Seemannsgedanken übers Ersaufen von Joachim Ringelnatz

Ich sterbe. Du stirbst. Er stirbt.
Viel schlimmer ist, wenn ein volles Faß verdirbt.
Aber auch wir wollen erst ausgetrunken sein.
Besauft euch beizeiten.
Alle Flüssigkeiten
Finden sich wieder ins Meer hinein,
Wo wir den Schwämmen gleich sind,
Wo uns nichts gebricht,
Weil wir weich sind.
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Und wenn man in eine Leiche sticht:
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Sie fühlt es nicht.
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Wird mich nie mehr acht Glasen wecken,
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Will ich gerne den Fischen wie Hackfleisch mit Rührei schmecken.
 
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Weil das mit Sinn so geschieht,
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Denn die haben gewiß nicht vergessen,
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Wieviel Schollen wir in uns hineingefressen.
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Nur bei den Würmern im Sarge ist ein Unterschied.
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Wenn uns der Haifisch beim Wickel kriegt –
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Das müßte mal einer malen!
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Was da wohl alles so unten beisammenliegt –
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Zerbrochene Schiffe, Krebse und Apfelsinenschalen.
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Frisch ersoffen also und nicht gejammert,
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Aber natürlich auch nicht zu übereilt;
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Wer sich nicht tapfer noch an die letzte Handuhle klammert,
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Der ist im Leben nie um die Horn gesailt.
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Ein Schuft, wer mehr stirbt, als er sterben muß!
 
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Aber muß es sein, dann nicht schüchtern.
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Ersaufen ist auch ein Genuß,
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Und vielleicht wird man dann nie mehr nüchtern.
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Denn nur über das Fleisch und die Knochen
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Weiß man was, offenbar.
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Aber sonst hab’ ich noch keinen gesprochen,
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Der richtig ersoffen war.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (26.5 KB)

Details zum Gedicht „Seemannsgedanken übers Ersaufen“

Anzahl Strophen
3
Anzahl Verse
33
Anzahl Wörter
208
Entstehungsjahr
1924
Epoche
Moderne,
Expressionismus

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Seemannsgedanken übers Ersaufen“ des Autors Joachim Ringelnatz. Ringelnatz wurde im Jahr 1883 in Wurzen geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1924 zurück. Der Erscheinungsort ist München. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zu den Epochen Moderne oder Expressionismus zu. Ringelnatz ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen. Das vorliegende Gedicht umfasst 208 Wörter. Es baut sich aus 3 Strophen auf und besteht aus 33 Versen. Weitere Werke des Dichters Joachim Ringelnatz sind „Alone“, „Alte Winkelmauer“ und „Alter Mann spricht junges Mädchen an“. Zum Autor des Gedichtes „Seemannsgedanken übers Ersaufen“ haben wir auf abi-pur.de weitere 560 Gedichte veröffentlicht.

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