Sittah, die Zigeunerin von Theodor Fontane
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Im Hochgebirg von Cumberland, |
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Zu Füßen einer Felsenwand, |
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Streckt wegesmüd und sonn–ermattet, |
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Von wenig Kiefern nur beschattet, |
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Und von der Armuth nur bewacht, |
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Ein Trupp Zigeuner sich zur Nacht |
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Vor ihnen breitet seine Fluth |
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Ein Bergsee bis an Schottlands Grenze, |
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Und Abendroth-geflochtne Kränze |
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Bespiegeln drinnen ihre Gluth. |
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Des Seees märchenhafte Schöne |
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Ergreift selbst die Zigeunersöhne, |
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Für deren Auge die Natur |
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Der Anblick eines Freundes nur, |
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Den man vieltausendmal betrachtet, |
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Und nichts Besondres mehr erachtet, |
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Bis, wenn er dann urplötzlich fehlt, |
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Die Lieb’ uns doppelt stark beseelt. |
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Doch seltner spiegeln jetzt und blasser |
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Des Himmels Rosen sich im Wasser, |
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Und herwärts, von dem See zur Kluft, |
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Weht kühler schon die Abendluft. |
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Da nimmt das Träumen schnell ein Ende, |
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Geschäftig regen sich die Hände, |
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Und Alt und Jung, und Klein und Groß, |
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Schafft Holz herbei, und Laub und Moos. |
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Der Eine sucht in seiner Tasche |
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Den Stahl, daraus er Funken weckt, |
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Doch eines Andern Tabacksasche |
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Hat schon das Laub in Brand gesteckt. |
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Schon wirft die Flamme rothe Lichter |
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Auf ihre bräunlichen Gesichter; |
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Schon rupft man das gestohlne Huhn, |
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Und eilt, es in den Topf zu thun; |
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Da, während’s drinnen kocht und siedet, |
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Greift einer nach dem Tambourin, |
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Ob immer hungrig und ermüdet, |
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Sie fliegen all zum Tanze hin; |
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Die Augen glühn, die Pfeifen dampfen, |
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Und immer lauter wird gepocht, |
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Und während sie den Boden stampfen, |
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Des Pachters Huhn im Topfe kocht. |
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Der Tanz ist aus; bei frohem Mahle |
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Beschließen sie den frohen Tag, |
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Und aus des Seees weiter Schale |
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Trinkt Jeder, was er trinken mag. |
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Schlicht ist der Trunk, die Hirsche dürfen |
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Ihn theilen an derselben Stell’, |
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Doch läßt sich mehr als Wasser schlürfen |
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Aus Bergessee und Waldesquell; |
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Sie trinken, mit dem Trunk der Rehe, |
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Die Lust in’s tiefste Herz hinein, |
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In ungetrübter Gottesnähe, |
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Und frei, wie Hirsch und Reh zu sein. |
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2. |
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Noch eh’ die Sonn’ heraufgezogen, |
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Sind die Zigeuner ausgeflogen. |
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Als Kesselflicker, Rattenfänger, |
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Hanswurst, Prophet und Bänkelsänger, – |
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Der Eine rechts, der Andere links, |
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Zog Alles in die Dörfer rings. |
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Nur eine Alte, welk und braun, |
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Und unerquicklich anzuschaun, |
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Auf deren Antlitz, vielerfahren, |
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Sich List und Herzensgüte paaren, |
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Sucht noch, mit ihren gelben Händen, |
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Schön-Sittah’s Anzug zu vollenden. |
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Zwölf Jahre mocht’ die Kleine zählen, |
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Und während das Zigeunerweib |
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Sich eilt ihr schwarzes Haar zu strählen, |
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Schwatzt sie zu Sittah’s Zeitvertreib: |
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„Die Flechte noch, – mein Herzenskind, |
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Dann auf, in’s nächste Dorf, geschwind, |
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Dort mach’, auf jedem Pachterhofe, |
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Dich flugs an Tochter oder Zofe; |
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Nimm, wenn sich keine Karte fand, |
