Unsere Zeit von Rudolf Lavant

Wohl ist es eine Zeit von Eisen,
In der zu wirken uns bestimmt,
Die rauh den Dichtern und den Weisen
Die Sammlung und die Stille nimmt,
Die vorwärts drängt auf Sturmesflügeln
Mit schrillem Pfiff, mit grellem Schrei,
Wo sonst in Thälern und auf Hügeln
Gewebt der Mondnacht Zauberei.
 
Doch diese rauhe Zeit zu hassen –
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Verstockte Blindheit nur vermag’s;
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Es gilt nur eins – sie recht zu fassen,
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Die Dämmerung dieses neuen Tags,
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Der aus dem Zwielicht grauer Dome,
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Wie es der Kinderzeit gebührt,
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Die Menschheit rasch dem vollen Strome
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Des goldnen Lichts entgegenführt.
 
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Weckt aus der Asche die Heroen,
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Die Roms und Hellas’ Größe sahn –
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Wie würden ihre Augen lohen,
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Beträten staunend sie die Bahn!
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Wie würden sie bewundernd preisen
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Die siegreich-frohe Geisterschlacht,
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Die neue Zeit, die Zeit von Eisen
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In aller ihrer Wundermacht!
 
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Wenn zag und scheu die Alten standen
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Vor dem Geheimniß tiefverhüllt,
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Und sich hinweg am Ende wandten,
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Von ahnungsvollem Grau’n erfüllt;
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So haben wir uns durchgerungen
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Auf schwacher, oft verlorner Spur,
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Und sie in unsern Dienst gezwungen,
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Die Riesenkräfte der Natur.
 
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Prometheus, sei um deine kühne
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Glorreiche That von uns gegrüßt,
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Der du den Raub, den ohne Sühne
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Wir jetzt begehen, schwer gebüßt!
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Seit das Geschenk der heil’gen Flamme
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Vom Tisch der Götter du gemacht,
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Ward ungestraft dem Menschenstamme
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So manche Gabe dargebracht.
 
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Doch welche Zeit kann sich berühmen
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So ungebrochnen Siegeszugs?
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Wer ahnt das Ziel des ungestümen,
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Des adlergleichen Sonnenflugs?
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Wo ist die letzte feste Schranke,
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Wo weiß kein tiefes Sinnen Rath,
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Wo schwindelt haltlos der Gedanke,
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Wo sinkt der Arm der kühnen That?
 
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So Unerhörtes ward errungen
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In einer kurzen Spanne Zeit,
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So Urgewalt’ges ward bezwungen –
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Und vor uns liegt’s wie Ewigkeit!
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Wer möchte nicht die Hände heben
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Voll Inbrunst, wie es nie geschehn,
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Und stehen um ein langes Leben,
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Um mehr der Siege noch zu sehn?
 
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Im großen Heer mit Karst und Feder,
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Das kühn des Weltgeists Schlachten schlägt,
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Soldaten wir, von denen jeder
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Den Marschallsstab im Ranzen trägt!
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So laßt als treue Zeitgenossen
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Uns fest denn zu einander stehn
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Und durch die Reihen festgeschlossen
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Ein siegesfrohes Rufen gehn!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (28.2 KB)

Details zum Gedicht „Unsere Zeit“

Anzahl Strophen
8
Anzahl Verse
64
Anzahl Wörter
350
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Unsere Zeit“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Rudolf Lavant. Lavant wurde im Jahr 1844 in Leipzig geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1893 zurück. Der Erscheinungsort ist Stuttgart. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text den Epochen Naturalismus oder Moderne zugeordnet werden. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das vorliegende Gedicht umfasst 350 Wörter. Es baut sich aus 8 Strophen auf und besteht aus 64 Versen. Weitere Werke des Dichters Rudolf Lavant sind „An unsere Gegner“, „An la belle France.“ und „Bekenntnis“. Zum Autor des Gedichtes „Unsere Zeit“ haben wir auf abi-pur.de weitere 96 Gedichte veröffentlicht.

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