Unvollkommenheit von Heinrich Heine
1 |
Nichts ist vollkommen hier auf dieser Welt. |
2 |
Der Rose ist der Stachel beigesellt; |
3 |
Ich glaube gar, die lieben holden Engel |
4 |
Im Himmel droben sind nicht ohne Mängel. |
|
|
5 |
Der Tulpe fehlt der Duft. Es heißt am Rhein: |
6 |
Auch Ehrlich stahl einmal ein Ferkelschwein. |
7 |
Hätte Lucretia sich nicht erstochen, |
8 |
Sie wär’ vielleicht gekommen in die Wochen. |
|
|
9 |
Häßliche Füße hat der stolze Pfau. |
10 |
Uns kann die amüsant geistreichste Frau |
11 |
Manchmal langweilen wie die Henriade |
12 |
Voltair’s, sogar wie Klopstock’s Messiade. |
|
|
13 |
Die bravste, klügste Kuh kein Spanisch weiß, |
14 |
Wie Maßmann kein Latein – Der Marmorsteiß |
15 |
Der Venus von Canova ist zu glatte, |
16 |
Wie Maßmanns Nase viel zu ärschig platte. |
|
|
17 |
Im süßen Lied ist oft ein saurer Reim, |
18 |
Wie Bienenstachel steckt im Honigseim. |
19 |
Am Fuß verwundbar war der Sohn der Thetis, |
20 |
Und Alexander Dumas ist ein Metis. |
|
|
21 |
Der strahlenreinste Stern am Himmelzelt, |
22 |
Wenn er den Schnupfen kriegt, herunterfällt. |
23 |
Der beste Aepfelwein schmeckt nach der Tonne, |
24 |
Und schwarze Flecken sieht man in der Sonne. |
|
|
25 |
Du bist, verehrte Frau, du selbst sogar |
26 |
Nicht fehlerfrei, nicht aller Mängel baar. |
27 |
Du schaust mich an – du fragst mich was dir fehle? |
28 |
Ein Busen, und im Busen eine Seele. |
Details zum Gedicht „Unvollkommenheit“
Heinrich Heine
7
28
188
1851
Junges Deutschland & Vormärz
Gedicht-Analyse
Das Gedicht „Unvollkommenheit“ wurde von Heinrich Heine verfasst, einem der bedeutendsten deutschen Dichter des 19. Jahrhunderts. Eine zeitliche Einordnung des Gedichts ist zwar schwierig, doch kann man es in den Kontext des poetischen Schaffens Heines einreihen, das weitgehend von Romantik und später Vormärz geprägt war.
Auf den ersten Blick handelt das Gedicht von Unvollkommenheiten und Mängeln in verschiedensten Aspekten des Lebens. Heine stellt eine Reihe unvollkommener Aspekte dar, beginnend mit der ambivalenten Natur der Rose im ersten Vers, die trotz ihrer Schönheit einen Stachel hat.
Inhaltlich bearbeitet Heine die Unvollkommenheit der Welt und das Überall-Sein von Mängeln. Er illustriert diesen Gedanken anhand mehrerer Beispiele aus der Natur, der Kultur und dem Alltagsleben. Heine nutzt dabei humorvolle, teils sarkastische Vergleiche und überraschende Wendungen: Der Tulpe fehlt der Duft, der sonst so stolze Pfau hat hässliche Füße, und selbst die klügste Kuh kann kein Spanisch. Selbst in der idealisierten Kunst sieht Heine Mängel, wie bei der Venus von Canova, deren Marmorhaut ihm zu glatt erscheint. Am Ende richtet sich Heine an eine Frau, die, obwohl verehrt, auch nicht ohne Mängel ist.
Die Form des Gedichts ist geprägt durch sieben gleich aufgebaute Strophen mit jeweils vier Versen. Das Gedicht hat keinen einheitlichen Reimschema, was die thematische Unvollkommenheit unterstreicht. Heine verwendet eine Alltagssprache, die mit gehobenen Kultur- und Literaturanleihen, etwa Hinweisen auf literarische Werke oder Personen wie Lucretia, Voltaire und Klopstock, durchmischt ist. Seine Sprache ist dabei zugleich einfach und feinsinnig ironisch.
Zusammenfassend spielt Heine in seinem Gedicht „Unvollkommenheit“ mit der Idee, dass nichts auf dieser Welt ohne Mängel ist. Dabei benutzt er eine humorvolle, ironisch-pointierte Sprache und eine Vielzahl von Beispielen aus unterschiedlichen Lebensbereichen, um die allgegenwärtige Unvollkommenheit zu illustrieren. Die formale Struktur des Gedichts unterstreicht dabei diese Botschaft.
Weitere Informationen
Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Unvollkommenheit“ des Autors Heinrich Heine. Im Jahr 1797 wurde Heine in Düsseldorf geboren. Das Gedicht ist im Jahr 1851 entstanden. Der Erscheinungsort ist Hamburg. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Junges Deutschland & Vormärz zugeordnet werden. Der Schriftsteller Heine ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das 188 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 28 Versen mit insgesamt 7 Strophen. Heinrich Heine ist auch der Autor für Gedichte wie „Als ich, auf der Reise, zufällig“, „Alte Rose“ und „Altes Lied“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Unvollkommenheit“ weitere 535 Gedichte vor.
+ Mehr Informationen zum Autor / Gedicht einblenden.
+ Wie analysiere ich ein Gedicht?
Fertige Biographien und Interpretationen, Analysen oder Zusammenfassungen zu Werken des Autors Heinrich Heine
Wir haben in unserem Hausaufgaben- und Referate-Archiv weitere Informationen zu Heinrich Heine und seinem Gedicht „Unvollkommenheit“ zusammengestellt. Diese Dokumente könnten Dich interessieren.
- Heine, Heinrich - Lyrisches Intermezzo (Gedichtinterpretation)
- Heine, Heinrich - Nachtgedanken (Gedichtinterpretation)
- Heine, Heinrich - Deutschland. Ein Wintermärchen (historischer Hintergrund & Analyse)
- Heine, Heinrich - Deutschland. Ein Wintermärchen (Gedichtinterpretation)
- Heine, Heinrich - Der Wind zieht seine Hosen an
Weitere Gedichte des Autors Heinrich Heine (Infos zum Autor)
- Abenddämmerung
- Ach, die Augen sind es wieder
- Ach, ich sehne mich nach Thränen
- Ach, wenn ich nur der Schemel wär’
- Ahnung
- Allnächtlich im Traume seh’ ich dich
- Almansor
- Als ich, auf der Reise, zufällig
- Alte Rose
- Altes Lied
Zum Autor Heinrich Heine sind auf abi-pur.de 535 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.
