Seemannsgedanken übers Ersaufen von Joachim Ringelnatz
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Ich sterbe. Du stirbst. Er stirbt. |
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Viel schlimmer ist, wenn ein volles Faß verdirbt. |
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Aber auch wir wollen erst ausgetrunken sein. |
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Besauft euch beizeiten. |
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Alle Flüssigkeiten |
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Finden sich wieder ins Meer hinein, |
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Wo wir den Schwämmen gleich sind, |
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Wo uns nichts gebricht, |
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Weil wir weich sind. |
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Und wenn man in eine Leiche sticht: |
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Sie fühlt es nicht. |
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Wird mich nie mehr acht Glasen wecken, |
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Will ich gerne den Fischen wie Hackfleisch mit Rührei schmecken. |
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Weil das mit Sinn so geschieht, |
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Denn die haben gewiß nicht vergessen, |
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Wieviel Schollen wir in uns hineingefressen. |
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Nur bei den Würmern im Sarge ist ein Unterschied. |
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Wenn uns der Haifisch beim Wickel kriegt – |
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Das müßte mal einer malen! |
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Was da wohl alles so unten beisammenliegt – |
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Zerbrochene Schiffe, Krebse und Apfelsinenschalen. |
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Frisch ersoffen also und nicht gejammert, |
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Aber natürlich auch nicht zu übereilt; |
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Wer sich nicht tapfer noch an die letzte Handuhle klammert, |
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Der ist im Leben nie um die Horn gesailt. |
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Ein Schuft, wer mehr stirbt, als er sterben muß! |
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Aber muß es sein, dann nicht schüchtern. |
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Ersaufen ist auch ein Genuß, |
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Und vielleicht wird man dann nie mehr nüchtern. |
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Denn nur über das Fleisch und die Knochen |
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Weiß man was, offenbar. |
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Aber sonst hab’ ich noch keinen gesprochen, |
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Der richtig ersoffen war. |
Details zum Gedicht „Seemannsgedanken übers Ersaufen“
Joachim Ringelnatz
3
33
208
1924
Moderne,
Expressionismus
Gedicht-Analyse
Das analysierte Gedicht heißt „Seemannsgedanken übers Ersaufen“ und wurde von Joachim Ringelnatz, einem deutschen Schriftsteller und Künstler, geschrieben. Das Gedicht wurde während der Weimarer Republik, wahrscheinlich einige Jahre vor Ringelnatz Tod im Jahr 1934 verfasst.
Unser erster Eindruck ist, dass dieses Gedicht ganz im typischen Stil von Joachim Ringelnatz ist: lakonisch, ironisch und ein wenig komisch, während es gleichzeitig einen ernsten Hintergrund hat. Das Gedicht scheint von einem besorgten Seemann gesprochen zu werden, der über das unvermeidliche Sterben und genauer das Ertrinken auf See nachdenkt.
In Bezug auf den Inhalt behandelt das lyrische Ich den Tod selbst und die spezifische Gefahr, als Seemann zu ertrinken. Es wird betont, dass wir alle sterben müssen, egal wer wir sind („Ich sterbe. Du stirbst. Er stirbt.“) und eine Gleichgültigkeit oder sogar Freude gegenüber dem unausweichlichen Tod auf dem Meer wird ausgedrückt. Die Zeilen sind sehr konkret, der Tod wird nicht nur metaphorisch behandelt, sondern wird auch mit detaillierten Bildern von Leichen, Haien und zerbrochenen Schiffen auf dem Meeresboden dargestellt. Es scheint, als ob das lyrische Ich den Tod als Teil des Zyklus des Lebens und der Natur betrachtet.
Das Gedicht verwendet eine einfache, prosaische Sprache, aber ist auch stark in Metaphern und imaginativen Bildern. Die Struktur des Gedichtes ist unregelmäßig, die Anzahl der Verse variiert zwischen den Strophen. Die Verse sind in freiem Vers gehalten, was bedeutet, dass sie keinem festen Reimschema oder Metrum folgen. Das gibt dem Gedicht einen erzählenden, fast gesprächigen Ton. Während das Thema des Gedichts ernst und düster ist, zeigt Ringelnatz seinen charakteristischen Witz und seine Ironie, indem er spielerische und absurde Bilder, wie z.B. die Vorstellung, dass der Körper des Seemanns als „Hackfleisch mit Rührei“ für die Fische dient.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass „Seemannsgedanken übers Ersaufen“ ein Gedicht ist, das sich auf ironische und humorvolle Weise mit dem Tod und dem Sterben auf See auseinandersetzt. Es zeigt die raue und praktische Haltung der Seefahrer gegenüber dem Tod und der Gefahr, die ihren Beruf prägen.
Weitere Informationen
Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Seemannsgedanken übers Ersaufen“ des Autors Joachim Ringelnatz. Ringelnatz wurde im Jahr 1883 in Wurzen geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1924 zurück. Der Erscheinungsort ist München. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zu den Epochen Moderne oder Expressionismus zu. Ringelnatz ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen. Das vorliegende Gedicht umfasst 208 Wörter. Es baut sich aus 3 Strophen auf und besteht aus 33 Versen. Weitere Werke des Dichters Joachim Ringelnatz sind „Alone“, „Alte Winkelmauer“ und „Alter Mann spricht junges Mädchen an“. Zum Autor des Gedichtes „Seemannsgedanken übers Ersaufen“ haben wir auf abi-pur.de weitere 560 Gedichte veröffentlicht.
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