Seligkeit von Louise Otto-Peters

Zufrieden nicht mit Gut und Glück,
Gebannt in enge Lebenssphären,
Erhebst Du weiter Wunsch und Blick,
Und willst noch Seligkeit begehren.
 
Und weißt Du auch was Seligkeit?
Und weißt Du auch wie sie errungen? –
Ein Lichtblick nur auf Raum und Zeit,
Der ihre Schranken übersprungen!
 
Wenn Du im brünstigen Gebet
10 
Zum Throne Gottes Dich erhoben
11 
Und die Gewißheit vor Dir steht:
12 
Dein Geist ist selbst ein Strahl von oben.
 
13 
Ein Strahl, ein Teil von Gottes Licht,
14 
Betraut mit einer hohen Sendung –
15 
Und eine innre Stimme spricht:
16 
Du bist erkoren zur Vollendung –
 
17 
Wenn dann Dich das Gefühl beseelt
18 
In dieses Daseins Wechselleben:
19 
Die ganze Menschheit ist erwählt,
20 
Um nach Vervollkommung zu streben –
 
21 
Und wenn im Tempel der Natur
22 
Im Abendrot, beim Sternenreigen,
23 
Im Sonnenglanz der Blumenflur
24 
Sich Bilder des Vollkommen zeigen;
 
25 
Dann sinkt von Dir ein jedes Leid
26 
Und jeder Zweifel ist zerronnen,
27 
Und ein Moment der Seligkeit
28 
Hast Du hienieden schon gewonnen.
 
29 
Und wenn in schöner Harmonie
30 
Dein Herz ein andres Herz begegnet,
31 
Und zweier Seelen Sympathie,
32 
Lieb und Begeistrung zwiefach segnet.
 
33 
Dann bist Du selig erdentrückt,
34 
Fühlst Dich von Himmelslust umfangen,
35 
Und ahnst beglückend und beglückt,
36 
Daß zur Vollendung zu gelangen.
 
37 
Und wenn ein Werk der Hand, dem Geist
38 
Gelungen ist durch Fleiß und Mühen,
39 
Dem Aug’ ein dunkler Vorhang reißt
40 
Und neue Lande vor Dir blühen!
 
41 
Und mitten drinn in Kampf und Not
42 
Doch für den Gott im Busen streiten,
43 
Und hinzunehmen Schmach und Tod,
44 
Den Sieg der Menschheit zu bereiten:
 
45 
Das ist auf Erden Seligkeit –
46 
Ein Augenblick und wir erschrecken,
47 
Daß wir erhoben uns so weit
48 
Ob all den Wolken, die uns decken.
 
49 
Doch will ein solcher Augenblick
50 
Des Jenseit Seligkeit uns nennen:
51 
Sinkt Raum und Zeit von uns zurück,
52 
Wirst Du Vollkommnes rings erkennen!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (27.5 KB)

Details zum Gedicht „Seligkeit“

Anzahl Strophen
13
Anzahl Verse
52
Anzahl Wörter
288
Entstehungsjahr
1880-1893
Epoche
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Die Autorin des Gedichtes „Seligkeit“ ist Louise Otto-Peters. 1819 wurde Otto-Peters in Meißen geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1893 zurück. In Leipzig ist der Text erschienen. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten der Autorin her kann der Text den Epochen Naturalismus oder Moderne zugeordnet werden. Bei Verwendung der Angaben zur Epoche, prüfe bitte die Richtigkeit der Zurodnung. Die Auswahl der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen und muss daher nicht unbedingt richtig sein. Das 288 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 52 Versen mit insgesamt 13 Strophen. Weitere bekannte Gedichte der Autorin Louise Otto-Peters sind „Auf dem Kynast“, „Bergbau“ und „Berufung“. Auf abi-pur.de liegen zur Autorin des Gedichtes „Seligkeit“ weitere 106 Gedichte vor.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Weitere Gedichte des Autors Louise Otto-Peters (Infos zum Autor)

Zum Autor Louise Otto-Peters sind auf abi-pur.de 106 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.