Traum von Karl Kraus

Stunden gibt es, wo
mich der eigne Schritt
übereilt und nimmt
meine Seele mit.
 
Könnt’ ich halten sie,
würd’ ich selig sein.
Ach, zuweilen glänzt
in den Tag der Schein.
 
Weiß dann, wie es war,
10 
seh’ ein lichtes Land,
11 
eh’ ich in die Zeit
12 
wurde umgewandt.
 
13 
Staunend stand ich da
14 
und ein Bergbach rinnt
15 
und das ganze Tal
16 
war mir wohlgesinnt.
 
17 
Und der Wind befiehlt,
18 
damit leichtbeschwingt
19 
alles in der Luft
20 
heute mir gelingt.
 
21 
Habe jedes Glück
22 
schon im Flug ereilt.
23 
Alles ist Geschlecht,
24 
wir sind ungeteilt.
 
25 
Alles, er und sie
26 
und ein jeglich Ding
27 
mir in dieser Nacht
28 
an die Sinne ging.
 
29 
Wie sie vollends mich,
30 
wie sie sich vergaß,
31 
und mein Todfeind ach
32 
ihr zur Seite saß —
 
33 
unvergeßlich Bild
34 
unverlorner Spur
35 
von der Übermacht
36 
schwacher Weibnatur!
 
37 
Elfenbeine sinds:
38 
sagt ins Ohr der Traum,
39 
und die ganze Welt
40 
ist ein Zwischenraum.
 
41 
Sie verduftet mir
42 
durch die Sphären hin,
43 
immer ist es so,
44 
wie wenn Pappeln blühn.
 
45 
Wie dein Stern zerbrach,
46 
weiß nicht, wie’s geschah.
47 
Deiner Erde doch
48 
bleib’ ich ewig nah.
 
49 
Immer heißer wird’s
50 
mir auf dieser Bahn,
51 
viele Pforten sind
52 
schon mir aufgetan.
 
53 
Eh mir noch verläuft
54 
dieser Lebenslauf,
55 
ruf’ ich was es gab
56 
mir zum Zeugen auf.
 
57 
Alles wird Gesicht,
58 
jedes Ding ein Mund.
59 
Welche bunte Welt!
60 
Plötzlich spricht ein Hund.
 
61 
Grundlos leben wir,
62 
reichen bis zum Mond.
63 
Einer zeigt mein Grab,
64 
das noch unbewohnt.
 
65 
Einer führt ein Buch
66 
und trägt Sünden ein —
67 
alle retten sich,
68 
alle trinken Wein.
 
69 
Eine Glocke schrillt,
70 
daß die Decke birst.
71 
Wenn du heute nur
72 
nicht gerufen wirst!
 
73 
Schon betäubt der Tag
74 
das verlorne Ohr;
75 
noch umfängt den Blick
76 
jener grüne Flor.
 
77 
Wär’ mein Tag vorbei!
78 
Wieder umgewandt
79 
kehrt’ ich aus der Zeit
80 
in das lichte Land!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.6 KB)

Details zum Gedicht „Traum“

Autor
Karl Kraus
Anzahl Strophen
20
Anzahl Verse
80
Anzahl Wörter
287
Entstehungsjahr
1920
Epoche
Moderne,
Expressionismus,
Avantgarde / Dadaismus

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Traum“ des Autors Karl Kraus. Der Autor Karl Kraus wurde 1874 in Jičín (WP), Böhmen geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1920 zurück. Erscheinungsort des Textes ist München. Eine Zuordnung des Gedichtes zu den Epochen Moderne, Expressionismus, Avantgarde / Dadaismus oder Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit kann aufgrund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Die Angaben zur Epoche prüfe bitte vor Verwendung auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich die Literaturepochen zeitlich teilweise überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung fehleranfällig. Das 287 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 80 Versen mit insgesamt 20 Strophen. Karl Kraus ist auch der Autor für Gedichte wie „Alle Vögel sind schon da“, „Als Bobby starb“ und „An den Schnittlauch“. Zum Autor des Gedichtes „Traum“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 61 Gedichte vor.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Weitere Gedichte des Autors Karl Kraus (Infos zum Autor)

Zum Autor Karl Kraus sind auf abi-pur.de 61 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.