Sie sind wieder da! von Rudolf Lavant
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Nun weht es schneidend scharf und kühl |
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Durch Nebelbrau’n herab vom Norden; |
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Am Strand das modische Gewühl |
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Ist dünner jeden Tag geworden; |
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Im Dünensand hat ausflanirt |
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Der Schwarm der großkarrirten Narren, |
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Und in den Schuppen einquartirt |
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Man stillvergnügt die Badekarren. |
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Nun wird an hohlem Zeitvertreib |
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Man in der Großstadt wieder naschen – |
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Man hat sich eben nur den Leib, |
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Man hat die Seele nicht gewaschen. |
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Man wollte ja an Sund und Haff |
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Nicht mit dem Ew’gen sich vermählen, |
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Die Nerven nur, die müd’ und schlaff, |
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Zu kräftigem Genießen stählen. |
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Sie haben an des Meeres Strand |
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Sich nicht gebeugt vor Urgewalten, |
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Sie haben sich mit eitlem Tand, |
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Wie an der Spree, hübsch unterhalten; |
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Dem ganzen schwatzenden Gemisch |
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Von Haken- und Germanennasen – |
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Hat ihm ein Seewind herb und frisch |
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Der Seele trüben Dunst zerblasen? |
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Hat sie der Salzfluth Athemzug |
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Erfüllt mit männlichen Gedanken, |
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Hat er ersetzt durch kühnen Flug |
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Die Niedrigkeit, an der sie kranken? |
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Hat er, wie Hauch der neuen Zeit, |
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Erneuert sie im tiefsten Leben, |
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Der Seele Kampfesfreudigkeit, |
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Dem Rückgrat wieder Halt gegeben? |
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Und hat, wenn hoch und höher stieg |
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Die Fluth mit hohlem, dumpfem Brausen, |
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Des finstern Elementes Sieg |
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Geweckt ein ahnungsvolles Grausen? |
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Und mahnte doch es an den Feind, |
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Den halb erst aufgestandnen Riesen, |
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Hieß es frivol nicht: „Never mind! |
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Nach uns die Sintfluth! Wir genießen!“ |
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Was haben sie am Meer gedacht, |
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Am fluth- und schaumgenetzten Mole? |
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Wie man sein Bett sich weicher macht |
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Durch Zölle und durch Monopole, |
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Wie man das Wahlrecht langsam kürzt, |
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Bis es zuletzt im Herrn entschlafen, |
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Wie man die Strafgesetze würzt |
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Durch „zeitgemäße“ Paragraphen! |
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Was haben sie am Meer geträumt |
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Im Morgenlicht, in Abendhelle, |
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Wenn ihre Sohle leicht beschäumt |
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Die am Gestad’ gebrochne Welle? |
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Wie man es aus den Fugen bringt, |
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Des Volkes Recht, mit goldnen Hebeln, |
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Wie es am sichersten gelingt, |
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Die Presse elegant zu knebeln! |
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Wie man zurückerobern kann |
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Die Freiheit, die man selbst verscherzte – |
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Wo war der wunderliche Mann, |
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Der schrullenhafte, doch beherzte, |
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Der, wenn der Möve Schrei geklagt, |
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Die Sonne sank in goldnen Gluthen, |
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Sich ernst und sinnend das gefragt |
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Und sich gelobt, für sie zu bluten? |
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Die Freiheit höhnt jetzt jeder Zwerg, |
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Und untreu wird ihr selbst der Barde; |
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Der Gentleman von Heidelberg |
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Und Windthorst’s rüst’ge schwarze Garde, |
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Wie mancher Standpunkt sie auch trennt, |
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Höchst einig sind sie über diesen – |
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Die Freiheit, die kein Obdach kennt, |
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Sieht zu den Zöllnern sich verwiesen. |
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So war es einst, so ist es jetzt – |
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Sie findet Liebe und Erbarmen, |
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Sie findet Schirm, verfehmt, gehetzt, |
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Nur bei den Zöllnern und den Armen. |
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Mit ihnen aber – glaubt es nur – |
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Wird sie die Frühlings-Birkhahnbalzen |
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Und selbst die Herbstes-Seebadkur |
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Euch ungemüthlich einst – versalzen! |
Details zum Gedicht „Sie sind wieder da!“
Rudolf Lavant
10
80
440
1893
Naturalismus,
Moderne
Gedicht-Analyse
Das Gedicht „Sie sind wieder da“ wurde von Rudolf Lavant verfasst, der von 1844 bis 1915 lebte. Dies ordnet das Gedicht dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu, einer Epoche, die durch bedeutende gesellschaftliche und politische Veränderungen gekennzeichnet war.
Auf den ersten Blick scheint das Gedicht eine scharfe Kritik an einer bestimmten Gesellschaftsschicht zu sein, die von Lavant durch seine sarkastischen Bemerkungen und ironischen Beschreibungen entlarvt wird.
Das lyrische Ich beschreibt, wie eine Gruppe von Menschen - offenbar Angehörige der oberen Gesellschaftsschichten - von einem Seebad in die Stadt zurückkehrt. Es wird der Vorwurf einer Oberflächlichkeit gemacht, einer Vorliebe für sinnlosen Zeitvertreib und die Unfähigkeit, echte Erfahrungen oder Erkenntnisse aus ihrer Zeit am Meer zu ziehen. Das lyrische Ich scheint diese Menschen zu kritisieren, die sich nicht von den elementaren Kräften des Meeres berühren lassen, sondern stattdessen ihre Gedanken zu trivialen oder manipulativen Themen richten, wie zum Beispiel Zölle, Monopole oder die Kontrolle der Presse.
Das Gedicht folgt einem strengen formalen Muster mit acht Versen pro Strophe und zehn Strophen insgesamt. Die Sprache von Lavant ist reich an wirkungsvollen Bildern und ist sowohl kritisch als auch ironisch. Das wird durch den stark kontrastierenden Blick auf den Alltag der Privilegierten und deren Unfähigkeit oder Unwillen, die Freiheit wertzuschätzen, noch verstärkt.
Jedoch lässt das lyrische Ich durchblicken, dass die Freiheit letztlich doch bei denen Sicherheit findet, die sie wirklich zu schätzen wissen: den Armen und den Zöllnern, also denen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Damit könnte das Gedicht auch als eine Art soziale Kritik interpretiert werden und eine implizite Aufforderung beinhalten, sich stärker mit den wahren Werten des Lebens auseinanderzusetzen. Es lässt sich somit auch als Aufruf verstehen, die Wichtigkeit von Freiheit zu erkennen und sie nicht leichtfertig gegen kurzfristigen oder oberflächlichen Gewinn einzutauschen.
Weitere Informationen
Rudolf Lavant ist der Autor des Gedichtes „Sie sind wieder da!“. Im Jahr 1844 wurde Lavant in Leipzig geboren. Im Jahr 1893 ist das Gedicht entstanden. Erschienen ist der Text in Stuttgart. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her lässt sich das Gedicht den Epochen Naturalismus oder Moderne zuordnen. Vor Verwendung der Angaben zur Epoche prüfe bitte die Richtigkeit. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen und daher anfällig für Fehler. Das 440 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 80 Versen mit insgesamt 10 Strophen. Weitere Werke des Dichters Rudolf Lavant sind „An la belle France.“, „Bekenntnis“ und „Das Jahr“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Sie sind wieder da!“ weitere 96 Gedichte vor.
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Zum Autor Rudolf Lavant sind auf abi-pur.de 96 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.
