Trifels von Joseph Victor von Scheffel

Noch schwellt kein Grün der Buchen Kronen,
Doch singt die Drossel schon vom Ast,
Und mit dem Weiß der Anemonen
Mischt sich der Primel gelber Glast;
Annweilers Berge seh’ ich wieder
Und ihre Burgdreifaltigkeit,
In Ehren alt, vernarbt und bieder,
Kriegszeugen deutscher Kaiserzeit.
 
Dort Scharfenburg, die schlanke, feine,
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Vor ihr der Felsklotz Anebos,
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Und hier als dritter im Vereine
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Der Reichspfalz Trifels Steinkoloß.
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Ihr Turm mit der Kapelle Erker,
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Der einst die Reichskleinodien barg,
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Des Löwenherzen Richard Kerker
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Wächst mächtig aus des Felsens Mark.
 
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Tanzplatz ist noch der Kamm geheißen,
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Wo einst in zierem Pfauentritt
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Bei Harfenschall und Minneweisen
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Des Kaiserhofes Reigen schritt.
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Ahi! wie sah man Tücher winken,
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Als hier am zwölften Maientag*)
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Bei vieler tausend Helme Blinken
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Der sechste Heinrich Abschieds pflag!
 
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Im ernsten Auge sprüht’ ein Feuer,
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Als klirre schon der Speere Krach:
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„Konstanze, Weib dem Herzen teuer,
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Bald rächen wir Salernos Schmach;
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Eh sich die Wälder herbstlich färben,
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Die heute diese Fahnen sehn,
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Soll siegreich uns und unsern Erben
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Das Reichspanier am Ätna wehn!“
 
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Als ihres Kaisers Heergeleite
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Ritt eine stolze Fürstenschaft
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Und seinem Bruder treu zur Seite
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Philipp von Schwabens junge Kraft.
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Noch zog des Rotbarts blondem Kinde
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Kein Frühlingsahnen durch den Sinn,
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Daß er die Braut Irene finde
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Als dieser Maifahrt Beut’gewinn.
 
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Gleich einer ehernen Schlange wanden
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Die Helme sich den Wald hindurch,
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Und alle Heerdrommeter sandten
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Als Abschiedsgruß das Lied zur Burg:
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„Ihr frische Rosen, sanfte Lilien,
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Lebt wohl und blüht in Gottes Hut;
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Des Adlers Flug geht nach Sizilien,
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Ihn dürstet nach Normannenblut!“
 
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Wer weiß noch von den Rittern allen
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Aus Schwaben, Franken und vom Rhein,
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Die damals fest als Reichsvasallen
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Schwert trugen in der Streiter Reihn:
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Vom Truchseß Markward von Annweiler,
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Trushard vom Kestenberger Schloß,
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Vom treuen Heinz von Meistersele,
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Vom Eberhard von Anebos? ...
 
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... Ob ferner Wasgauhügelreihe
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Sprüht goldner Sonnenuntergang,
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Und still schwebt Frühlingsabendweihe
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Des Reichs verlaßnen Berg entlang.
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Dann, mit des letzten Golds Verglimmen
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Füllt rings die Täler feuchtes Grau,
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Und auch der Seele Saiten stimmen
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Sich äolsharfenweich und lau.
 
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O Jugendkraft, wie wirst du älter!
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Bald tritt auch mir die Stunde nah,
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Da ich nicht mehr durch deutsche Wälder
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Auszieh’ ins Land Italia.
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Bald bleicht des Wandrers müd Gebeine
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Vergessen in der Erde Schoß,
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Und wie des Trifels mürbe Steine,
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So deckt auch seinen Grabstein Moos.
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*) Des Jahres 1194.
Arbeitsblatt zum Gedicht
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Details zum Gedicht „Trifels“

Anzahl Strophen
9
Anzahl Verse
73
Anzahl Wörter
380
Entstehungsjahr
Das Gedicht trägt im Inhaltsverzeichnis der Sämtlichen Werke das Datum 1867
Epoche
Realismus

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Trifels“ des Autors Joseph Victor von Scheffel. Im Jahr 1826 wurde Scheffel in Karlsruhe geboren. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1867. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zur Epoche Realismus zu. Die Angaben zur Epoche prüfe bitte vor Verwendung auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epoche ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich die Literaturepochen zeitlich teilweise überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung fehleranfällig. Das 380 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 73 Versen mit insgesamt 9 Strophen. Weitere Werke des Dichters Joseph Victor von Scheffel sind „Normännerlied“, „Nun liegt die Welt umfangen“ und „Aus dem Trompeter von Säkkingen“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Trifels“ weitere 12 Gedichte vor.

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