Schlangenbeschwörung von Rainer Maria Rilke

Wenn auf dem Markt, sich wiegend, der Beschwörer
die Kürbisflöte pfeift, die reizt und lullt,
so kann es sein, daß er sich einen Hörer
herüberlockt, der ganz aus dem Tumult
 
der Buden eintritt in den Kreis der Pfeife,
die will und will und will und die erreicht,
daß das Reptil in seinem Korb sich steife
und die das steife schmeichlerisch erweicht,
 
abwechselnd immer schwindelnder und blinder
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mit dem, was schreckt und streckt, und dem, was löst —;
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und dann genügt ein Blick: so hat der Inder
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dir eine Fremde eingeflößt,
 
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in der du stirbst. Es ist, als überstürze
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glühender Himmel dich. Es geht ein Sprung
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durch dein Gesicht. Es legen sich Gewürze
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auf deine nordische Erinnerung,
 
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die dir nichts hilft. Dich feien keine Kräfte,
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die Sonne gärt, das Fieber fällt und trifft;
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von böser Freude steilen sich die Schäfte,
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und in den Schlangen glänzt das Gift.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (24.6 KB)

Details zum Gedicht „Schlangenbeschwörung“

Anzahl Strophen
5
Anzahl Verse
20
Anzahl Wörter
145
Entstehungsjahr
1918
Epoche
Moderne

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Schlangenbeschwörung“ stammt von Rainer Maria Rilke, einem bedeutenden Dichter der literarischen Moderne, der von 1875 bis 1926 lebte.

Der erste Eindruck ist geprägt von einer dynamischen, faszinierenden aber zugleich auch bedrohlichen Szene, die im orientalischen Kontext angesiedelt zu sein scheint.

Das lyrische Ich beobachtet eine Schlangenbeschwörung auf einem Markt. Der Beschwörer lockt mit seiner Kürbisflöte einen Zuhörer, der sich vom Markttreiben löst und sich ganz auf die Musik konzentriert. Die Flöte lockt gleichzeitig die Schlange aus ihrem Korb und verzaubert zunehmend ihren Beobachter. Der Beschwörer scheint den Betrachter vollkommen in seinen Bann zu ziehen, sodass dieser einer fremden, orientalischen Welt verfällt. Sodann entsteht eine zunehmende Gefahr für den Betrachter, da die Schlange das Gift in sich trägt und die scheinbar bedrohliche Szenerie an Intensität gewinnt.

Ziel des Gedichtes scheint es zu sein, die Faszination und gleichzeitige Gefahr von Verzauberung und Faszination darzustellen und die Macht der Schlangenbeschwörung aufzuzeigen. Das lyrische Ich sieht die Schlangenbeschwörung als Metapher für den verführerischen, doch gefährlichen Reiz des Unbekannten.

Das Gedicht ist im Stil der Hochmoderne verfasst und besteht aus fünf gleichgebauten Strophen mit jeweils vier Versen. Diese Struktur verleiht dem Gedicht Balance und Rhythmus, die die hypnotische Wirkung der Schlangenbeschwörung widerspiegeln könnten. Die Sprache ist bildhaft und detailreich, sie kreiert eine exotische und gleichzeitig gefährliche Atmosphäre, unterstrichen durch den Gebrauch von Wörtern wie „Tumult“, „Reptil“, „Fieber“ und „Gift“.

Rilke spielt auch mit Gegensätzen: Vers 19 „von böser Freude steilen sich die Schäfte“ stellt eine bedrohliche Fröhlichkeit dar und Vers 16 „Es legen sich Gewürze auf deine nordische Erinnerung,“ suggeriert eine Kollision von Ost und West, Bekanntem und Fremden. Durch solche Elemente wird eine innere Unruhe erzeugt, die das Gefühl des lyrischen Ichs widerspiegelt, als es der Schlangenbeschwörung beiwohnt.

Weitere Informationen

Der Autor des Gedichtes „Schlangenbeschwörung“ ist Rainer Maria Rilke. Rilke wurde im Jahr 1875 in Prag geboren. 1918 ist das Gedicht entstanden. Der Erscheinungsort ist Leipzig. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Moderne zugeordnet werden. Bei Rilke handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche. Das vorliegende Gedicht umfasst 145 Wörter. Es baut sich aus 5 Strophen auf und besteht aus 20 Versen. Die Gedichte „Allerseelen“, „Als ich die Universität bezog“ und „Am Kirchhof zu Königsaal“ sind weitere Werke des Autors Rainer Maria Rilke. Zum Autor des Gedichtes „Schlangenbeschwörung“ haben wir auf abi-pur.de weitere 338 Gedichte veröffentlicht.

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