Stanzen von Friedrich Schiller
an den Leser
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Die Muse schweigt, mit jungfräulichen Wangen, |
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Erröthen im verschämten Angesicht, |
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Tritt sie vor dich, ihr Urtheil zu empfangen, |
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Sie achtet es, doch fürchtet sie es nicht. |
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Des Guten Beifall wünscht sie zu erlangen, |
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Den Wahrheit rührt, den Flimmer nicht besticht. |
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Nur wem ein Herz, empfänglich für das Schöne, |
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Im Busen schlägt, ist werth, daß er sie kröne. |
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Nicht länger wollen diese Lieder leben, |
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Als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut, |
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Mit schönern Phantasieen es umgeben, |
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Zu höheren Gefühlen es geweiht; |
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Zur fernen Nachwelt wollen sie nicht schweben, |
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Sie tönten, sie verhallen in der Zeit. |
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Des Augenblickes Lust hat sie gebohren, |
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Sie fliehen fort im leichten Tanz der Horen. |
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17 |
Der Lenz erwacht, auf den erwärmten Triften |
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Schießt frohes Leben jugendlich hervor, |
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Die Staude würzt die Luft mit Nektardüften, |
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Den Himmel füllt ein muntrer Sängerchor, |
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Und jung und alt ergeht sich in den Lüften, |
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Und freuet sich, und schwelgt mit Aug und Ohr. |
23 |
Der Lenz entflieht! Die Blume schießt in Saamen, |
24 |
Und keine bleibt von allen, welche kamen. |
Details zum Gedicht „Stanzen“
Friedrich Schiller
3
24
167
1796
Sturm & Drang,
Klassik
Gedicht-Analyse
Das Gedicht „Stanzen“ wurde von Friedrich Schiller verfasst. Schiller lebte von 1759 bis 1805 und zählt somit zur Epoche der Weimarer Klassik, die von 1786 bis 1805 andauerte.
Die zentrale Figur des Gedichtes ist die Muse, die poetische Inspiration. Sie tritt schüchtern vor uns, sucht Anerkennung von den Guten und Wahren, und lediglich diejenigen, die ein Herz für Schönheit besitzen, sind es wert, sie zu krönen. Das lyrische Ich scheint zu sagen, dass Poesie eine schöne, reine Kraft ist, die Respekt verdient, aber auch Respekt vor ihren Lesern hat.
Schillers Gedicht besteht aus drei achtsilbigen Strophen. Seine Sprache ist formell und bisweilen metaphorisch. Der Gebrauch des Personifikation, vor allem der Muse, verleiht dem Ganzen ein bildliches Element. Zudem wird durch den wiederholten Verweis auf das „Herz“ ein Gefühl von Emotionalität aufgebaut.
Im zweiten Abschnitt geht es um die Einstellung des lyrischen Ichs zur Vergänglichkeit seiner Poesie. Die Lieder wollen nur so lange leben, wie sie den Zuhörer erfreuen und zum Grübeln anregen. Sie streben nicht nach ewigem Ruhm und verstummen mit der Zeit. Diese Einstellung spiegelt möglicherweise Schillers Ansichten über den Zweck der Poesie wider: Poesie soll erfreuen und inspirieren, nicht unbedingt den Test der Zeit bestehen.
Der letzte Abschnitt verwendet die Metapher der Jahreszeiten, um das Leben und den Tod zu beschreiben. Der Frühling (Lenz) steht für das Erwachen des Lebens, das Wachsen und Blühen in der Natur. Aber auch dieses erwachende Leben ist letztlich vergänglich, so wie die Lieder des lyrischen Ichs. Damit betont Schiller die Vergänglichkeit alles Schönen und Lebendigen.
Also, Schillers „Stanzen“ ist ein Gedicht über die Macht der Poesie, ihren Respekt vor den Wahren und Guten, und ihre letztendliche Vergänglichkeit. Es lehrt uns, den Moment zu schätzen und die Schönheit in der Flüchtigkeit von Poesie und Leben zu erkennen.
Weitere Informationen
Das Gedicht „Stanzen“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Friedrich Schiller. Schiller wurde im Jahr 1759 in Marbach am Neckar, Württemberg geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1796 zurück. Erschienen ist der Text in Neustrelitz. Das Gedicht lässt sich anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her den Epochen Sturm & Drang oder Klassik zuordnen. Schiller ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen.
Der Sturm und Drang (häufig auch Geniezeit oder Genieperiode genannt) ist eine literarische Epoche, welche zwischen 1765 und 1790 existierte und an die Empfindsamkeit anknüpfte. Später ging sie in die Klassik über. Die Epoche des Sturm und Drang war die Phase der Rebellion junger deutscher Autoren, die sich gegen das gesellschaftliche System und die Prinzipien der Aufklärung wendeten. Die Schriftsteller des Sturm und Drang waren zumeist junge Autoren, häufig unter 30 Jahre alt. Die Schriftsteller versuchten in den Dichtungen eine geeignete Sprache zu finden, um die persönlichen Empfindungen des lyrischen Ichs zum Ausdruck zu bringen. Es wurde eine eigene Jugendsprache und Jugendkultur mit kraftvollen Ausdrücken, Ausrufen, Halbsätzen und Wiederholungen geschaffen. Die traditionellen Werke vorangegangener Epochen wurden dennoch geschätzt und dienten weiterhin als Inspiration. Mit dem Hinwenden Goethes und Schillers zur Weimarer Klassik endete der Sturm und Drang.
Die Weimarer Klassik ist eine Epoche der deutschen Literaturgeschichte, die von zwei bedeutenden Dichtern geprägt wurde: Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Die Literaturepoche beginnt 1786 mit Goethes Italienreise und endet 1832 mit Goethes Tod. Es gibt aber auch zeitliche Eingrenzungen, die das gemeinsame Schaffen der beiden befreundeten Dichter Goethe und Schiller von 1794 bis zu Schillers Tod 1805 als Weimarer Klassik zeitlich festlegen. Sowohl die Bezeichnung Klassik als auch die Bezeichnung Weimarer Klassik sind gebräuchlich. Das literarische Zentrum dieser Epoche lag in Weimar. Von zentraler Bedeutung für die Zeit der Weimarer Klassik ist der Begriff Humanität. Menschlichkeit, Toleranz, Selbstbestimmung, Schönheit und Harmonie sind wichtige inhaltliche Merkmale der Weimarer Klassik. Die Weimarer Klassik orientierte sich an klassischen Vorbildern aus der Antike. Typisch ist ein hohes Sprachniveau und eine reglementierte Sprache. Diese reglementierte Sprache verdeutlicht im Vergleich zum natürlichen Sprachideal der Literaturepoche des Sturm und Drang mit all seinen Derbheiten den Ausgleich zwischen Gefühl und Vernunft. Die Autoren haben in der Weimarer Klassik auf Stil- und Gestaltungsmittel aus der Antike zurückgegriffen. Schiller, Goethe, Wieland und Herder können als die Hauptvertreter der Weimarer Klassik genannt werden. Aber nur Goethe und Schiller inspirierten und motivierten einander durch eine enge Zusammenarbeit und gegenseitige Kritik.
Das vorliegende Gedicht umfasst 167 Wörter. Es baut sich aus 3 Strophen auf und besteht aus 24 Versen. Weitere Werke des Dichters Friedrich Schiller sind „An einen Moralisten“, „Bacchus im Triller“ und „Baurenständchen“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Stanzen“ weitere 220 Gedichte vor.
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