Schwarze Visionen von Georg Heym

Du ruhst im Dunkel trauriger Askesen
In deinem weißen Tuch, ein Eremit,
Und deine Locken, die in Nacht verwesen,
Bedecken tief dein eingesunknes Lid.
 
Auf deinen Lippen gruben sich die Male
Der toten Küsse schon in Trichtern ein.
Die ersten Würmer tanzen um das fahle
Vom Grubenwasser bleiche Schläfenbein.
 
Wie Ärzte stechen lang sie die Pinzette
10 
Der Rüssel, die im Fleische Wurzel schlägt.
11 
Du jagst sie nicht von deinem Totenbette,
12 
Du bist verflucht, zu leiden unbewegt.
 
13 
Des schwarzen Himmels große Grabesglocke
14 
Dreht trüb sich rund um deine Winterzeit.
15 
Und es erstickt der Schneefall, dicke Flocke,
16 
Was unten in den Gräbern weint und schreit.
 
17 
II.
18 
Der großen Städte nächtliche Emporen
19 
Stehn rings am Rand, wie gelbe Brände weit.
20 
Und mit der Fackel scheucht aus ihren Toren
21 
Der Tod die Toten in die Dunkelheit.
 
22 
Sie fahren aus wie großer Rauch und schwirren
23 
Mit leisen Klagen durch das Distelfeld.
24 
Am Kreuzweg hocken sie zu hauf und irren
25 
Den Heimatlosen gleich in schwarzer Welt.
 
26 
Sie schaun zurück von einem kahlen Baume,
27 
Auf den der Wind sie warf. Doch ihre Stadt
28 
Ist zu für sie. Und in dem leeren Raume
29 
Treibt Sturm sie um den Baum, wie Vögel matt.
 
30 
Wo ist die Totenstadt? Sie wollen schlafen.
31 
Da tut sich auf im ernsten Abendrot
32 
Die Unterwelt, der stillen Städte Hafen,
33 
Wo schwarze Segel ziehen, Boot an Boot.
 
34 
Und schwarze Fahnen wehn die langen Gassen
35 
Der ausgestorbnen Städte, die verstummt
36 
Im Fluch von weißen Himmeln und verlassen,
37 
Wo ewig eine stumpfe Glocke brummt.
 
38 
Die schwarzen Brücken werfen ungeheuer
39 
Die Abendschatten auf den dunklen Strom.
40 
Und riesiger Lagunen rotes Feuer
41 
Verbrennt die Luft mit purpurnem Arom.
 
42 
Kanäle alle, die die Stadt durchschwimmen,
43 
Sind von den Lilienwäldern sanft umsäumt.
44 
Am Bug der Kähne, wo die Lampen glimmen,
45 
Stehn groß die Schiffer, und der Abend träumt
 
46 
Wie zarte goldene Kronen um die Stirnen.
47 
Der tiefen Augen dunkler Edelstein
48 
Umschließt des hohen Himmels blasse Firnen,
49 
Wo weidet schon der Mond im grünen Schein.
 
50 
Die Toten schaun aus ihrem Winterbaume
51 
Den Schläfern zu in ihrem sanften Reich.
52 
Und das Verlangen faßt sie nach dem Saume
53 
Des roten Himmels und dem Abend weich.
 
54 
Da stürzt sie Hermes, der die Nacht erschüttert
55 
Mit starkem Flug, ein bläulicher Komet,
56 
Den Grund herab, der meilentief erzittert,
57 
Da singend ihn der Toten Zug durchweht.
 
58 
Sie nahn den Städten, da sie wohnen sollen,
59 
Draus goldne Winde gehn im Abendflug.
60 
Der Tore Amethyst im tiefen Stollen
61 
Küßt ihrer Reiherschwingen langer Zug.
 
62 
Die Silberstädte, die im Monde glühen,
63 
Umarmen sie mit ihres Sommers Pracht,
64 
Wo schon im Ost wie große Rosen blühen
65 
Die Morgenröten in die Mitternacht.
 
66 
III.
67 
Sie grüßen dich in deinem schwarzen Sarge
68 
Und flattern über dich wie Frühlingswind.
69 
Wie Nachtigallen rühren sie das karge,
70 
Wachsbleiche Haupt mit ihren Klagen lind.
 