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Die Heirathslustge bei der Hand, |
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Und sag ihr, noch in diesem Jahre, |
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Führ’ sie der Liebste zum Altare. |
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Kann sein, es leuchtet ihr nicht ein, |
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Doch denkt sie drum, es könnte sein. |
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Vor allem aber achte schlau, |
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Ob eine junge Pachtersfrau |
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Vielleicht um Kinder, im Gebet |
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Seit lange schon vergeblich fleht, - |
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Und Herzchen, hast du die gefunden, |
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So sag der Aermsten, unumwunden, |
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Daß eh’ der Kuckuck wiederkehre, |
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Ein Kindlein ihr geboren wäre; – |
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Sie mag dann sehn ihr Glück zu haschen, – |
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Wir aber kriegen volle Taschen.“ |
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Die Alte spricht’s, die Kleine lauscht, |
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Die letzte Flechte wird beendet, |
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Und als sie Gruß und Kuß getauscht, |
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Hat Sittah sich in’s Dorf gewendet. |
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Ob sie der jungen Pachtersfrau |
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Ihr unfehlbares Schicksal lehrte, – |
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Erfahren hat man’s nie genau; |
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Doch als sie Abends heimwärts kehrte |
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Und dicht an eines Abgrunds Rand, |
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An dem der schmale Pfad sich wand, |
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In heitrem Muth vorüberschritt, – |
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Nahm sie ein volles Täschchen mit. |
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Die Dornen hatten sie geritzt, |
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Der weite Weg ihr Blut erhitzt, |
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Sie hätt’ ’nen Tag von ihrem Leben |
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Für wenig Wasser hingegeben. |
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So eilt den Felsweg sie entlang; |
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Da fordert schier, am Bergeshang, |
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Ein Brombeerstrauch mit schwarzen Beeren, |
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Sie gastlich auf doch einzukehren. |
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Die Lust ist groß davon zu pflücken, |
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Und abwärts gleitend auf dem Rücken, |
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Labt sie sich mit des Durstes Gier, – – |
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Da weicht der Boden unter ihr. |
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Umsonst, daß sie mit beiden Händen, |
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Selbst an des Felsens harten Wänden |
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Sich krampfhaft anzuklammern sucht, – |
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Sie stürzt hinunter in die Schlucht. |
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Gefolgt von seinen Meutehunden, |
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Hat aus dem nahgelegnen Schloß |
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Der Graf, mit seinem Dienertroß, |
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Das Kind, besinnungslos, gefunden. |
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Doch wenig Wein auf Brust und Stirn, |
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Läßt bald die Pulse wieder schlagen, |
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Und heim wird die Zigeuner-Dirn |
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Zu neuem Lebenslauf getragen. |
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Die Jahre fliehn; der Spielgenoß |
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Von Hirsch und Reh, von Quell und Wind, |
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Ist jetzt, auf seines Retters Schloß, |
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Des kinderlosen Grafen Kind; – |
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Schön, und erkoren Lieb’ und Land |
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Des alten Grafen einst zu erben, |
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Sieht man um Sittah’s Herz und Hand |
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Des Landes stolzen Adel werben. |
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5. |
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Von Gästen wimmelt Hof und Halle, |
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Aus Küch’ und Keller lärmt es laut, |
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Bei Gläserklang und Liederschalle |
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Trinkt man das Wohl der jungen Braut. |
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Schon an der Festestafel oben, |
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Gestützt auf ihres Gatten Arm, |
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Hat Sittah lächelnd sich erhoben, |
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Und grüßt der Gäste lauten Schwarm; – |
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Da plötzlich schallen wilde Töne |
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Im Hofe drunten am Portal, |
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Und Lieder der Zigeunersöhne |
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Ziehn durch den hochzeitlichen Saal. |
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Sie tönen lauter schon - und wilder |
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Saust in der Luft das Tambourin, |
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Da treten halbvergeßne Bilder |
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Auf’s Neu vor Sittah’s Seele hin. |
