Vernunft und Wahnsinn von Georg Weerth

Dem Morgen träumt nicht, was der Abend bringt,
Wenn lächelnd wohl aus rosenrothem Osten
Sein erster Strahl durch Wald und Fluren dringt
Des Thaues frische Perlensaat zu kosten.
Wenn ihr Erwachen hell die Amsel preis't
Und Hirsche wandeln zu des Thales Bronnen;
Wenn um die Gletscher still der Adler kreis't,
Sich in der Frühe heil'gem Licht zu sonnen.
 
Blau schaut die Blume aus des Feldes Garben;
10 
Auf Moor und Weiher schwankt des Schilfes Kranz.
11 
Es fließt der Strom in Regenbogenfarben
12 
Zum Meere, wiegend seiner Wellen Tanz.
13 
Und rauschend im gewalt'gen Wogenliede
14 
Dehnt unabsehbar sich die grüne Fluth -
15 
Und Freude nur und wundervoller Friede
16 
Auf Festland, Insel und Gewässern ruht.
 
17 
Doch wie zum Mittag wandelt sich der Morgen,
18 
Hüllt sich in Schleier auch des Tages Pracht.
19 
Was einer frühen Stunde tief verborgen,
20 
Es bricht herein mit Angst und Graus und Nacht.
 
21 
Der Himmel tönt von rasselnden Gewittern;
22 
Die Erde zuckt und birst zu jähem Spalt,
23 
Und heulend über Fels und Eichensplittern
24 
Der Sturm entfesselt seine Bahnen wallt.
 
25 
Es ras't die Brandung an zerfetzten Küsten,
26 
Und Dunkel herrscht, bis aus entwölkten Höh'n,
27 
Als ob sie nichts von Sturm und Wetter wüßten,
28 
Die Sterne ruhig strahlend niederseh'n.
29 
Und die vom Staub bis auf zum Firmamente
30 
Gewälzt sich mit dämonischer Gewalt:
31 
Sie schlummern dann, die starken Elemente,
32 
Bis sie ein neuer Kampf zusammenballt.
 
33 
So ewiglich, mit wechselndem Gestalten,
34 
Sklavischen Laufes rollt und kreis’t das All!
35 
Nicht schöner mag sich die Natur entfalten,
36 
Noch wenden sich als zu gewohntem Fall.
37 
Die Welt und Welten aneinander bannte
38 
Mit unerbittlicher Nothwendigkeit:
39 
Nur in den Geistern ihrer Menschen brannte
40 
Sie fort zu schrankenloser Herrlichkeit!
 
41 
Seit von der Lippe greiser Patriarchen
42 
Der Weisheit blumenreiche Rede floß,
43 
Bis wo die Schädel stürzender Monarchen
44 
Zerstampft der Freiheit jugendliches Roß:
45 
Hat die Natur mit ihrer Donnerstimme
46 
Gesungen stets den mahnenden Gesang,
47 
Daß Jeder folge seinem Gram und Grimme
48 
Wie seines Herzens liebevollem Drang.
 
49 
Die gleich der Möve keck die See umschwanken,
50 
Die gleich der Schwalbe ihre Heimath bau'n,
51 
Die gleich der Wolke blitzen den Gedanken
52 
Und gleich dem Falken forschend niederschau'n;
53 
Die sich mit Palmen über Hügeln wiegen,
54 
Mit Rosen träumen auf bemooster Flur,
55 
Die gleich dem Tiger zieh’n von Krieg zu Kriegen -
56 
Sie sollten folgen ihrem Innern nur! -
 
57 
In gleicher Schönheit flammten durch die Zeiten
58 
Des Raumes Wunder; nur zu höherm Flug
59 
Mocht' seines Geistes ries'ge Schwingen breiten
60 
Der Mensch! Der alle Kraft im Busen trug!
 
61 
Der, ob er knechtisch sich im Staube wühlte
62 
Und zitternd sich vor Thron und Altar wand -
63 
Doch wieder keck mit seinen Göttern spielte
64 
Und freier nur und herrlicher erstand!
 
