Pollice verso von Marie Eugenie Delle Grazie

Der lockige Barbar,
Kein Zucken oder Schwanken
Der Muskel und Gedanken,
So keck sein Aug’ und klar!
 
Noch niemals unterlegen!
Ganz Rom kennt seine Art:
Bald tückisch, bald verwegen,
Doch immer überlegen,
Sein Arm wie Stahl so hart.
 
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Er ist nur Gladiator
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Und blutig sein Gewinn,
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Doch heut’ ein Triumphator,
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Denn Roma’s Imperator
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Verlor sein – Weib an ihn!
 
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Dein kurzer, fester Nacken,
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Dein krausgewelltes Haar,
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Die Art den Feind zu packen
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Und fühllos einzuhacken,
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Gewann sie dir, Barbar!
 
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Die königlichen Glieder
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Vom Purpur stolz umwallt,
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Schaut sie auf dich hernieder,
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Kaum zucken ihre Lider,
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So herb ihr Blick und kalt.
 
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Du aber wardst im Dunkel
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Der Nacht von ihr umarmt,
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Kennst ihres Aug’s Gefunkel –
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Barbar, im sünd’gen Dunkel
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Bist du an ihr erwarmt! ...
 
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Und schon beginnt das Ringen –
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Hab’ Allzusich’rer Acht
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Und brauche deine Klingen,
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Du mußt den Feind bezwingen,
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So lang dies Weib dir lacht!
 
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Wie blitzt es auf und nieder,
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Sein blankes, kurzes Schwert!
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Wie prächtig seine Glieder
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Im steten Hin und Wider –
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Er war des Preises werth!
 
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Die Arme die behenden,
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Sie schwellen ihm vor Kraft;
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Wie zuckt’s um seine Lenden
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Beim steten Dreh’n und Wenden,
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Ganz Muth und Leidenschaft.
 
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Und nun – nun wird er siegen:
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Ein Hieb, dann ist’s gethan!
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Der Andre muß erliegen
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Schon holt er aus – da fliegen
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Die Blicke ihm hinan;
 
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Zu ihr, die lechzend während
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Des Kampf’s sich vorgebeugt
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Und nun, das Aug’ begehrend
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Geöffnet, ihn verzehrend
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Ihr heiß Verlangen zeigt.
 
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So lohten ihre Blicke
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In jener schwülen Nacht! –
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Da siegt des Gegners Tücke,
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Mit blutendem Genicke
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Wird er zu Fall gebracht.
 
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Und kalt des Schwertes Spitze
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Auf seine Brust gestellt,
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Verbeugt sich vor dem Sitze
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Des Cäsars Jener: „Blitze
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Oder schone, Herr der Welt!“
 
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Doch keck blickt er nach oben,
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Der lockige Barbar,
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Nun wird sie sich erproben –
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Wenn sie die Hand erhoben,
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Krümmt Keiner ihm ein Haar!
 
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Die feisten Senatoren,
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Sie gönnten’s ihm wohl baß:
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Den Schlemmern, kahlgeschoren,
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Auf üppigen Emporen,
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Wär’s ein – Verdauungs-Spaß!
 
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Und Vesta’s Jungfrau’n wieder,
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Sie kämpften schon aus Neid
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Des Mitleids Stimme nieder:
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Nicht blühen solche Glieder
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Für ihre Einsamkeit!
 
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Doch sie, die ihn umfangen – –
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Und wieder fliegt sein Blick
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Zu ihr, die dort voll Prangen
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Sein Hoffen und Verlangen
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Und heut’ auch – sein Geschick!
 
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Wie könnte sie ermatten,
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Für ihn, um ihn zu fleh’n?
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Schon beugt sie sich zum Gatten –
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Nun lächelt sie – kein Schatten
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In ihrem Blick zu seh’n;
 
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Und nun – ha schwindelnd wenden
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Des Opfers Augen sich –
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Mit ihren eignen Händen
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Befiehlt sie kalt zu enden,
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Und jäh trifft ihn der Stich;
 
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Ein Zucken und ein Röcheln –
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Ganz Rom heult wie verzückt!
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Sie läßt sich Kühlung fächeln
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Und lacht – es ist das Lächeln,
99 
Das gestern ihn beglückt....
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (31.9 KB)

Details zum Gedicht „Pollice verso“

Anzahl Strophen
20
Anzahl Verse
99
Anzahl Wörter
458
Entstehungsjahr
1892
Epoche
Realismus

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Pollice verso“ der Autorin Marie Eugenie Delle Grazie. Im Jahr 1864 wurde Delle Grazie in Weißkirchen (Bela Crkva) geboren. 1892 ist das Gedicht entstanden. Der Erscheinungsort ist Leipzig. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten der Autorin her der Epoche Realismus zuordnen. Bei Delle Grazie handelt es sich um eine typische Vertreterin der genannten Epoche. Das vorliegende Gedicht umfasst 458 Wörter. Es baut sich aus 20 Strophen auf und besteht aus 99 Versen. Die Dichterin Marie Eugenie Delle Grazie ist auch die Autorin für Gedichte wie „Abschied“, „Addio“ und „Addio a Capri“. Zur Autorin des Gedichtes „Pollice verso“ haben wir auf abi-pur.de weitere 71 Gedichte veröffentlicht.

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