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Sie ruht, wie sonst in tiefen Schluchten |
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Und hört dem Waldesrauschen zu, |
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Sie blickt, auf’s Neu, von Felsenbuchten |
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Auf Meeressturm und Meeresruh; |
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Sie schaut der Abendröthe Streifen, |
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An denen einst ihr Auge hing, |
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Und möchte wieder danach greifen, |
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Wie Kinder nach dem Schmetterling. |
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Sie hört des Birkhuhns Kreischen wieder, |
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Sie sieht das Irrlicht wieder glühn, |
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Das längs der Haide, auf und nieder, |
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Unstät wie sie, zu wandern schien; |
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Sie möchte wieder, wieder wandern |
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So weit die Himmel Gottes blaun, |
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Auf’s Neu, von einem Tag zum andern, |
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Mit ihren Brüdern Hütten baun. – |
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Da, allgemach, erstirbt die Weise, |
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Und glühend, ohne Blick und Wort, |
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Schleicht Sittah aus dem Saal und leise |
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Sich von des Gatten Seite fort. |
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Die Braut ist alsobald verschwunden, |
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Umsonst durchspäht man Flur und Wald, |
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Sie hat die Grenze schon gefunden, |
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Und ihrer Brüder Aufenthalt. |
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Schon in des Cheviot wilden Kesseln |
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Hat sie ihr Brautgewand zerfetzt, |
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Und löst die langgetragnen Fesseln, |
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Wie ihre schwarzen Flechten jetzt. |
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Schon lagert Alt und Jung im Kreise |
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Um eines Feuers Flackerbrand, |
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Und ihres Liedes wilde Weise |
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Hallt fort von Fels zu Felsenwand: |
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„Zur Wüste wieder will der Löwe, |
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Der Aar zurück in seinen Horst, |
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Nur auf dem Meere jauchzt die Möve, – |
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Und wir allein in Schlucht und Forst. |
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Ihr könnt den Sturzbach nimmer zähmen, |
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Die Wildheit ist sein Wesen nur; – |
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Es heißt uns Luft und Leben nehmen, |
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Nimmt man uns Freiheit und Natur.“ |
Details zum Gedicht „Sittah, die Zigeunerin“
Theodor Fontane
11
195
1068
1851
Realismus
Gedicht-Analyse
Das vorliegende Gedicht „Sittah, die Zigeunerin“ wurde von Theodor Fontane verfasst, einem deutschen Schriftsteller und Poeten des 19. Jahrhunderts, der vor allem für seine realistischen Romane und Balladen bekannt ist.
Beim ersten Lesen entsteht ein lebhaftes und atmosphärisches Bild von der Freiheit und Zigeunerkultur des 19. Jahrhunderts. Es erzählt die Geschichte von Sittah, ein Mädchen aus der Zigeunergemeinschaft, das nach einem Unfall von einem Grafen gefunden und auf seinem Schloss aufgezogen wird. Sie wächst auf und wird zu einem begehrten Teil seiner Welt. Am Tag ihrer Hochzeit jedoch kehrt sie zu ihren Wurzeln und ihrer einstigen Freiheit zurück.
Formal besteht das Gedicht aus neun Strophen mit unregelmäßig wechselnder Anzahl von Versen. Jede Strophe erzählt eine andere Phase in Sittahs Leben: Von ihrem Leben als Zigeunerkind, über ihre Adoption durch den Grafen und ihre anschließende Anpassung an die adlige Lebensweise, bis hin zu ihrer Rückkehr zu ihren Wurzeln.
Die verwendete Sprache ist ausschmückend und bildhaft, voller Metaphern und Vergleiche, die die emotionale Erfahrung Sittahs und die Schönheit der Natur widerspiegeln. Dabei kommt Fontanes Sinn für Detailreichtum und Verständnis für die menschliche Natur zum Ausdruck.
Er nutzt die Figur der Sittah als eine Allegorie auf Freiheit und Unabhängigkeit, und stellt sie gegen die starrere, graue Welt des Adels. Obwohl sie materiellen Reichtum und sozialen Status erlangt hat, sehnt sie sich letztlich nach der Freiheit und dem einfachen Leben, das sie als Kind kannte. Es ist eine Ode an die Unabhängigkeit, das einfache Leben und die natürliche Schönheit der Erde. Das Gedicht impliziert, dass das vermeintlich bessere Leben in Wirklichkeit nicht das ist, was das Individuum tatsächlich braucht oder begehrt.
Es zeigt auch Fontanes Fähigkeit, starke weibliche Charaktere zu schaffen, die trotz der gesellschaftlichen Erwartungen ihren eigenen Weg gehen. Diese Aussage ist durchaus bemerkenswert für seine Zeit, in der Frauen oft auf bestimmte Rollen und Erwartungen beschränkt waren.
Weitere Informationen
Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Sittah, die Zigeunerin“ des Autors Theodor Fontane. Fontane wurde im Jahr 1819 in Neuruppin geboren. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1851. In Berlin ist der Text erschienen. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Realismus zugeordnet werden. Bei dem Schriftsteller Fontane handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche. Das Gedicht besteht aus 195 Versen mit insgesamt 11 Strophen und umfasst dabei 1068 Worte. Weitere bekannte Gedichte des Autors Theodor Fontane sind „An meinem Fünfundsiebzigsten“, „Auf der Treppe von Sanssouci“ und „Ausgang“. Zum Autor des Gedichtes „Sittah, die Zigeunerin“ haben wir auf abi-pur.de weitere 214 Gedichte veröffentlicht.
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- An Lischen
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- An meinem Fünfundsiebzigsten
- Auf der Treppe von Sanssouci
Zum Autor Theodor Fontane sind auf abi-pur.de 214 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.
