Tam O’Shanter von Robert Burns
Eine Erzählung.
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Wenn Käufer und Verkäufer geh’n |
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Und Nachbarn müde Nachbarn seh’n – |
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Denn ’s wird am Markttag immer spät – |
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Das Volk schon zu den Thoren geht; – |
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Dann sitzt man noch bei’m vollen Glase, |
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Und trinkt sich eine rothe Nase, |
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Denkt nicht an lange, schott’sche Wege |
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An Pfühle, Sümpfe, schmale Stege, |
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Die wir passiren bis zu Hause, – |
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Dort sitzt die Frau in warmer Klause, |
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Verzieht den Mund, und spitzt das Ohr, |
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Bereitet ihre Stürme vor. |
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Das fand Tam Shanter auch so wahr |
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Als er in Ayr zu Markte war, |
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Du altes Ayr, so schön zu schauen, |
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Berühmt durch deine schönen Frauen! |
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O Tam! ’S wär besser Dir bekommen, |
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Du hätt’st von Katie Rath genommen! |
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Sie sagte Dir, Du sei’st ein Säufer, |
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Ein heis’rer lüderlicher Keiser, |
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Der vom November zum October, |
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Im Leibe habe seinen Zober, |
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Daß jedesmal wenn von der Mühl’ |
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Zu Haus’ Du kämst, Du hätt’st zu viel, |
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Kein Pferd brächt’st Du mehr nach dem Schmied |
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Ohn’ Dich zu füllen und ihn mit, |
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Du tränkst sogar am heil’gen Sonntag |
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Mit Küster-Jamie bis zum Montag; |
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Sie sagte Dir, Du würdest ruh’n, |
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Ertrunken ’mal im Bett des Doon, |
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Im Dunkeln würden Dich die Hexen, |
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Bei Alloway ’mal abprofexen. |
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O, schöne Frau’n, es kränkt mich sehr |
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Daß mancher Rath, so weisheitsschwer, |
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Den Ihr dem Mann gebt, wenn er irrt, |
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Von jenem nur verachtet wird! – |
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Doch nun zur Sach’: In jener Nacht |
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Hat’s unser Tam wie sonst gemacht. |
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Er saß bei einem warmen Feuer, |
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Die Freunde tranken ungeheuer, |
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Und ihm zur Seite Souter John, |
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Der war von Allen doch die Kron’. |
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Tam liebte ihn mit glühn’den Flammen, |
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Acht Tage war’n sie schon beisammen, |
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Stets durstig wie zwei alte Fässer, |
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Und täglich ward das Ale noch besser. |
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Tam und die Wirthin wurden warm, |
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Er schlang um ihren Leib den Arm, |
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John Souter wurde immer witz’ger, |
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Tam und die Wirthin immer hitz’ger. |
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Wie auch der Sturm dort draußen heule, |
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Das treibt den Tam noch nicht zur Eile. |
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Wohl selten war ein Mann so selig |
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Am Wirthshaustisch so froh und wählich! |
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Wie munt’re Bienen heimwärts fliegen, |
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So flieht die Zeit bei dem Vergnügen; |
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Wohl zu beneiden ist ein König, |
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Doch Tam beneidete ihn wenig. |
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Doch, Lust ist wie der Mohn im Feld |
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Der, rührt man d’ran, zu Boden fällt; |
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Wie auf dem Teich der fall’nde Schnee, |
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Erst weiß und glänzend – dann ade! |
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Als wie das Nordlicht in der Höh’, |
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Schau’st Du nur hin, so sagt’s: ade! |
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Und wie der bunte Regenbogen, |
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Deß Glanz in einem Nu verflogen. – |
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Kein Mensch gebietet je den Zeiten, |
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Die Stunde kommt, wo Tam muß reiten, |
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Und, wenn er noch so sehr sich wehrt, |
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Er muß jetzt auf sein kleines Pferd – |
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Hu! Selten hat wohl solche Nacht |
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Ein Mensch im Freien zugebracht! – |
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Es tobt der Wind, die Wolken treiben; |
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Der Regen rasselt an die Scheiben; |
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Dann zuckt ein feuerrother Strahl, |
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Erhellt den Himmel allzumal. |
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Das sieht doch wohl ein kleines Kind, |
