Pro domo von Rudolf Lavant

Könnt’ ich mir selbst und meinem innern Triebe
Mich überlassen, würd’ ich harmlos singen
Von Blumen, Sternen und von Schmetterlingen,
Von Waldesrauschen und von Wein und Liebe,
Denn jeder Windhauch bringt in mir zum Tönen
Wie eine Äolsharfe das Empfinden,
Und bis mir einst im Tod die Sinne schwinden,
Häng’ ich am Zarten, Lieblichen und Schönen.
 
Was für aparte Dinge ich empfunden
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Beim Pirolflöten und beim Finkenschlagen,
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Wie eine Blume still ich heimgetragen,
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Die ich in tiefem Waldversteck gefunden,
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Wie wunderlich zu Mute mir gewesen,
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Wenn unter mir die raschen Wasser rannen
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Und Nebelschleier um den Pfad sich spannen –
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Es lohnte sich wahrscheinlich, es zu lesen.
 
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Und wenn die Wiedergabe mir gelänge
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Der Stimmungsschatten meiner Lebensreise –
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Ich bin gewiß, daß meiner Lieder Weise
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Unsäglich süß und dennoch traurig klänge
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Und daß von traumhaft zwingenden Gewalten,
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Die selten tauchen aus den stummen Tiefen,
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In denen sie im Unbewußten schliefen,
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Ich fürs Bewußtsein manchen festgehalten.
 
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Doch wollt ich auf der stillen Steige suchen,
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Um mich der Traumwelt ganz zu überlassen,
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So schlug ans Ohr der Notschrei mir der Gassen,
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Der Ruf nach Brot, das Jammern und das Fluchen,
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Und heiß im Auge brannten mir die Tränen,
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Und angesichts so schrecklichen Verschuldens,
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So kalten Hohns und unerhörten Duldens,
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Ballt’ ich die Faust und knirschte mit den Zähnen.
 
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Wär ich ein Dichter, wenn ich kühl ertrüge
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Den Lauf der Welt, die Herrschaft der Gemeinheit,
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Den gift’gen Spott auf jedes Strebens Reinheit,
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Den Sklavensinn, die Feigheit und die Lüge?
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Müßt ich nicht selbst unsäglich mich verachten,
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Wär auf die Sprengung der verhaßten Bande,
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Wär auf die Sühnung der verjährten Schande
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Gerichtet nicht mein Sinnen und mein Trachten?
 
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Denn ehern sind, gewaltig sind die Zeiten,
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Und wen sie wie ein Frühlingssturm ergreifen,
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Der kennt nur eine Pflicht: sein Schwert zu schleifen
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Und für die Wahrheit und das Recht zu streiten;
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Der läßt, wenn’s sein muß, in den Tod sich hetzen,
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Wie ins Exil auf einer fremden Erde,
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Daß frei das Volk, das wunderreiche, werde,
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Muß er an alles auch sein Alles setzen.
 
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Drück ich in kühles Moos die Stirn auch heute,
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So ist es nur, weil mich zu stetem Ringen
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Die eigne Kampflust und die Gegner zwingen,
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Weil ich mitunter der Erschöpfung Beute.
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Doch ist zu mir, wie fern auch, der Trompeten
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Mahnen und Werben nie umsonst gedrungen –
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Ich bin noch immer hastig aufgesprungen,
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Um festen Muts in Reih und Glied zu treten.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29 KB)

Details zum Gedicht „Pro domo“

Anzahl Strophen
7
Anzahl Verse
56
Anzahl Wörter
399
Entstehungsjahr
nach 1860
Epoche
Realismus,
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Pro domo“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Rudolf Lavant. 1844 wurde Lavant in Leipzig geboren. Im Zeitraum zwischen 1860 und 1915 ist das Gedicht entstanden. Erscheinungsort des Textes ist Berlin. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her lässt sich das Gedicht den Epochen Realismus, Naturalismus, Moderne, Expressionismus oder Avantgarde / Dadaismus zuordnen. Prüfe bitte vor Verwendung die Angaben zur Epoche auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epochen ist auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich Literaturepochen zeitlich überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung häufig mit Fehlern behaftet. Das Gedicht besteht aus 56 Versen mit insgesamt 7 Strophen und umfasst dabei 399 Worte. Rudolf Lavant ist auch der Autor für Gedichte wie „An unsere Feinde“, „An unsere Gegner“ und „An la belle France.“. Zum Autor des Gedichtes „Pro domo“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 96 Gedichte vor.

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