Venus Primitiva von Richard Dehmel
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O daß der Kuß doch ewig dauern möchte, |
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– starr stand, wie Binsen starr, der Schwarm der Gäste; |
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der Kuß doch ewig, den ich auf die Rechte, |
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tanztaumelnd dir auf Hals und Brüste preßte! |
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Nein, länger duld’ich nicht dies leere Sehnen, |
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ich will nicht länger in verzücktem Harme |
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die liebekranken Glieder Nächtens dehnen; |
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„O komm, du Weib!“ entbreit’ich meine Arme ... |
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Oh komm! noch fühlt dich zitternd jeder Sinn, |
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vom heißen Duft berauscht aus deinem Kleide, |
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fühlt wogend glühn, du Flammenkönigin, |
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im Aschenflor um dich die Kupferseide. |
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Gieß aus in mich die Schale deiner Glut! |
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ich dürste nach der Sünde: nach dem Grauen |
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vor dieses Feuerregens wilder Brut, |
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vor diesen Weh’n, die wühlend in mir brauen. |
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Es schießt die Saat aus ihrem dunklen Schooß, |
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die lange schmachtend lag in spröder Hülle; |
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ich will mich lauter blühn, lauter und los |
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aus meiner dumpfen Brunst zu Frucht und Fülle! |
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Satt werden will ich meiner scheuen Lust: |
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oh komm, du Weib! nimm auf in deine Schale |
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die Furcht, die Sehnsucht dieser jungen Brust; |
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noch trank ich nie den Rausch eurer Pokale ... |
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Auf Nelkendüften kommt die Nacht gezogen, |
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o kämst auch Du so süß und so verstohlen: |
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so mondesweiß dich in die Sammetwogen, |
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den Purpurflaum der schwärzlichen Violen, |
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die ich dir streun will, an mich her zu betten, |
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daß alle meine Mächte an des Weibes |
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enthüllten Göttlichkeiten sich entketten, |
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versink’ich – in den Teppich – deines – Leibes! |
Details zum Gedicht „Venus Primitiva“
Richard Dehmel
8
32
233
1893
Moderne
Gedicht-Analyse
Das Gedicht „Venus Primitiva“ wurde von Richard Dehmel verfasst, einem deutschsprachigen Dichter aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. In der Zeit der literarischen Moderne entstanden, spiegelt Dehmels Werk oft zeitgenössische Themen wider, insbesondere Fragen der Liebe, Sexualität und gesellschaftlicher Normen.
Nach einem ersten Lesevorgang wirkt das Gedicht sowohl intensiv als auch emotional. Es geht um ungezähmte, leidenschaftliche Liebe und verstößt dabei gegen die damalige gesellschaftliche Norm. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der sinnlichen und körperlichen Seite der Liebe.
Die acht vierzeiligen Strophen berichten uns von der Leidenschaft des lyrischen Ichs, die an die Liebe und das Begehren eines bestimmten „Weibes“ gerichtet ist. Der Wunsch nach einer ewigen Dauer des Kusses und der Anblick der Geliebten führt zu einem unerträglichen Zustand der Sehnsucht, sowohl körperlich als auch emotionell, der das lyrische Ich dazu bringt, seine Arme nach dieser Frau auszustrecken und sie zu sich zu rufen. Es beschreibt die Liebe zu ihr als eine Überflutung der Sinne und verlangt, die Sünde, also die sexuelle Erfüllung, zu trinken. Es beschreibt die Abwesenheit dieser Frau als schmerzhafte Sehnsucht und wünscht sich, satt zu werden von seiner scheuen Lust. Der Tenor des Gedichts ist somit leidenschaftlich und begehrend.
Im Hinblick auf die Form und Sprache des Gedichts fällt zunächst auf, dass das Versmaß und der Reimschema den Gesamteindruck des Gedichts verstärken und zu seiner leidenschaftlichen und drängenden Stimmung beitragen. Der überaus bildhafte und metaphorische Ausdruck führt den Leser durch eine Vielzahl von visuellen und sensorischen Bildern, die das leidenschaftliche und verzehrende Begehren des lyrischen Ichs ausdrücken. Zudem verwendet Dehmel archaisierende Ausdrücke und schafft dadurch eine distanziert-elegische Atmosphäre.
Der Inhalt, die Form und die Sprache des Gedichts machen deutlich, dass Dehmel mit „Venus Primitiva“ einen sehr intensiven und persönlichen Ausdruck von Liebe und Begehren schaffen wollte, der sich sowohl gegen die gesellschaftlichen Normen und Konventionen seiner Zeit richtete als auch tief in die psychologischen und emotionalen Dimensionen dieser Gefühle vordrang.
Weitere Informationen
Der Autor des Gedichtes „Venus Primitiva“ ist Richard Dehmel. Der Autor Richard Dehmel wurde 1863 in Wendisch-Hermsdorf, Mark Brandenburg geboren. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1893. Erschienen ist der Text in München. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zur Epoche Moderne zu. Bei Dehmel handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche. Das 233 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 32 Versen mit insgesamt 8 Strophen. Richard Dehmel ist auch der Autor für Gedichte wie „Bann“, „Bastard“ und „Bitte“. Zum Autor des Gedichtes „Venus Primitiva“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 522 Gedichte vor.
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