Venus Consolatrix von Richard Dehmel

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Dann kam Stern Lucifer; und meine Nacht
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erblaßte scheu vor seiner milden Pracht.
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Er schien auf meine dunkle Zimmerwand,
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und wie aus unerschöpflicher Phiole
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durchflossen Silberadern die Console,
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die schwarz, seit lange leer im Winkel stand.
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Auf einmal fing die Säule an zu leben,
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und eine Frau erhob sich aus dem Glanz,
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die trug im schwarzen Haupthaar einen Kranz
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von gelben Rosen zwischen grünen Reben.
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Ihr Morgenkleid von weißem Sammet glänzte
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so sanft wie meine Heimatflur im Schnee,
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die Rüsche aber, die den Hals begrenzte,
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so blutrot wie die Blüte Aloë,
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und ihre Augen träumten braun ins Tiefe,
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als ob da Sehnsucht nach dem Südmeer schliefe.
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Sie breitete mir beide Arme zu,
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ich sah erstaunt an ihren Handgelenken
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die starken Pulse springen und sich senken,
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da nickte sie und sagte zu mir: Du –
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du bist mühselig und beladen, komm,
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wer viel geliebt, dem wird auch viel verziehen,
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du brauchst das große Leben nicht zu fliehen,
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durch das dein kleines lebt; o komm, sei fromm!
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Und schweigend lüpfte sie die rote Rüsche
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und nestelte an ihren seidnen Litzen
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und öffnete das Kleid von weißem Plüsche
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und zeigte mir mit ihren Fingerspitzen,
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die zart das blanke Licht des Sternes küßte,
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die braunen Warzen ihrer bleichen Brüste,
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dann sprach sie weiter: Sieh! dies Fleisch und Blut,
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das einst den kleinen Heiland selig machte,
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bevor ich an sein großes Kreuz ihn brachte,
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Maria ich, die Nazarenerin,
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oh sieh, es ist desselben Fleisches Blut,
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für das der große Heiland sich erregte,
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bevor ich in sein kleines Grab ihn legte,
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Maria ich, die Magdalenerin –
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komm, stehe auf, und sieh auch Meine Wunden,
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und lerne dich erlösen und gesunden!
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Und lächelnd ließ sie alle Kleider fallen
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und dehnte sich in ihrer nackten Kraft;
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wie heilige Runen glänzten auf der prallen
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Bauchhaut die Narben ihrer Mutterschaft,
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in Linien, die verliefen wundersam
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bis tief ins schwarze Schleierhaar der Scham.
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Da sprach sie wieder und trat her zu mir:
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willst du mir nicht auch in die Augen sehn?
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und meine Blicke badeten in ihr.
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Und eine Sehnsucht: du mußt untergehn,
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ließ mich umarmt durch tiefe Meere schweben,
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mich selig tiefer, immer tiefer streben,
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ich glaube auf den Grund der Welt zu sehn,
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weh schüttelt mich ein nie erlebtes Leben,
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und ihren Kranz von Rosen und von Reben
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umklammernd, während wir verbeben,
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stamml’ich: o auf – auf – auferstehn! –
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (27.9 KB)

Details zum Gedicht „Venus Consolatrix“

Anzahl Strophen
1
Anzahl Verse
57
Anzahl Wörter
387
Entstehungsjahr
1896
Epoche
Moderne

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Venus Consolatrix“ wurde von dem deutschen Schriftsteller Richard Dehmel verfasst und fällt in die Epoche des deutschen Naturalismus und der vorrepublikanischen Zeit, geprägt von einer tiefgreifenden Wandlung in Literatur und Gesellschaft.

Beim ersten Lesen hinterlässt das Gedicht einen starken Eindruck von intensiver, kraftvoller Emotion und Magie. Der Protagonist wirkt fasziniert und gleichzeitig erschrocken von der Schönheit und der Anziehungskraft der Frau, die vor ihm erscheint.

Inhaltlich geht es um das Erwachen des lyrischen Ichs durch die Erscheinung von Venus, der römischen Göttin der Liebe. Sie wird zuerst in Erdentönen beschrieben, mit einem Kranz aus Rosen in ihrem schwarzen Haar und einem durch Sternenlicht erleuchteten Kleid. Sie ruft ihn zu sich, verspricht ihm Erlösung und Offenheit gegenüber dem Leben und offenbart dann ihre Identität als Maria.

Die Figur der Maria wird hier doppelt definiert: einmal als Maria, die Mutter Jesu, die durch ihr „Fleisch und Blut“ Jesus hervorbrachte und ihn zum Heiland machte. Das andere Mal als Maria Magdalena, die biblische Sünderin, auf die Jesus Vergebung und Erneuerung brachte.

Formal ist das Gedicht durch den freien Rhythmus und die variable Verslänge gekennzeichnet, was eine gewisse Dynamik und Flexibilität erzeugt. Der Wechsel zwischen Beschreibung, Erzählung und direkter Ansprache fügt eine lebendige und dialogische Qualität hinzu. Dehmel verwendet ausdrucksstarke Metaphern und erzeugt Bilder von großer körperlicher und emotionaler Intensität.

Sprachlich besticht das Gedicht durch seine sinnliche und zugleich mystische Darstellung. Unter Verwendung von Symbolen wie Sternenlicht und Rosen ist der Text reich an starken visuellen Bildern. Zudem verbindet Dehmel geschickt Körperlichkeit und Spiritualität, heilige und profane Liebe, was zu einer tiefen emotionalen Intensität und gleichzeitig zu einer bestimmten Mehrdeutigkeit führt.

Zusammenfassend ist „Venus Consolatrix“ ein eindrucksvolles Gedicht, das tiefe menschliche Erfahrungen wie Liebe, Sehnsucht und Erlösung auf eine sinnliche und poetische Weise darstellt und darüber hinaus zentrale christliche Themen aufgreift und neu interpretiert. Es spiegelt die künstlerische und geistige Ambivalenz seiner Zeit wider und steht zugleich für Dehmels individuellen poetischen Ansatz.

Weitere Informationen

Richard Dehmel ist der Autor des Gedichtes „Venus Consolatrix“. Der Autor Richard Dehmel wurde 1863 in Wendisch-Hermsdorf, Mark Brandenburg geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1896 zurück. Der Erscheinungsort ist Berlin. Eine Zuordnung des Gedichtes zur Epoche Moderne kann aufgrund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Bei dem Schriftsteller Dehmel handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche. Das vorliegende Gedicht umfasst 387 Wörter. Es baut sich aus nur einer Strophe auf und besteht aus 57 Versen. Weitere bekannte Gedichte des Autors Richard Dehmel sind „Bastard“, „Bitte“ und „Büßende Liebe“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Venus Consolatrix“ weitere 522 Gedichte vor.

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