65 
Der eignen Brust ist Freud und Leid entsprungen;
66 
Vernunft und Wahnsinn! Schon Jahrtausend' lang
67 
Hat dieses fürchterliche Paar gerungen,
68 
Den Kampf gewälzt vom Auf- zum Niedergang.
69 
Es weht der Staub zermalmter Nationen
70 
In düstern Massen auf von ihrem Pfad;
71 
Und ob sie ruhig bei einander wohnen -
72 
Sie rasten nur zu neuer, größ'rer That!
 
73 
In Ost und West ein reges Völkerleben;
74 
Vom Meere schallt's bis zu der Wüste Saum.
75 
Das ist ein Ringen, Schaffen nur und Streben
76 
Auf Feldern, Gassen und der Märkte Raum.
77 
Und kommt der Morgen sacht herangeschritten:
78 
Da scheint's, nur Segen schmücke rings das Land,
79 
Als schaue Liebe süß aus hundert Hütten,
80 
Als herrsche rings nur ordnender Verstand. -
 
81 
Wohl mag die Blume außen üppig winken,
82 
In ihrem Herzen wohnt nur Angst und Qual!
83 
Wie einst muß heute noch der Weise trinken
84 
Des Wahnsinns giftdurchflutheten Pokal.
85 
Mit Blute leimen sie ihr Werk zusammen,
86 
Die satt durchtaumeln Tempel und Palast;
87 
Die Armuth röchelt Wimmern und Verdammen
88 
Und wild die Lust aus gold’nen Schüsseln praßt!
 
89 
Doch wie der Wahnsinn, folgend seinem Rechte,
90 
Sinnlos mag rasen - so durch alle Welt
91 
Hat die Vernunft ihr Recht, daß sie die Nächte
92 
Des Wahnsinns funkenstiebend auch erhellt!
93 
Daß, eine Löwin, sie die Glieder schüttelt
94 
Und wieder naht in drohender Gestalt;
95 
Daß sie den Wahnsinn aus den Fugen rüttelt
96 
Und über Trümmer fort zum Siege wallt!
 
97 
Vernichtet wird der Wahn zu Boden rollen,
98 
Der mit Gewalt und schmeichelndem Geschwätz
99 
Gebeut, daß Alle Einem folgen sollen,
100 
Der Schranken schafft und Regeln und Gesetz;
 
101 
Der seine Liebe macht zu Aller Liebe
102 
Und seinen Haß zum Hasse Aller nur,
103 
Der sie vergleicht, die menschlich freien Triebe,
104 
Der Elemente sklavischen Natur! -
 
105 
Der Erde gold’ner Morgen ist verronnen;
106 
Anbrach der wilde, wetterschwang're Tag.
107 
Es hat den langen, herben Streit begonnen,
108 
Was schlummernd einst in tiefster Seele lag.
109 
Fort mag er sich durch alle Zeiten thürmen;
110 
Es kennt der Mensch kein Ruh’n und Stillesteh'n.
111 
Nur aus des Wahnsinns fürchterlichsten Stürmen
112 
Wird die Vernunft zu schönerm Siege geh'n! -

Details zum Gedicht „Vernunft und Wahnsinn“

Autor
Georg Weerth
Anzahl Strophen
17
Anzahl Verse
112
Anzahl Wörter
763
Entstehungsjahr
nach 1838
Epoche
Junges Deutschland & Vormärz

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Vernunft und Wahnsinn“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Georg Weerth. Weerth wurde im Jahr 1822 in Detmold geboren. In der Zeit von 1838 bis 1856 ist das Gedicht entstanden. Der Erscheinungsort ist Zürich. Verlag der Volksbuchhandlung in Hottingen.. Auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors kann der Text der Epoche Junges Deutschland & Vormärz zugeordnet werden. Bei dem Schriftsteller Weerth handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche. Das vorliegende Gedicht umfasst 763 Wörter. Es baut sich aus 17 Strophen auf und besteht aus 112 Versen. Die Gedichte „Der alte Wirth in Lancashire“, „Die Industrie.“ und „Die hundert Männer von Haswell.“ sind weitere Werke des Autors Georg Weerth. Zum Autor des Gedichtes „Vernunft und Wahnsinn“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 12 Gedichte vor.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Weitere Gedichte des Autors Georg Weerth (Infos zum Autor)

Zum Autor Georg Weerth sind auf abi-pur.de 12 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.