Suchen und Finden von Karl Kraus

Die Dinge sind schon an der Fläche tief,
du mußt sie nur mit Ehrfurcht sagen.
Willst du dich aber weiter wagen,
so weist sich’s oft, daß dich kein Rätsel rief.
 
Beneide nicht, die allen Sinn benagen
und den Gedanken, der da schlief,
eh’ er durch ihre Tageszeiten lief,
gefühllos weckten durch ihr lautes Fragen.
 
Sieh das Gewohnte stets zum ersten Mal.
10 
Dann hat sich alles Suchen dir gelohnt,
11 
das Vorgefundne fügt sich deiner Wahl.
 
12 
Bleibt nur, was ruht, von deinem Drang verschont,
13 
so wird dir das Entlegene banal,
14 
und neu das Nahe und wie ungewohnt!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (24 KB)

Details zum Gedicht „Suchen und Finden“

Autor
Karl Kraus
Anzahl Strophen
4
Anzahl Verse
14
Anzahl Wörter
96
Entstehungsjahr
1920
Epoche
Moderne,
Expressionismus,
Avantgarde / Dadaismus

Gedicht-Analyse

Das Gedicht, „Suchen und Finden“, stammt von Karl Kraus, einem Schriftsteller und Journalisten aus der Zeit des Fin de Siècle. Geboren im Jahre 1874 und verstorben 1936, war er besonders für seine scharfe Kritik an der Presse, dem bestehenden politischen System und den gesellschaftlichen Gegebenheiten seiner Zeit bekannt.

Beim ersten Lesen des Gedichts fallen die tiefe Reflexion und der nachdenkliche Ton auf. Das Thema des Gedichts, die Suche nach Erkenntnis und Wahrheit, ist universell und nach wie vor aktuell. Kraus betont die Bedeutung des Neuen, Unbekannten und der frischen Sichtweise.

Die Hauptbotschaft des Gedichts scheint die Aufforderung zu sein, die Welt immer wieder neu und mit offenem Blick zu betrachten: Die Dinge sind bereits an der Oberfläche tief, man muss nur die Ehrfurcht haben, sie zu erfassen (Verse 1 und 2). Kraus warnt vor Oberflächlichkeit und Anspruch an Wissen, da es oft zu Fehlinterpretationen führt und wahres Verständnis verhindert (Verse 3 und 4). Das lyrische Ich kritisiert Menschen, die Dinge und Gedanken gedankenlos hinterfragen und damit die Intimität und den wahren Wert der Dinge zerstören (Verse 5 bis 8). Stattdessen sollte man alles Gewohnte immer wieder als etwas Neues und Einzigartiges betrachten (Verse 9 bis 14).

In Form und Sprache wählt Kraus eine klare und deutliche Sprache, die einen tiefgründigen Inhalt transportiert. Das Gedicht besteht aus vier Strophen mit unterschiedlicher Versanzahl (zwei Strophen mit jeweils vier Versen und zwei Strophen mit jeweils drei Versen). Die konkrete, bildhafte Sprache und die einfache Satzstruktur machen das Gedicht trotz seiner Dichte und Tiefe gut verständlich. Die lyrischen Ich-Perspektiven, aus denen das Gedicht geschrieben ist, verstärken die persönliche und introspektive Atmosphäre des Werkes. Bei den Reimen handelt es sich um einen umarmenden Reim in den ersten beiden Strophen, während in den letzten beiden Strophen der Kreuzreim verwendet wird. Dies verleiht dem Gedicht eine klare Struktur und Rhythmik.

Insgesamt kann man sagen, dass Karl Kraus in „Suchen und Finden“ dazu aufruft, die Welt immer wieder neu und mit unvoreingenommenem Blick zu betrachten, um zu wahrer Erkenntnis und Wertschätzung zu gelangen. Zugleich warnt er vor Oberflächlichkeit und vorschneller Urteilsbildung. Das Gedicht ist ein Appell an die Tiefe des Denkens und Wahrnehmens – eine Haltung, die auch in der heutigen Zeit Anwendung findet.

Weitere Informationen

Das Gedicht „Suchen und Finden“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Karl Kraus. Kraus wurde im Jahr 1874 in Jičín (WP), Böhmen geboren. Das Gedicht ist im Jahr 1920 entstanden. München ist der Erscheinungsort des Textes. Aufgrund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors kann der Text den Epochen Moderne, Expressionismus, Avantgarde / Dadaismus oder Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit zugeordnet werden. Die Richtigkeit der Epochen sollte vor Verwendung geprüft werden. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Da es keine starren zeitlichen Grenzen bei der Epochenbestimmung gibt, können hierbei Fehler entstehen. Das Gedicht besteht aus 14 Versen mit insgesamt 4 Strophen und umfasst dabei 96 Worte. Karl Kraus ist auch der Autor für Gedichte wie „Abschied und Wiederkehr“, „Alle Vögel sind schon da“ und „Als Bobby starb“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Suchen und Finden“ weitere 61 Gedichte vor.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Weitere Gedichte des Autors Karl Kraus (Infos zum Autor)

Zum Autor Karl Kraus sind auf abi-pur.de 61 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.