Ruhe nach dem Sturm von Rudolf Lavant

Nun kommt im biedern Land der Eichen
Allmälig wieder man zur Ruh.
Man deckt des Wahlkampfs „schöne“ Leichen
Mit Kalk und schwarzer Erde zu,
Indeß man tiefbetrübt die Posten
Der Spesen sich zusammenstellt,
Denn auch die Niederlagen kosten
Bekanntlich ja ein Heidengeld.
 
Fürsorglich packt die Sonntagsphrase
10 
Der Reichsfreund nun in Watte ein,
11 
Und die entrüstete Emphase
12 
Verschließt er im polirten Schrein.
13 
Es wandern selber die Posaunen
14 
Voll Hast in irgend ein Verließ,
15 
In die man zu der Hörer Staunen
16 
Mit aufgeblasnen Backen stieß.
 
17 
Was aus dem großen heil’gen Kampfe
18 
An Wahlplakaten übrig bleibt,
19 
Das wandert in die Lumpenstampfe,
20 
Die achtlos ihre Räder treibt,
21 
Und die mit souveräner Kühle,
22 
Was der Kartell-Apostel schreibt
23 
Im Wallen heiligster Gefühle,
24 
Zu einem grauen Brei zerreibt.
 
25 
Zur Ruhe wieder sind gekommen
26 
Die Herrn Studenten, bunt bemützt,
27 
Die zu des Reiches Heil und Frommen
28 
Als Treiber sinnig man benützt;
29 
Was man an Sängern, Turnern, Schützen
30 
Und alten Kriegern laut beschwor,
31 
Das schwer bedrohte Reich zu stützen,
32 
Es legt sich erschöpft aufs Ohr.
 
33 
Wie thut nach all den Wahldepeschen,
34 
Nach dem Getute dumpf und hohl,
35 
Wie thut nach all dem Zungendreschen
36 
Die Ruhe und die Stille wohl!
37 
Zum Glück, ihr Herrn Kartellgenossen,
38 
War all’ die Mühe für die Katz.
39 
Ihr geht zerbläut, gerupft, begossen
40 
Und krumm und lendenlahm vom Platz.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (26.7 KB)

Details zum Gedicht „Ruhe nach dem Sturm“

Anzahl Strophen
5
Anzahl Verse
40
Anzahl Wörter
214
Entstehungsjahr
1890
Epoche
Realismus,
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Ruhe nach dem Sturm“ stammt von Rudolf Lavant (1844-1915), ein deutscher Schriftsteller und Journalist, der vornehmlich unter dem Pseudonym Max Waldau bekannt wurde. Er veröffentlichte seine Werke in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Beim ersten Lesen des Gedichts fällt die markante und satirisch-sarkastische Tonalität des Texts auf, die eine kritische Kommentierung politischer Ereignisse und Praktiken suggeriert. Das Thema ist offensichtlich die Aufarbeitung und das Nachspiel einer in Aufruhr versetzten, turbulenten politischen Phase, vermutlich einer Wahlperiode oder eines spezifischen politischen Konflikts („Wahlkampf“).

Der Inhalt des Gedichts stellt die Nachbereitung („Ruhe nach dem Sturm“) einer Wahl in den Fokus: Die Wahlkampfgeräusche sind verstummt und es stellt sich eine gewisse Ernüchterung ein. Die metaphorischen „schönen“ Leichen des Wahlkampfs werden mit „Kalk und schwarzer Erde“ bedeckt, sprich: es wird versucht, die nicht so schönen Tatsachen und Konsequenzen des Wahlkampfs zu verbergen. Der Verlust, auch in finanzieller Hinsicht, wird betont. Weiterhin werden im Gedicht verschiedene Formen der politischen Schaustellung und Rhetorik karikiert – wie etwa Reden („Sonntagsphrase“), Propagandamittel (u.a. „Wahlplakate“) und der Einsatz von Gruppen und Organisationen zugunsten des Wahlkampfs, zu denen Studenten, Sänger, Turner, Schützen und alte Krieger zählen. Das lyrische Ich nimmt dabei eine distanzierte, kritische Position ein und hinterfragt die Sinnhaftigkeit dieser Bemühungen.

Formal ist das Gedicht in fünf gleichlange Strophen unterteilt, jeweils bestehend aus acht Versen. Diese regelmäßige Struktur unterstreicht den sich wiederholenden Zyklus von Wahlkämpfen und deren Folgen. Die Sprache des Gedichts ist sowohl bildreich als auch ironisch und satirisch, mit deutlichen Anspielungen auf politische Praktiken und Mechanismen. Worte wie „Wahlkampf“, „Spesen“, „Emphase“ und „Kartellgenossen“ deuten auf eine politische Sprache hin, die mit Alltagssprache, volkstümlicher Ausdrucksweise („Heidengeld“, „für die Katz“) und metaphorischen Bildern kombiniert wird.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Lavant in „Ruhe nach dem Sturm“ auf ironische Weise die Aufarbeitung und das Nachspiel eines Wahlkampfs darstellt und dabei die Sinnhaftigkeit und die Auswirkungen politischer Praktiken kritisch hinterfragt.

Weitere Informationen

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Ruhe nach dem Sturm“ des Autors Rudolf Lavant. Der Autor Rudolf Lavant wurde 1844 in Leipzig geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1890 zurück. Erschienen ist der Text in Stuttgart. Eine Zuordnung des Gedichtes zu den Epochen Realismus, Naturalismus oder Moderne kann aufgrund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das vorliegende Gedicht umfasst 214 Wörter. Es baut sich aus 5 Strophen auf und besteht aus 40 Versen. Weitere bekannte Gedichte des Autors Rudolf Lavant sind „An la belle France.“, „Bekenntnis“ und „Das Jahr“. Zum Autor des Gedichtes „Ruhe nach dem Sturm“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 96 Gedichte vor.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Weitere Gedichte des Autors Rudolf Lavant (Infos zum Autor)

Zum Autor Rudolf Lavant sind auf abi-pur.de 96 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.