Schnee von Joachim Ringelnatz
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Zwischen den Bahngeleisen |
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Vertränt sich morgenroter Schnee. – – |
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Artisten müssen reisen |
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Ins Gebirge und an die See, |
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Nach Leipzig – und immer wieder fort, fort. |
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Nicht aus Vergnügen und nicht zum Sport. |
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Manchmal tut`s weh. |
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Der ich zu Hause bei meiner Frau |
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So gern noch wochenlang bliebe; |
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Mir schreibt eine schöne Dame: |
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„Komm zu uns nach Oberammergau. |
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Bei uns ist Christus und Liebe, |
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Und unser Schnee leuchtet himmelblau.“ – |
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Aber Plakate und Zeitungsreklame |
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Befehlen mich leider nicht dort-, |
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Sondern anderwohin. Fort, fort. |
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Der Schnee ist schwarz und traurig |
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In der Stadt. |
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Wer da keine Unterkunft hat, |
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den bedaure ich. |
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Der Schnee ist weiß, wo nicht Menschen sind. |
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Der Schnee ist weiß für jedes Kind. |
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Und im Frühling, wenn die Schneeglöckchen blühn, |
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Wird der Schnee wieder grün. |
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Beschnuppert im grauen Schnee ein Wauwau |
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Das Gelbe, |
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Reißt eine strenge Leine ihn fort. – |
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Mit mir im Oberhimmelblau |
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Wär’s ungefähr dasselbe. |
Details zum Gedicht „Schnee“
Joachim Ringelnatz
5
29
146
1933
Moderne,
Expressionismus
Gedicht-Analyse
Das Gedicht „Schnee“ wurde von Joachim Ringelnatz geschrieben, einem deutschen Schriftsteller und Kabarettist, der in der Zeit der Weimarer Republik lebte und arbeitete.
Erster Eindruck: Das Gedicht erweckt einen melancholischen Eindruck. Es wirkt nachdenklich und reflektiert die Einsamkeit der künstlerischen Existenz.
Inhalt: Das Gedicht handelt in erster Linie von der Situation eines fahrenden Künstlers, wahrscheinlich einer Art Jongleur, Clown oder Comedian, der ständig unterwegs ist und seine Familie und sein Zuhause vermisst (Strophe 1 und 2). Metaphorisch wird Schnee als Symbol der Veränderung und Flüchtigkeit verwendet. Das lyrische Ich reflektiert auch das Los der Obdachlosen in den Städten (Strophe 3) und dann die Reinheit des Schnees in Gegenden, die von Menschen unberührt sind (Strophe 4). In der letzten Strophe (Strophe 5) wird ein Vergleich mit einem Hund gezogen, der von einer strengen Leine fortgerissen wird – ein Hinweis auf die Kontrollstrukturen, die das Leben des lyrischen Ichs bestimmen.
Analyse von Form und Sprache: Das Gedicht besteht aus fünf Strophen unterschiedlicher Länge und ist in freien Versen verfasst. Jede Strophe hat ihren eigenen Fokus, sei es die Beschreibung des Lebens als fahrender Künstler, die Reflexion über die Bedeutung von Schnee oder die Sozialkritik. Die Sprache von Ringelnatz ist einfach und zugänglich, aber gleichzeitig vielschichtig und symbolisch. Der Schnee wird in verschiedenen Kontexten verwendet und kontrastiert, um verschiedene Stimmungen und Bedeutungen zu erzeugen. Zum Beispiel wird Schnee als Symbol für Heimweh, Einsamkeit, Reinheit und Unberührtheit verwendet.
Zusammengefasst kann man sagen, dass das Gedicht „Schnee“ von Joachim Ringelnatz eine melancholische Reflexion über die fahrende Künstlerexistenz und die vergängliche Schönheit des Schnees ist. Der Schnee wird dabei als Metapher für Flüchtigkeit und Veränderung, aber auch für Reinheit und Unberührtheit verwendet.
Weitere Informationen
Joachim Ringelnatz ist der Autor des Gedichtes „Schnee“. Der Autor Joachim Ringelnatz wurde 1883 in Wurzen geboren. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1933. Der Erscheinungsort ist Berlin. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text den Epochen Moderne oder Expressionismus zugeordnet werden. Der Schriftsteller Ringelnatz ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen. Das 146 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 29 Versen mit insgesamt 5 Strophen. Die Gedichte „7. August 1929“, „Abendgebet einer erkälteten Negerin“ und „Abermals in Zwickau“ sind weitere Werke des Autors Joachim Ringelnatz. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Schnee“ weitere 560 Gedichte vor.
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Zum Autor Joachim Ringelnatz sind auf abi-pur.de 560 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.
