Saul unter den Propheten von Rainer Maria Rilke
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Meinst du denn, daß man sich sinken sieht? |
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Nein, der König schien sich noch erhaben, |
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da er seinen starken Harfenknaben |
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töten wollte bis ins zehnte Glied. |
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Erst da ihn der Geist auf solchen Wegen |
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überfiel und auseinanderriß, |
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sah er sich im Innern ohne Segen, |
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und sein Blut ging in der Finsternis |
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abergläubig dem Gericht entgegen. |
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Wenn sein Mund jetzt troff und prophezeite, |
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war es nur, damit der Flüchtling weit |
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flüchten könne. So war dieses zweite |
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Mal. Doch einst: er hatte prophezeit |
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fast als Kind, als ob ihm jede Ader |
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mündete in einen Mund aus Erz; |
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alle schritten, doch er schritt gerader. |
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Alle schrieen, doch ihm schrie das Herz. |
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Und nun war er nichts als dieser Haufen |
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umgestürzter Würden, Last auf Last: |
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und sein Mund war wie der Mund der Traufen, |
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der die Güsse, die zusammenlaufen, |
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fallen läßt, eh er sie faßt. |
Details zum Gedicht „Saul unter den Propheten“
Rainer Maria Rilke
5
22
141
1918
Moderne
Gedicht-Analyse
Das vorgelegte Gedicht mit dem Titel „Saul unter den Propheten“ wurde von Rainer Maria Rilke verfasst, einem bedeutenden Lyriker der deutschen Literatur, der von 1875 bis 1926 lebte. Rilke ist bekannt für seine poetischen Werke, die oft tiefe emotionale und philosophische Themen behandeln. In Bezug auf die zeitliche Einordnung des Gedichts kann angenommen werden, dass es irgendwann während Rilkes aktiver Schreibzeit, vermutlich im späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert, entstanden ist.
Beim ersten Lesen entsteht der Eindruck eines melancholischen und nachdenklichen Gedichts. Es erzählt die Geschichte von Saul, der von einem König zu einem Propheten wurde, sich jedoch in eine tiefe Finsternis hinabstürzt.
Das Gedicht handelt vom inneren Kampf und Wandel Sauls. Zunächst wird Saul als gewalttätiger König dargestellt, der versucht, seinen Harfenspieler zu töten. Der Geist überkommt ihn, reißt ihn auseinander und zwingt ihn, sich seiner eigenen Dunkelheit zu stellen. Dann wird Saul als Prophet beschrieben, der nicht mehr aus Überzeugung, sondern nur noch aus Notwendigkeit prophezeit. Rilke schildert Sauls Verfall von einem starken König zu einem „umgestürzten Haufen“ von Würden.
Form und Sprache des Gedichts sind komplex und vielschichtig. Rilke nutzt eine präzise Wortwahl und bildhafte Sprache, um die Gefühlswelt Sauls zu verdeutlichen. Die strophische Organisation des Gedichts variiert. Die erste, dritte und vierte Strophe bestehen aus vier Versen, während die zweite und fünfte je fünf Verse haben. Dies mag dazu dienen, das Unebenheitsgefühl und die innere Zerrissenheit Sauls widerzuspiegeln. Der Wechsel von direkter Rede und Erzählung verdeutlicht den inneren Konflikt in Saul und erzeugt eine angespannte Atmosphäre. Das Gedicht endet mit dem starken Bild von Saul als regenrinneähnlichem Mund, der seine Worte unfähig kontrolliert fallen lässt, ein kraftvolles Symbol für seine zerstörte Würde und seinen spirituellen Zusammenbruch.
Weitere Informationen
Rainer Maria Rilke ist der Autor des Gedichtes „Saul unter den Propheten“. Geboren wurde Rilke im Jahr 1875 in Prag. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1918 zurück. Leipzig ist der Erscheinungsort des Textes. Aufgrund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors kann der Text der Epoche Moderne zugeordnet werden. Der Schriftsteller Rilke ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das 141 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 22 Versen mit insgesamt 5 Strophen. Der Dichter Rainer Maria Rilke ist auch der Autor für Gedichte wie „Absaloms Abfall“, „Adam“ und „Advent“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Saul unter den Propheten“ weitere 338 Gedichte vor.
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