Unser Militär von Kurt Tucholsky

Einstmals, als ich ein kleiner Junge
und mit dem Ranzen zur Schule ging,
schrie ich mächtig, aus voller Lunge,
hört ich von fern das Tschingderingdsching.
Lief wohl mitten über den Damm,
stand vor dem Herrn Hauptmann stramm,
vor den Leutnants, den schlanken und steifen…
Und wenn dann die Trommeln und die Pfeifen
übergingen zum Preußenmarsch,
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fiel ich vor Freuden fast auf den Boden –
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die Augen glänzten – zum Himmel stieg
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Militärmusik! Militärmusik!
 
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Die Jahre gingen. Was damals ein Kind
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bejubelt aus kindlichem Herzen,
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sah nun ein Jüngling im russischen Wind
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von nahe, und unter Schmerzen.
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Er sah die Roheit und sah den Betrug.
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Ducken! ducken! noch nicht genug!
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Tiefer ducken! Tiefer bücken!
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Treten und Stoßen auf krumme Rücken!
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Die Leutnants fressen und saufen und huren,
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wenn sie nicht grade auf Urlaub fuhren.
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Die Leutnants saufen und huren und fressen
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das Fleisch und das Weizenbrot wessen? wessen?
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Die Leutnants fressen und huren und saufen…
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Der Mann kann sich kaum das Nötigste kaufen.
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Und hungert. Und stürmt. Und schwitzt. Und marschiert.
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Bis er krepiert.
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Und das sah einer mit brennenden Augen
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und glaubte, der Krempel könne nichts taugen.
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Und glaubte, das müsse zusammenfallen
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zum Heile von Deutschland, zum Heil von uns allen…
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Aber noch übertönte den Jammer im Krieg
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Militärmusik! Militärmusik!
 
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Und heute?
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Ach heute! Die Herren oben
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tun ihren Pater Noske loben
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und brauchen als Stütze für ihr Prinzip
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den alten, trostlosen Leutnantstyp.
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Das verhaftet, regiert und vertobackt Leute,
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damals wie heute, damals wie heute –
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Und fällt einer wirklich mal herein,
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setzt sich ein andrer für ihn ein.
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Liebknecht ist tot. Vogel heidi.
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Solchen Mörder straft Deutschland nie.
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Na und -?
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Der Haß, der da unten sich sammelt,
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hat euch den Weg zwar noch nicht verrammelt.
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Aber das kann noch einmal kommen…!
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Nicht alle Feuer, die tiefrot glommen
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unter der Asche, gehen aus.
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Achtung! Es ist Zündstoff im Haus!
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Wir wollen nicht diese Nationalisten,
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diese Ordnungsbolschewisten
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all das Gesindel, das uns geknutet,
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unter dem Rosa Luxemburg verblutet.
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Nennt ihr es auch Freiwilligenverbände:
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es sind die alten, schmutzigen Hände.
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Wir kennen die Firma, wir kennen den Geist,
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wir wissen, was ein Korpsbefehl heißt…
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Fort damit –!
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Reißt ihre Achselstücke
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in Fetzen – die Kultur kriegt keine Lücke,
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wenn einmal im Lande der verschwindet,
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dessen Druck kein Freier verwindet.
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Es gibt zwei Deutschland – eins ist frei,
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das andre knechtisch, wer es auch sei.
68 
Laß endlich schweigen, o Republik,
69 
Militärmusik! Militärmusik –!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.5 KB)

Details zum Gedicht „Unser Militär“

Anzahl Strophen
3
Anzahl Verse
69
Anzahl Wörter
394
Entstehungsjahr
1919
Epoche
Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit,
Exilliteratur

Gedicht-Analyse

Kurt Tucholsky ist der Autor des Gedichtes „Unser Militär“. Geboren wurde Tucholsky im Jahr 1890 in Berlin. Im Jahr 1919 ist das Gedicht entstanden. Der Erscheinungsort ist Charlottenburg. Auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors kann der Text den Epochen Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit oder Exilliteratur zugeordnet werden. Der Schriftsteller Tucholsky ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen.

In der Literatur der Weimarer Republik wurden auf inhaltlicher Ebene häufig die Ereignisse des Ersten Weltkrieges verarbeitet. Sowohl der Erste Weltkrieg als auch die späteren politischen Gegebenheiten der Weimarer Republik sind prägende Faktoren für diese Epoche. Die Neue Sachlichkeit in der Literatur der Weimarer Republik ist von distanzierter Betrachtung der Welt und Nüchternheit gekennzeichnet und politisch geprägt. Es wurde eine alltägliche Sprache verwendet um mit den Texten so viele Menschen wie möglich anzusprechen. Viele Schriftsteller litten unter der Zensur in der Weimarer Republik. Im Jahr 1922 wurde nach einem Attentat auf den Reichsaußenminister das Republikschutzgesetz erlassen, das die zunächst verfassungsmäßig garantierte Freiheit von Wort und Schrift in der Weimarer Republik deutlich einschränkte. Dieses Gesetz wurde in der Praxis nur gegen linke Autoren angewandt, nicht aber gegen rechte, die teils in ihren Werken offen Gewalt verherrlichten. Das im Jahr 1926 erlassene Schund- und Schmutzgesetz verstärkte die Grenzen der Zensur nochmals. Später als die Pressenotverordnung im Jahr 1931 in Kraft trat, war sogar die Beschlagnahmung von Schriften und das Verbot von Zeitungen über mehrere Monate möglich.

Als Exilliteratur wird die Literatur von Schriftstellern bezeichnet, die unfreiwillig Zuflucht im Ausland suchen müssen, weil ihre Person oder ihr Werk in ihrer Heimat bedroht sind. Für die Flucht ins Exil geben meist religiöse oder politische Gründe den Ausschlag. Die Exilliteratur in Deutschland entstand in den Jahren von 1933 bis 1945 als Literatur der Gegner des Nationalsozialismus. Dabei spielten zum Beispiel die Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 und der deutsche Überfall auf die Nachbarstaaten in den Jahren 1938/39 eine ausschlaggebende Rolle. Die deutsche Exilliteratur schließt an die Neue Sachlichkeit der Weimarer Republik an und bildet damit eine eigene Literaturepoche in der deutschen Literaturgeschichte. Themen wie Verlust der eigenen Kultur, existenzielle Probleme, Sehnsucht nach der Heimat oder Widerstand gegen den Nationalsozialismus sind typisch für diese Epoche der Literatur. Bestimmte formale Merkmale lassen sich jedoch nicht finden. Die Exilliteratur weist häufig einen Pluralismus der Stile (Realismus und Expressionismus), eine kritische Betrachtung der Wirklichkeit und eine Distanz zwischen Werk und Leser oder Publikum auf. Sie hat häufig die Absicht zur Aufklärung und möchte gesellschaftliche Entwicklungen aufzeigen (wandelnder Mensch, Abhängigkeit von der Gesellschaft).

Das 394 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 69 Versen mit insgesamt 3 Strophen. Kurt Tucholsky ist auch der Autor für Gedichte wie „An Lukianos“, „An Peter Panter“ und „An das Publikum“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Unser Militär“ weitere 136 Gedichte vor.

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