Trinklied von Klabund
1 |
Ich sitze mit steifer Geste |
2 |
wie ein Assessor beim Feste. |
3 |
Mein Herz schlägt hinter der Weste, |
4 |
was weiß ich. |
5 |
Hielte der Kragen nicht meinen Schädel, |
6 |
er rollte in deinen Schoß, Mädel, |
7 |
und tränke Tokayer dort edel, |
8 |
was weiß ich. |
|
|
9 |
In mir wogt Näh und Ferne. |
10 |
Prost, goldne Brüder, ihr Sterne! |
11 |
Die Schenkin aus der Taverne, |
12 |
was weiß ich, |
13 |
bringt einen vollen Humpen. |
14 |
Nun sauft, ihr gottvollen Lumpen, |
15 |
und qualmt mit euren Stumpen, |
16 |
was weiß ich. |
|
|
17 |
Ich streichle mit weinfeuchter Tatze |
18 |
dein zartes Fellchen, Katze, |
19 |
schon springt ein Knopf am Latze, |
20 |
was weiß ich. |
21 |
Wir wollen das Fest verlassen |
22 |
und im Mondschein der alten Gassen |
23 |
uns pressen und Liebe prassen, |
24 |
was weiß ich. |
|
|
25 |
Es sind so viele gegangen, |
26 |
die einst an mir gehangen, |
27 |
sie soffen mit mir und sangen, |
28 |
was weiß ich. |
29 |
Und komm ich einst zu sterben, |
30 |
soll eins mir nicht verderben, |
31 |
du sollst das eine mir erben, |
32 |
das weiß ich. |
Details zum Gedicht „Trinklied“
Klabund
4
32
151
1927
Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit
Gedicht-Analyse
Das Gedicht stammt von dem deutschen Schriftsteller und Lyriker Klabund, dessen wirklicher Name Alfred Henschke ist. Er lebte von 1890 bis 1928 und kann damit dem Expressionismus und der Dada-Bewegung zugeordnet werden.
Beim ersten Lesen fällt die lockere Stimmung auf, welche das lyrische Ich einnimmt. Irritationsmomente, wie die wiederkehrende Phrase „was weiß ich“, lassen aber auf eine tieferliegende Unsicherheit und Suche schließen.
Im Gedicht schildert das lyrische Ich eine Trinkgelage, in welcher es sich offenbar in einem Zustand zwischen Nüchternheit und Trunkenheit befindet. Es beschreibt seine steife Geste und sein Herz, das hinter der Weste schlägt, womit es seine Emotionen hinter einer Fassade verbirgt. Es spielt mit der Vorstellung, dass sein Kopf in den Schoß eines Mädchens rollen würde, wenn er nicht durch den Kragen gehalten würde. Außerdem lässt es die Vergänglichkeit zwischen Nähe und Ferne spüren, die es mit den Sternen trinken lässt und die Schankmaid aus der Taverne hereinruft. Mit der Katze flirtet es schamlos und bricht aus dem steifen gesellschaftlichen Rahmen aus, indem es vorschlägt, das Fest zu verlassen und in den alten Gassen unter dem Mondschein Liebe zu machen. Im letzten Abschnitt reflektiert es die Vergänglichkeit der Freundschaften und Lieben, die mit ihm getrunken und gesungen haben, und die Ungewissheit über was nach dem Tod passiert, und lässt dabei nur das eine sicher scheinen: Die Fortsetzung des Trinkgelages.
Formal besteht das Gedicht aus vier Strophen mit jeweils acht Versen. Der Reim ist immer auf den letzten Silbenpaaren der Verse mit einer Ausnahme: Das „was weiß ich“ am Ende jeder zweiten und vierten Zeile einer Strophe (außer der letzten) wird nicht gereimt. Dieser Bruch des Rhythmus und Reims stellt zusammen mit der oft unvollständigen Verständlichkeit der Aussage („was weiß ich“) eine Form von Destruktion und Unsicherheit dar, die typisch für die expressionistische Dichtung ist.
Sprachlich ist das Gedicht recht einfach gehalten. Die Sprache ist salopp und umgangssprachlich, was sich unter anderem in Formulierungen wie „Prost, goldne Brüder, ihr Sterne!“, „sauft, ihr gottvollen Lumpen“ und „Wir wollen das Fest verlassen und im Mondschein der alten Gassen uns pressen und Liebe prassen“ äußert. Damit wird eine fröhliche, ausgelassene Stimmung erzeugt. Die Stimmung wird jedoch durch die wiederkehrenden Ausdrücke des Nichtwissens („was weiß ich“) und des Dahinschwindens („Es sind so viele gegangen“) konterkariert, was auf die innere Unsicherheit und die existenzielle Verunsicherung des lyrischen Ichs hindeutet.
Weitere Informationen
Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Trinklied“ des Autors Klabund. Geboren wurde Klabund im Jahr 1890 in Crossen an der Oder. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1927 zurück. Berlin ist der Erscheinungsort des Textes. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her lässt sich das Gedicht der Epoche Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit zuordnen. Bei Verwendung der Angaben zur Epoche prüfe bitte die Richtigkeit der Zuordnung. Die Auswahl der Epoche ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen und muss daher nicht unbedingt richtig sein. Das vorliegende Gedicht umfasst 151 Wörter. Es baut sich aus 4 Strophen auf und besteht aus 32 Versen. Klabund ist auch der Autor für Gedichte wie „Altes Reiterlied“, „Ausmarsch“ und „Ballade“. Zum Autor des Gedichtes „Trinklied“ haben wir auf abi-pur.de weitere 139 Gedichte veröffentlicht.
+ Wie analysiere ich ein Gedicht?
Weitere Gedichte des Autors Klabund (Infos zum Autor)
- Abschied der Mutter von ihrem Sohn
- Ad notam
- Akim Akimitsch
- Altes Reiterlied
- Ausmarsch
- Ballade
- Baumblüte in Werder
- Bauz
- Berliner Ballade
- Berliner Mittelstandsbegräbnis
Zum Autor Klabund sind auf abi-pur.de 139 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.
