Seegespenst von Heinrich Heine

Ich aber lag am Rande des Schiffes,
Und schaute, träumenden Auges,
Hinab in das spiegelklare Wasser,
Und schaute tiefer und tiefer –
Bis tief, im Meeresgrunde,
Anfangs wie dämmernde Nebel,
Jedoch allmählig farbenbestimmter,
Kirchenkuppel und Thürme sich zeigten
Und endlich, sonnenklar, eine ganze Stadt,
10 
Alterthümlich niederländisch,
11 
Und menschenbelebt.
12 
Bedächtige Männer, schwarzbemäntelt,
13 
Mit weißen Halskrausen und Ehrenketten
14 
Und langen Degen und langen Gesichtern,
15 
Schreiten über den wimmelnden Marktplatz
16 
Nach dem treppenhohen Rathhaus’,
17 
Wo steinerne Kaiserbilder
18 
Wacht halten mit Zepter und Schwerdt.
19 
Unferne, vor langen Häuser-Reih’n
20 
Mit spiegelblanken Fenstern,
21 
Stehn pyramidisch beschnittene Linden,
22 
Und wandeln seidenrauschende Jungfrau’n,
23 
Ein gülden Band um den schlanken Leib,
24 
Die Blumengesichter sittsam umschlossen
25 
Von schwarzen, sammtnen Mützchen,
26 
Woraus die Lockenfülle hervordringt.
27 
Bunte Gesellen, in spanischer Tracht,
28 
Stolziren vorüber und nicken.
29 
Bejahrte Frauen,
30 
In braunen, verschollnen Gewändern,
31 
Gesangbuch und Rosenkranz in der Hand,
32 
Eilen, trippelnden Schritts,
33 
Nach dem großen Dome,
34 
Getrieben von Glockengeläute
35 
Und rauschendem Orgelton.
 
36 
Mich selbst ergreift des fernen Klangs
37 
Geheimnißvoller Schauer,
38 
Unendliches Sehnen, tiefe Wehmuth
39 
Beschleicht mein Herz,
40 
Mein kaum geheiltes Herz;
41 
Mir ist als würden seine Wunden
42 
Von lieben Lippen aufgeküßt,
43 
Und thäten wieder bluten,
44 
Heiße, rothe Tropfen,
45 
Die lang und langsam niederfall’n
46 
Auf ein altes Haus dort unten
47 
In der tiefen Meerstadt,
48 
Auf ein altes, hochgegiebeltes Haus,
49 
Das melancholisch menschenleer ist,
50 
Nur daß am untern Fenster
51 
Ein Mädchen sitzt,
52 
Den Kopf auf den Arm gestützt,
53 
Wie ein armes, vergessenes Kind –
54 
Und ich kenne dich armes, vergessenes Kind!
 
55 
So tief, so tief also
56 
Verstecktest du dich vor mir,
57 
Aus kindischer Laune,
58 
Und konntest nicht mehr herauf,
59 
Und saßest fremd unter fremden Leuten,
60 
Fünfhundert Jahre lang,
61 
Derweilen ich, die Seele voll Gram,
62 
Auf der ganzen Erde dich suchte,
63 
Und immer dich suchte,
64 
Du Immergeliebte,
65 
Du Längstverlorene,
66 
Du Endlichgefundene, –
67 
Ich hab’ dich gefunden und schaue wieder
68 
Dein süßes Gesicht,
69 
Die klugen, treuen Augen,
70 
Das liebe Lächeln –
71 
Und nimmer will ich dich wieder verlassen,
72 
Und ich komme hinab zu dir,
73 
Und mit ausgebreiteten Armen
74 
Stürz’ ich hinab an dein Herz –
 
75 
Aber zur rechten Zeit noch
76 
Ergriff mich beim Fuß der Capitän,
77 
Und zog mich vom Schiffsrand,
78 
Und rief, ärgerlich lachend:
79 
Doktor, sind Sie des Teufels?
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.7 KB)

Details zum Gedicht „Seegespenst“

Anzahl Strophen
4
Anzahl Verse
79
Anzahl Wörter
350
Entstehungsjahr
1825–1826
Epoche
Junges Deutschland & Vormärz

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Seegespenst“ des Autors Heinrich Heine. Im Jahr 1797 wurde Heine in Düsseldorf geboren. Im Jahr 1826 ist das Gedicht entstanden. Hamburg ist der Erscheinungsort des Textes. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her der Epoche Junges Deutschland & Vormärz zuordnen. Heine ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das Gedicht besteht aus 79 Versen mit insgesamt 4 Strophen und umfasst dabei 350 Worte. Der Dichter Heinrich Heine ist auch der Autor für Gedichte wie „Als ich, auf der Reise, zufällig“, „Alte Rose“ und „Altes Lied“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Seegespenst“ weitere 529 Gedichte vor.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Fertige Biographien und Interpretationen, Analysen oder Zusammenfassungen zu Werken des Autors Heinrich Heine

Wir haben in unserem Hausaufgaben- und Referate-Archiv weitere Informationen zu Heinrich Heine und seinem Gedicht „Seegespenst“ zusammengestellt. Diese Dokumente könnten Dich interessieren.

Weitere Gedichte des Autors Heinrich Heine (Infos zum Autor)

Zum Autor Heinrich Heine sind auf abi-pur.de 529 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.