Unsterblich von Otto Ernst

Unlängst, als die Größte von den Kleinen,
Meinen Hals umschlingend, vor mir stand,
Fand sie jene Spur an meiner Schläfe,
Wo der Tod hinstrich mit zager Hand.
 
Größer wurden ihre großen Augen.
„Vater - schau! Ein graues Härchen! Schau!“
Und nach einem langen Sinnen sprach sie:
„Warum werden wohl die Menschen grau?“
 
„Nach der Sonne Glück, des Regens Trauer,
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Nach der Tage Glanz, der Nächte Tau
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Werden gelb die schönen grünen Blätter,
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Und der Menschen Haare werden grau.“
 
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Lange sah sie gradaus mir ins Antlitz.
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Plötzlich rief sie: „Väterchen, nicht wahr?
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Bitte, bitte, wenn es ausgefallen,
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Ach, dann gibst du’s mir, das liebe Haar!
 
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Betteln will ich auch bei Mutter, daß sie
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Jedes graue Haar mir geben muß.
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Sammeln will ich sie in meinem Kästchen,
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Und für jedes kriegt ihr einen Kuß.“ -
 
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Tod, du siehst, ich sitze gut im Sattel,
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Tod, mein guter Freund, ich spotte dein.
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Jedes Haar, das du gezeichnet, trägt mir
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Schönheit eines jungen Lebens ein.
 
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Sieh, mein Herz hab' ich mit festen Händen
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Hier im Grund des Hauses eingepflanzt;
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Seine Fülle wird noch Blüten treiben,
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Wenn der Wind mit meinem Staube tanzt.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (25.9 KB)

Details zum Gedicht „Unsterblich“

Autor
Otto Ernst
Anzahl Strophen
7
Anzahl Verse
28
Anzahl Wörter
188
Entstehungsjahr
1907
Epoche
Moderne

Gedicht-Analyse

Otto Ernst ist der Autor des Gedichtes „Unsterblich“. Im Jahr 1862 wurde Ernst in Ottensen bei Hamburg geboren. 1907 ist das Gedicht entstanden. Leipzig ist der Erscheinungsort des Textes. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Moderne zugeordnet werden. Die Zuordnung der Epoche ist ausschließlich auf zeitlicher Basis geschehen. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben bei Verwendung. Das Gedicht besteht aus 28 Versen mit insgesamt 7 Strophen und umfasst dabei 188 Worte. Weitere bekannte Gedichte des Autors Otto Ernst sind „Alles ist ewig“, „An einem leisen Bach“ und „Angelika“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Unsterblich“ weitere 63 Gedichte vor.

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