Steine am Meeresstrand von Joachim Ringelnatz
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Steine schaumumtollt, |
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Zornig ausgerollt |
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Über Steine. – |
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Freiheit, die ich meine, |
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Gibt es keine. |
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Stille nun. Entbrandet |
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Ruht ihr, feucht umsandet, |
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Unzählbar gesellt, |
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Von der Zeit geschliffen |
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Oder kampfentstellt. – |
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Alle von der Welt |
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Lange rauh begriffen, |
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Schweigt ihr. – Ihr begreift die Welt. |
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Wie ich euch sortiere, |
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Spielerisch verführt: |
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Früchte, Götzen, Tiere, |
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Wie es Phantasie so legt, |
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Habt ihr in mir aufgerührt, |
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Was seit Kindheit mich bewegt. |
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Spitze, trübe, glatte, reine, |
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Platte, freche, winzig kleine, |
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Ausgehöhlte, fette Steine, |
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Plumpe, schiefe, trotzig große – |
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Ja ihr predigt ernst wie froh, |
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Meistens simpel, oft apart, |
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Weit umgrenzte, willenlose |
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Freiheit. – Predigt ebenso |
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Fromm wie hart. |
Details zum Gedicht „Steine am Meeresstrand“
Joachim Ringelnatz
5
28
99
1934
Moderne,
Expressionismus
Gedicht-Analyse
Das Gedicht „Steine am Meeresstrand“ ist von dem deutschen Schriftsteller und Kabarettist Joachim Ringelnatz verfasst worden, der von 1883 bis 1934 lebte. Dies lässt vermuten, dass dieses Gedicht in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde, eine Zeit, die von politischen Umwälzungen und kulturellen Innovationen, sowie von den katastrophalen Ereignissen des Ersten Weltkriegs und dem Aufstieg des Nationalsozialismus gezeichnet ist.
Erster Eindruck: Das Gedicht erzeugt Bilder von bewegten Meereswellen, ruhenden und verschiedenartigen Steinen am Strand und regt zu grundsätzlichen Überlegungen über Freiheit und die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Natur an.
Zum Inhalt: Das lyrische Ich beschreibt in der ersten Strophe die Bewegung der Meereswellen, die Steine umrollen und steht dabei symbolisch für die Freiheit, die in der Realität jedoch nicht existiert. In der zweiten Strophe betrachtet das lyrische Ich eine Gruppe still liegender Steine und reflektiert über ihre Bedeutung – sie sind Zeugen der Zeit und der Welt. In der dritten und vierten Strophe wird verdeutlicht, wie die Phantasie des lyrischen Ichs die Steine sortiert und ihnen verschiedene Eigenschaften und Bedeutungen zuordnet. In der letzten Strophe schließlich stellt das lyrische Ich fest, dass die Steine eine Art Freiheit verkörpern – sie sind sowohl ernst als auch fröhlich, simpel und kunstvoll, fromm und hart.
Form und Sprache: Das Gedicht hat eine uneinheitliche Strophenform, mit variierender Anzahl von Versen pro Strophe (zwischen Vier und Acht). Der Versbau variiert ebenfalls, es finden sich sowohl jambische als auch trochäische Verse. Die Sprache ist bildhaft, aber dennoch klar und verständlich. Es finden sich zahlreiche Personifikationen und Metaphern, die die Steine und das Meer lebendig werden lassen und tiefergehende Bedeutungen erzeugen.
Zusammengefasst: Ringelnatz lässt in diesem Gedicht die Natur für die Unausweichlichkeit und Relativität menschlicher Erfahrungen und Wünsche sprechen. Das lyrische Ich ist auf der Suche nach Freiheit und Bedeutung und findet diese in der Betrachtung und Interpretation der am Meeresstrand liegenden Steine. Diese stehen symbolhaft für die vielfältigen Aspekte und Widersprüche des Lebens, für Veränderung und Beständigkeit, Individuum und Gemeinschaft, Leichtigkeit und Schwere. Es ist ein Gedicht, das zum Nachdenken anregt und den Blick auf die kleinen Dinge des Lebens lenkt, die oft die großen Wahrheiten in sich bergen.
Weitere Informationen
Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Steine am Meeresstrand“ des Autors Joachim Ringelnatz. 1883 wurde Ringelnatz in Wurzen geboren. Im Jahr 1934 ist das Gedicht entstanden. Erschienen ist der Text in Berlin. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text den Epochen Moderne oder Expressionismus zugeordnet werden. Bei dem Schriftsteller Ringelnatz handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epochen. Das vorliegende Gedicht umfasst 99 Wörter. Es baut sich aus 5 Strophen auf und besteht aus 28 Versen. Der Dichter Joachim Ringelnatz ist auch der Autor für Gedichte wie „Abgesehen von der Profitlüge“, „Abglanz“ und „Abschied von Renée“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Steine am Meeresstrand“ weitere 560 Gedichte vor.
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Zum Autor Joachim Ringelnatz sind auf abi-pur.de 560 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.