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Daß Hexen auf den Beinen sind. |
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Tam steigt auf seine Mähre Meg, |
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’Ne bess’re trabte nie im Weg, |
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Läßt Lehm und Moder um sich spritzen, |
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Die Winde heulen, Blitze blitzen, |
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Er hält die blaue Kappe fest, |
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Ein altes Lied ertönen läßt, |
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Und schaut sich um mit scheuem Blicke, |
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Daß heimlich ihn kein Geist berücke. – |
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Das mußt ja Alloway schon sein, |
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Wo nächtlich die Gespenster schrei’n! – |
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Jetzt kommt die Furth, wo, in dem Schnee, |
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Der todte Kaufmann fault, o weh! |
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Dann geht es durch das Birkenstück, |
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Wo Carl, der Säufer, brach’s Genick; |
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Dann durch den Dorn, zersaus’t vom Wind, |
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Wo ’n Jäger fand das todte Kind; |
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Da ist der Steinchauf’ – dummes Ding! – |
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Wo Mungo’s Mutter sich erhing; |
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Der Doon braus’t vor ihm mit Gewalt, |
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Der Sturm ras’t heulend durch den Wald; |
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Die Blitze geben fahlen Schein, |
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Dumpf rollt der Donner hinterdrein, |
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Da sieht er schimmernd durch das Grau, |
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Kirk-Alloway, den alten Bau, |
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Er strahlt im vollen Lichterglanze |
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Und d’rinnen lärmt’s von wildem Tanze. |
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Gewalt’ger, starker Gerstensaft |
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O, was zu schau’n giebst du uns Kraft! – |
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Mit einem Räuschchen, ohne Zweifel, |
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Scheert man sich nicht um Höll’ und Teufel! – |
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Der Schweiß rann schon von Tammie’s Stirn, |
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Doch ließ er sich noch nicht verwirr’n; |
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Da bleibt die Maggie plötzlich steh’n, |
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Kein Sporn zwingt sie zum Weitergeh’n, |
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Sie scheuete sich vor dem Licht, |
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Und Tam, sah, oh, ein graus Gesicht: |
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Sah Geister wild mit Hexen tanzen, |
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Nicht Cotillon, gelernt vom Franzen, |
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Doch Hornpipes, Jigs, beim Blitzesscheine, |
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Fuhr jenem Spukzeug in die Beine. |
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In einem Kirchenfenster saß |
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Hu! Der leibhaft’ge Satanas, |
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Grau, schattenhaft, mit grimmem Blick |
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Und machte zu dem Tanz Musik, |
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Er kniff die Bag-Pipe, daß sie stöhnte, |
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Und dumpf der alte Bau erdröhnte. |
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Es standen off’ne Särge da, |
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In denen man die Todten sah. |
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Das Hemde weiß, weiß das Gesicht, |
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Und in der kalten Hand ein Licht. |
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Bei diesem Lichterschein, so klar |
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Sah deutlich Tam, auf dem Altar, |
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Die Knochen von ’nem armen Sünder, |
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Zwei todte, ungetaufte Kinder; |
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Ein Dieb, vom Galgen abgeschnitten, |
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Und röchelnd noch, lag in der Mitten. |
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Dann lagen Beile rings umher, |
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Noch roth von Blut, und Säbel schwer, |
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Ein Strumpfband, das ein Kind erstickte, |
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Ein Messer, mit dem unlängst schickte, |
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Der Sohn den Vater in das Land, |
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Das allen Menschen unbekannt; |
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Juristenzungen, lügenbunt, |
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Wie’n Bettlers Rock, wie’n bunter Hund, |
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Und Priesterherzen, schwarz wie Theer, |
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Die lagen stinkend, rings umher |
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Und noch viel and’res Spukgerüll, |
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Das ich nicht weiter nennen will. – |
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Wie Tammie starrte so mit Grausen, |
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Der Tanz thät immer wilder brausen, |
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Der Pfeifer immer lauter blies |
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Und wilder hin die Tänzer riß; |
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Sie flogen, saus’ten, sprangen, flitzten, |
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Bis alle Geister, rauchten, schwitzten |
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Und warfen ihre Hemden fort – |
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Nun geht’s daohne – auf mein Wort! – |
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Nun Tam! O, Tam! Wär’n das gewesen |
