Thränen in schwerer Kranckheit. von Andreas Gryphius
1 |
MIr ist ich weiß nicht wie / ich seufftze für vnd für. |
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Ich weyne Tag vnd Nacht / ich sitz in tausend Schmertzen; |
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Vnd tausend fürcht ich noch / die Krafft in meinem Hertzen |
4 |
Verschwindt / der Geist verschmacht / die Hände sincken mir. |
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Die Wangen werden bleich / der schönen Augen Zier |
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Vergeht / gleich als der Schein der schon verbrannten Kertzen |
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Die Seele wird bestürmmt gleich wie die See im Mertzen. |
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Was ist diß Leben doch / was sind wir / ich vnd ihr? |
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Was bilden wir vns eyn! was wündschen wir zu haben? |
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Itzt sind wir hoch vnd groß / vnd morgen schon vergraben: |
11 |
Itzt Blumen / morgen Kot / wir sind ein Wind / ein Schaum. |
12 |
Ein Nebel / eine Bach / ein Reiff / ein Tau’ ein Schaten. |
13 |
Itzt was vnd morgen nichts / vnd was sind vnser Thaten? |
14 |
Als ein / mit herber Angst durchauß vermischter Traum. |
Details zum Gedicht „Thränen in schwerer Kranckheit.“
Andreas Gryphius
1
14
135
1658
Barock
Gedicht-Analyse
Der Autor des vorliegenden Gedichts ist Andreas Gryphius, ein bedeutender deutscher Lyriker und Dramatiker des 17. Jahrhunderts, weshalb das Gedicht sich zeitlich einordnen lässt in die Epoche des Barock. Der Großteil der Literatur jener Zeit war geprägt von den Erfahrungen des Dreißigjährigen Krieges und der daraus resultierenden Vergänglichkeits- und Endzeitstimmung.
In dem Gedicht „Thränen in schwerer Kranckheit“ beschreibt das lyrische Ich seinen physischen und emotionalen Leidenszustand in der Zeit einer schweren Krankheit. Auf den ersten Eindruck wirkt das Gedicht sehr düster und pessimistisch.
In einfachen Worten wiedergegeben, spricht das lyrische Ich von seinen Leiden, seinen Ängsten und seiner körperlichen Zerrüttung. Es klagt über seine tausend Schmerzen, seine Tränen, seine Schwäche, und das bevorstehende Unvermeidliche – den Tod. Diese Angst und das Leid werden als so überwältigend und allumfassend dargestellt, dass das lyrische Ich mit Verzweiflung auf das Leben blickt und fragt, was das Leben doch sei und was wir eigentlich sind.
Mit Worten wie „wir sind ein Wind / ein Schaum / Ein Nebel / eine Bach / ein Reiff / ein Tau’ ein Schaten“ betont das lyrische Ich die Vergänglichkeit des Lebens und der menschlichen Existenz an sich. Es nennt die menschliche Existenz einen „mit herber Angst durchauß vermischter Traum“, was die Sinnlosigkeit des Lebens und die Verzweiflung des lyrischen Ichs unterstreicht.
Die Form des Gedichtes ist ein Sonett mit 14 Versen und es folgt einem strengen Reimschema. Die Sprache ist charakteristisch für das Barock: altmodisch, stark metaphorisch aber zugleich sehr bildreich und emotionsgeladen. Die metaphernreiche Sprache, die personifizierte Darstellung seiner Krankheitssymptome und die rhetorische Frage „was sind wir / ich vnd ihr?“ verstärken die emotionalen Aspekte seiner Situation und bringen das existenzielle Leiden des lyrischen Ichs überzeugend zum Ausdruck.
Schlussendlich zeigt Gryphius mit „Thränen in schwerer Kranckheit“ einen ungemein persönlichen und innerlichen Einblick in das Leiden, die Angst und die Verzweiflung eines Einzelnen angesichts der Unvermeidbarkeit des Todes. Es ist ein höchst poetischer und emotionaler Ausdruck der barocken Vanitas-Thematik, des Memento Mori, der konstanten Erinnerung an die Vergänglichkeit des Lebens.
Weitere Informationen
Der Autor des Gedichtes „Thränen in schwerer Kranckheit.“ ist Andreas Gryphius. Im Jahr 1616 wurde Gryphius in Glogau geboren. Das Gedicht ist im Jahr 1658 entstanden. Erscheinungsort des Textes ist Breßlau. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her lässt sich das Gedicht der Epoche Barock zuordnen. Bei Gryphius handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche.
Barock stammt vom portugiesischen Wort „barroco“ ab und bedeutet „schiefrunde Perle“. Die Bezeichnung für barock als Adjektiv wurde zunächst abwertend gebraucht. Der Begriff Barock als Bezeichnung für eine Epoche konnte sich erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts durchsetzen und gibt der Literaturepoche zwischen 1600 und 1720 den Namen. Die Literaturepoche des Barocks ist durch ein zentrales Ereignis geprägt, dem Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648. Durch die schlechten sanitären Bedingungen konnten sich Infektionskrankheiten ausbreiten. Rund dreißig Prozent der Menschen kamen durch den Krieg und sich ausbreitenden Seuchen, wie etwa der Pest, ums Leben. Durch die massive Verminderung der Bevölkerung schwächte sich das wirtschaftliche Leben zunehmend ab. Es herrschte in der Literaturepoche des Barocks ein antithetisches (also gegensätzliches) Weltbild. Verschwendung und Luxus der Adeligen standen Leid und Armut innerhalb der einfachen Bevölkerung gegenüber. Die Literatur im Barock war ebenso gekennzeichnet von inhaltlichen Widersprüchen. Diesseits und Jenseits standen sich ebenso gegenüber wie Spiel und Ernst oder etwa Schein und Sein. In der Barockliteratur löste die deutsche Sprache das Lateinische ab. Schriftsteller und Werke sind zahlreich in dieser Zeit. Martin Opitz, Andreas Gryphius oder Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen sind unverkennbare Vertreter der Literaturepoche des Barocks.
Das vorliegende Gedicht umfasst 135 Wörter. Es baut sich aus nur einer Strophe auf und besteht aus 14 Versen. Der Dichter Andreas Gryphius ist auch der Autor für Gedichte wie „An die Welt“, „An sich Selbst“ und „Auff den Sontag deß ernehrenden Versorgers / oder VII. Sontag nach dem Fest der H. Dreyeinigkeit / Marc. 8.“. Zum Autor des Gedichtes „Thränen in schwerer Kranckheit.“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 463 Gedichte vor.
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