainz von Hugo von Hofmannsthal

O hätt ich seine Stimme, hier um ihn
Zu klagen! Seinen königlichen Anstand,
Mit meiner Klage dazustehn vor euch!
Dann wahrlich wäre diese Stunde groß
Und Glanz und Königtum auf mir, und mehr
Als Trauer: denn dem Tun der Könige
Ist Herrlichkeit und Jubel beigemengt,
Auch wo sie klagen und ein Totenfest begehn.
 
O seine Stimme, daß sie unter uns
10 
Die Flügel schlüge! – Woher tönte sie?
11 
Woher drang dies an unser Ohr? Wer sprach
12 
Mit solcher Zunge? Welcher Fürst und Dämon
13 
Sprach da zu uns? Wer sprach von diesen Brettern
14 
Herab? Wer redete da aus dem Leib
15 
Des Jünglings Romeo, wer aus dem Leib
16 
Des unglückseligen Richard Plantagenet
17 
Oder des Tasso? Wer?
18 
Ein Unverwandelter in viel Verwandlungen,
19 
Ein niebezauberter Bezauberer,
20 
Ein Ungerührter, der uns rührte, einer,
21 
Der fern war, da wir meinten, er sei nah,
22 
Ein Fremdling über allen Fremdlingen,
23 
Einsamer über allen Einsamen,
24 
Der Bote aller Boten, namenlos
25 
Und Bote eines namenlosen Herrn.
 
26 
Er ist an uns vorüber. Seine Seele
27 
War eine allzu schnelle Seele, und
28 
Sein Aug glich allzusehr dem Aug des Vogels.
29 
Dies Haus hat ihn gehabt – doch hielt es ihn?
30 
Wir haben ihn gehabt – er fiel dahin,
31 
Wie unsre eigne Jugend uns entfällt,
32 
Grausam und prangend gleich dem Wassersturz.
 
33 
O Unrast! O Geheimnis, offenkundiges
34 
Geheimnis menschlicher Natur! O Wesen,
35 
Wer warest du? O Schweifender! O Fremdling!
36 
O nächtlicher Gespräche Einsamkeit
37 
Mit deinen höchst zufälligen Genossen!
38 
O starrend tiefe Herzenseinsamkeit!
39 
O ruheloser Geist! Geist ohne Schlaf!
40 
O Geist! O Stimme! Wundervolles Licht!
41 
Wie du hinliefest, weißes Licht, und rings
42 
Ins Dunkel aus den Worten dir Paläste
43 
Hinbautest, drin für eines Herzschlags Frist
44 
Wir mit dir wohnten – Stimme, die wir nie
45 
Vergessen werden – o Geschick – o Ende –
46 
Geheimnisvolles Leben! Dunkler Tod!
 
47 
O wie das Leben um ihn rang und niemals
48 
Ihn ganz verstricken konnte ins Geheimnis
49 
Wollüstiger Verwandlung! Wie er blieb!
50 
Wie königlich er standhielt! Wie er schmal,
51 
Gleich einem Knaben, stand! O kleine Hand
52 
Voll Kraft, o kleines Haupt auf feinen Schultern,
53 
O vogelhaftes Auge, das verschmähte,
54 
Jung oder alt zu sein, schlafloses Aug,
55 
O Aug des Sperbers, der auch vor der Sonne
56 
Den Blick nicht niederschlägt, o kühnes Aug,
57 
Das beiderlei Abgrund gemessen hat,
58 
Des Lebens wie des Todes – Aug des Boten!
59 
O Bote aller Boten, Geist! Du Geist!
60 
Dein Bleiben unter uns war ein Verschmähen,
61 
Fortwollender! Enteilter! Aufgeflogener!
 
62 
Ich klage nicht um dich. Ich weiß jetzt, wer du warst,
63 
Schauspieler ohne Maske du, Vergeistiger,
64 
Du bist empor, und wo mein Auge dich
65 
Nicht sieht, dort kreisest du, dem Sperber gleich,
66 
Dem Unzerstörbaren, und hältst in Fängen
67 
Den Spiegel, der ein weißes Licht herabwirft,
68 
Weißer als Licht der Sterne: dieses Lichtes
69 
Bote und Träger bist du immerdar,
70 
Und als des Schwebend-Unzerstörbaren
71 
Gedenken wir des Geistes, der du bist.
 
72 
O Stimme! Seele! aufgeflogene!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (30.7 KB)

Details zum Gedicht „Verse zum Gedächtnis des Schauspielers Josef Kainz“

Anzahl Strophen
7
Anzahl Verse
72
Anzahl Wörter
456
Entstehungsjahr
1910
Epoche
Moderne

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Verse zum Gedächtnis des Schauspielers Josef Kainz“ ist Hugo von Hofmannsthal. Hofmannsthal wurde im Jahr 1874 in Wien geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1910 zurück. Erscheinungsort des Textes ist Leipzig. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her lässt sich das Gedicht der Epoche Moderne zuordnen. Der Schriftsteller Hofmannsthal ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das 456 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 72 Versen mit insgesamt 7 Strophen. Der Dichter Hugo von Hofmannsthal ist auch der Autor für Gedichte wie „Auf den Tod des Schauspielers Hermann Müller“, „Ballade des äußeren Lebens“ und „Botschaft“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Verse zum Gedächtnis des Schauspielers Josef Kainz“ weitere 40 Gedichte vor.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Fertige Biographien und Interpretationen, Analysen oder Zusammenfassungen zu Werken des Autors Hugo von Hofmannsthal

Wir haben in unserem Hausaufgaben- und Referate-Archiv weitere Informationen zu Hugo von Hofmannsthal und seinem Gedicht „Verse zum Gedächtnis des Schauspielers Josef Kainz“ zusammengestellt. Diese Dokumente könnten Dich interessieren.

Weitere Gedichte des Autors Hugo von Hofmannsthal (Infos zum Autor)

Zum Autor Hugo von Hofmannsthal sind auf abi-pur.de 40 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.