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Vierschröt’ge, tücht’ge, dralle Besen, |
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Die Hemden, anstatt Moder d’rinnen, |
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Von schönem, neuem, schott’schem Linnen, |
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Du hätt’st Dein ein’ges Hosenpaar, |
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Das einstmals blau von Farbe war, |
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O, Tam Du hätt’st es, für Dein Leben, |
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Für diese Vögel hingegeben! – |
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Doch welke Hexen, gelb und alt, |
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Die lassen Dich natürlich kalt, |
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Hör’ sie nur mit den Knochen klappern |
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Und mit zahnlosem Munde plappern! – |
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Und zwischen Allen; klein und krumm, |
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Sprang eine Hexe wild herum; |
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Sie war bekannt, vor langen Jahren, |
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An Carricks Küste, bracht’ Gefahren, |
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Macht Manchem untreu seine Frau, |
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Besprengt das Korn mit gift’gem Thau, |
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Behext das Vieh, besprach das Brot, |
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Und bracht’ der ganzen Gegend Noth. |
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Ihr kurzes Hemd, der Zeit zum Hohn, |
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Trug sie als kleines Mädchen schon; |
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Es war nun etwas mürb’ und dünn, |
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Doch überfroh die Trägerin. – |
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Ah! Guten Morgen, Mutter Grannie! |
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Das Hemd kauft’st Du für Deine Nannie; |
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Nun ist’s auch leider nicht mehr ganz, |
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Doch gut genug zum Hexentanz. |
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Und wie Tam stand, ganz Aug’ und Ohr, |
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Kam’s selbst dem Satan spaßhaft vor; |
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Er rückte lustig hin und her, |
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Spielt wilder auf dem Geisterheer, |
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Nun ging es erst, wie Fett und Flammen; |
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Tam nahm all’ seinen Geist zusammen |
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Und rief ganz laut: „Brav, alter Nick!“ |
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Und dunkel ward’s im Augenlick. – |
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„Fort, Maggie, jetzt gilt’s sich zu packen! |
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Die Hölle ist uns auf den Hacken!“ |
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Wie Bienen plötzlich schwärmen aus, |
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Wenn man zu nah’ kommt ihrem Haus, |
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Wie sie umschwärmen ihren Feind, |
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Der’s gar nicht ’mal so schlimm gemeint; |
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Wie sich das Marktvolk drängt und pufft, |
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Wenn Einer: „Halt den Dieb!“ ausruft, |
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So läuft die Meg, mit Blitzesschnelle |
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Und hinter ihr die ganze Hölle. |
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O, Tam, nun straft man Deine Thaten, |
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Du wirst wie’n Hering nun gebraten! |
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Umsonst sitzt Katie auf der Lauer, |
204 |
Bald trägt die Katie um Dich Trauer! |
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Lauf Meg, es gilt des Tammie Glück! |
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Gewinne nur die schmale Brück’! |
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Dort blase ihnen in’s Gesicht, |
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Sie dürfen über’s Wasser nicht! – |
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Doch eh’ erreicht die Brücke ganz, |
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Packt Meg der Teufel bei dem Schwanz, |
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Denn Graunie, weit den Ander’n vor, |
212 |
Stürzt sich aus Tam, den armen Thor, |
213 |
Doch gab auf Maggie wenig Acht, |
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Die ihr den Sieg bald streitig macht. |
215 |
Ein Sprung befreit den Herrn bald ganz, |
216 |
Doch, ach, verloren ging ihr Schwanz, |
217 |
Die Grannie packte dicht am Rumpf, |
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Und ließ der Maggie kaum ’nen Stumpf. |
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219 |
Die Ihr dies leset, allzumal, |
220 |
Merkt Euch davon nun die Moral: |
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Wenn Ihr zum Trinken seid geneigt, |
222 |
Und gern zu Frau’n in’s Fenster steigt, |
223 |
Denkt, daß die Lust den Preis nicht werth, |
224 |
Und denkt an Tam o’ Shanter’s Pferd! – |
Details zum Gedicht „Tam O’Shanter“
Robert Burns
19
224
1412
1790
Aufklärung,
Empfindsamkeit,
Sturm & Drang
Gedicht-Analyse
Das Gedicht „Tam O’Shanter“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Robert Burns. Burns wurde im Jahr 1759 in Alloway (Ayrshire) geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1790 zurück. Erscheinungsort des Textes ist Berlin. Das Gedicht lässt sich anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her den Epochen Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm & Drang oder Klassik zuordnen. Die Richtigkeit der Epochen sollte vor Verwendung geprüft werden. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Da es keine starren zeitlichen Grenzen bei der Epochenbestimmung gibt, können hierbei Fehler entstehen. Das Gedicht besteht aus 224 Versen mit insgesamt 19 Strophen und umfasst dabei 1412 Worte. Der Dichter Robert Burns ist auch der Autor für Gedichte wie „An die Waldlerche“, „An einen Kuß“ und „Betrog’ner Bursch“. Zum Autor des Gedichtes „Tam O’Shanter“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 101 Gedichte vor.
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