71 
Mit Sammethänden wollen sie dich grüßen
72 
Von meiner Qual. Und wie ein Weinblatt rot,
73 
So taumeln ihre Küsse dir zu Füßen,
74 
Und ziehn wie Tauben sanft um deinen Tod.
 
75 
Sie schwingen über dir die Fackelbrände,
76 
Die furchtbar wecken auf die schwarze Nacht.
77 
Sie geben dir in deine weißen Hände
78 
Tränen von Stein, die ich dir dargebracht.
 
79 
Sie laden Düfte aus den Duft-Amphoren
80 
Und überschütten dich mit Ambra ganz.
81 
Dein schwarzes Haar steht auf, an Himmels Toren,
82 
Wie eines Sterngewölkes dünner Glanz.
 
83 
Sie werden große Pyramiden bauen,
84 
Darauf sie türmen deinen schwarzen Schrein.
85 
Dann wirst du in die wilde Sonne schauen,
86 
Die in dein Blut stürzt wie ein dunkler Wein.
 
87 
IV.
88 
Die Sonne, die mit Blumen sich beleuchtet,
89 
Stößt wie ein Aar zu deinen Häupten weit,
90 
Und ihrer Purpurlippen Traum befeuchtet
91 
Mit Tränentau dein weißes Totenkleid.
 
92 
Dann nimmst dein Herz du aus den weißen Brüsten
93 
Und zeigst es rings dem stillen Heiligtum.
94 
Und deine stolze Flamme rührt die Küsten
95 
Des Himmels an, die werfen deinen Ruhm
 
96 
Ins Meer der Toten aus wie starke Wellen.
97 
Die großen Schiffe schwimmen um dich her,
98 
Um deinen Turm, und ihre Lieder schwellen
99 
Wie Abendwolken sanft vom großen Meer.
 
100 
Und was ich dir in meinen Träumen sage,
101 
Das schrein die Priester aus mit Tuba–Ton.
102 
Der Meere dunkle Buchten füllt die Klage
103 
Um dich wie Schilfrohr sanft und schwarzer Mohn.
 
104 
V.
105 
Getrübt bescheint der Mond die stumme Fläche,
106 
Wie ein Korund, der tief im Grunde glüht.
107 
In deiner Locken dunkle Flammenbäche
108 
Verliebt, verweilt er auf den Städten müd.
 
109 
Dann kommen alle Toten aus den Grüften
110 
Und ziehn um dich in langer Prozession.
111 
Von rosa Glase flattern in den Lüften
112 
Die Schatten, die von innern Flammen lohn.
 
113 
VI.
114 
Du zogst voraus nach dem geheimen Reiche.
115 
Ich folge dir dereinst, du Trauerbild,
116 
Und halte ewig deine Hand, die bleiche,
117 
Die meiner Küsse blasse Lilie füllt.
 
118 
Dann überschwemmen lange Ewigkeiten
119 
Der Himmel Mauern und das tote Land,
120 
Die, große Schatten, in den Westen schreiten,
121 
Wo ehern ruht der Horizonte Wand.

Details zum Gedicht „Schwarze Visionen“

Autor
Georg Heym
Anzahl Strophen
29
Anzahl Verse
121
Anzahl Wörter
784
Entstehungsjahr
1911
Epoche
Expressionismus

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Schwarze Visionen“ ist Georg Heym. Der Autor Georg Heym wurde 1887 in Hirschberg geboren. Im Jahr 1911 ist das Gedicht entstanden. Erscheinungsort des Textes ist Leipzig. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her lässt sich das Gedicht der Epoche Expressionismus zuordnen. Der Schriftsteller Heym ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das vorliegende Gedicht umfasst 784 Wörter. Es baut sich aus 29 Strophen auf und besteht aus 121 Versen. Weitere Werke des Dichters Georg Heym sind „Das Fieberspital“, „Der Abend“ und „Der Baum“. Zum Autor des Gedichtes „Schwarze Visionen“ haben wir auf abi-pur.de weitere 75 Gedichte veröffentlicht.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Fertige Biographien und Interpretationen, Analysen oder Zusammenfassungen zu Werken des Autors Georg Heym

Wir haben in unserem Hausaufgaben- und Referate-Archiv weitere Informationen zu Georg Heym und seinem Gedicht „Schwarze Visionen“ zusammengestellt. Diese Dokumente könnten Dich interessieren.

Weitere Gedichte des Autors Georg Heym (Infos zum Autor)

Zum Autor Georg Heym sind auf abi-pur.de 75 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.