Rückblick auf das entschwundene Jahr von Rudolf Lavant

Wo immer man um kargen Lohn sich müht,
Wo eine Spindel saust, ein Feuer glüht
Und grobe Hände Axt und Feile lenken,
Im Schacht bei matter Grubenlichter Schein,
Wird immerdar in Stolz und Treue dein,
Du Jahr, das heute scheidet, man gedenken.
 
Wann hat zuvor mit gleicher Kraft und Macht
Der Arbeit Volk vereint sich aufgemacht?
Wann je zuvor hat so in allen Landen
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Den Damm bestürmt die schaumgekrönte Fluth?
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Wann hat man je in gleicher stummer Wuth
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Gerüttelt an den alten Sklavenbanden?
 
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Ein Schauspiel war’s, wie Keiner es erlebt.
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So mancher hat mit feuchter Stirn gebebt
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In seines Kämmerleins verschwiegner Enge.
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Ein Jauchzen aber, stark und voll und tief
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Wie Donner ferner Brandung, es durchlief
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In allen Landen die enterbte Menge.
 
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Ein Donnerschlag für die Bedrücker war
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Der stolze zwanzigste des Februar
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Und selbst dem Kanzler fiel er auf die Nerven.
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Sein Sedan war’s. Wer hätte je gedacht,
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Es würden ihn herab vom Stuhl der Macht
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Die Geusenführer, die verhöhnten, werfen?
 
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Von Kap zu Kap sodann, von Bai zu Bai,
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Der Arbeit Feiertag am ersten Mai,
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Vom Strand der Rhone bis hinauf zur Oder!
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Zum erstenmal – o herrlichen Gewinns! –
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Ein Fest des Friedens und des Brudersinns,
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Statt blöden Hasses flackerndes Geloder!
 
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Dann des Oktober Erster! Er zerbrach
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Mit einem Ruck des schweren Joches Schmach,
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Das jahrelang mit Knirschen wir getragen,
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Und die Befreiung fiel uns in den Schooß
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Als Frucht der Siegesschlacht, die stark und groß
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Im Februar der Arbeit Volk geschlagen.
 
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Und dann der Tag, an dem zusammentrat
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Am Saalestrand des Volkes hoher Rath,
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Die alten, treuen, kampfbewährten Führer!
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Wie lag in der Beschämung Bann die Welt,
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Die so ganz anders doch sich vorgestellt
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Brutalen Hasses niederträcht’ge Schürer!
 
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Ob widerwillig man uns anerkannt,
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Von dumpfem Grauen fröstelnd übermannt,
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Ob gern und froh man altem Wahn entsagte –
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Es brachte Klarheit über uns dies Jahr
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In tausend Köpfe und gerichtet war,
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Wer unsres Ansturms noch zu spotten wagte.
 
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Ob man uns hilft, ob man sich widersetzt –
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Was kümmert’s uns? Doch rechnen muß man jetzt
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Mit uns und grüßend seine Klinge senken.
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Mit einer Macht jetzt hat man es zu thun,
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Und darum wird beim Schaffen und im Ruh’n
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Des Jahrs, das dies vollbracht, das Volk gedenken!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29 KB)

Details zum Gedicht „Rückblick auf das entschwundene Jahr“

Anzahl Strophen
9
Anzahl Verse
54
Anzahl Wörter
371
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Das vorliegende Gedicht mit dem Titel „Rückblick auf das entschwundene Jahr“ wurde von Rudolf Lavant, einem österreichischen Schriftsteller und Dichter, geschrieben. Lavant lebte von 1844 bis 1915, daher kann das Gedicht dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zugeordnet werden. Wenn man das genaue Datum jedoch nicht kennt, lässt sich der Kontext, in dem es geschrieben wurde, nicht genau bestimmen.

Auf den ersten Blick entsteht der Eindruck, dass dieses Gedicht eine Reflektion oder Betrachtung der Ereignisse und Zustände des vergangenen Jahres darstellt, vor allem in Bezug auf die Arbeitswelt und sozialpolitische Verhältnisse.

Im inhaltlichen Verlauf des Gedichts wird eine Geschichte von harter Arbeit und dem Ringen um bessere Bedingungen und Gerechtigkeit erzählt. Das lyrische Ich spricht von Mühsal und Kampf, von kollektiver Anstrengung und politischem Aufbegehren gegen Unterdrückung und Unrecht. Mehrere konkrete Ereignisse werden hervorgehoben: der 20. Februar, der 1. Mai als Arbeiterfeiertag und der 1. Oktober. Die genaue Bedeutung dieser Daten ist ohne zusätzlichen Nachforschungen schwer nachzuvollziehen, aber es ist ersichtlich, dass das lyrische Ich diese Ereignisse als Meilensteine für die Arbeiterbewegung und den Kampf um soziale Gerechtigkeit sieht.

Das Gedicht ist in neun Strophen unterteilt, die jeweils aus sechs Versen bestehen. Dies schafft eine klare, rhythmische Struktur, die die argumentative und eindringliche Botschaft des Gedichts unterstützt.

Sprachlich weist das Gedicht eine Vielzahl von starken und bildhaften Metaphern und Vergleichen auf, die die harte Arbeit, das Ringen und die schließlich erreichten Erfolge sowie die widerständige Haltung des lyrischen Ichs gegenüber Unterdrückung und Ungerechtigkeit unterstreichen. So spricht das lyrische Ich beispielsweise von „grobe[n] Hände[n]“, „alten Sklavenbanden“, „feuchter Stirn“, „stummer Wuth“ und „Donnerschlag“. Durch diese Wortwahl wird die dringliche und leidenschaftliche Stimmung des Gedichts verstärkt und die Bedeutung der Ereignisse und des Kampfes, die das lyrische Ich beschreibt, hervorgehoben.

Der Schlussteil betont die Unabhängigkeit und Autonomie des lyrischen Ichs: Ob Hilfe kommt oder Widerstand geleistet wird, spielt keine Rolle – denn die Arbeitergemeinschaft ist eine Kraft, mit der man nun rechnen muss.

Insgesamt erzählt dieses Gedicht von politischem Engagement, Widerstand und dem Ringen um soziale Gerechtigkeit. Es feiert die Errungenschaften der Arbeiterbewegung und betont die Bedeutung von Zusammenhalt und organisatorischer Stärke im Kampf gegen Unterdrückung und für gerechtere Arbeits- und Lebensbedingungen.

Weitere Informationen

Das Gedicht „Rückblick auf das entschwundene Jahr“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Rudolf Lavant. 1844 wurde Lavant in Leipzig geboren. 1893 ist das Gedicht entstanden. Erschienen ist der Text in Stuttgart. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her lässt sich das Gedicht den Epochen Naturalismus oder Moderne zuordnen. Die Angaben zur Epoche prüfe bitte vor Verwendung auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich die Literaturepochen zeitlich teilweise überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung fehleranfällig. Das Gedicht besteht aus 54 Versen mit insgesamt 9 Strophen und umfasst dabei 371 Worte. Weitere Werke des Dichters Rudolf Lavant sind „An die Frauen“, „An die alte Raketenkiste“ und „An unsere Feinde“. Zum Autor des Gedichtes „Rückblick auf das entschwundene Jahr“ haben wir auf abi-pur.de weitere 96 Gedichte veröffentlicht.

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