Pidder Lüng von Detlev von Liliencron

Der Amtmann von Tondern, Henning Pogwisch,
Schlägt mit der Faust auf den Eichentisch:
Heut fahr ich selbst hinüber nach Sylt,
Und hol mir mit eigner Hand Zins und Gült.
Und kann ich die Abgaben der Fischer nicht fassen,
Sollen sie Nasen und Ohren lassen,
Und ich höhn ihrem Wort:
Lewwer duad üs Slaav.
 
Im Schiff vorn der Ritter, panzerbewehrt,
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Stützt sich finster auf sein langes Schwert.
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Hinter ihm, von der hohen Geistlichkeit,
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Steht Jürgen, der Priester, beflissen, bereit.
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Er reibt sich die Hände, er bückt den Nacken.
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Der Obrigkeit helf ich, die Frevler packen,
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In den Pfuhl das Wort:
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Lewwer duad üs Slaav.
 
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Gen Hörnum hat die Prunkbarke den Schnabel gewetzt,
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Ihr folgen die Ewer, kriegsvolkbesetzt.
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Und es knirschen die Kiele auf den Sand,
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Und der Ritter, der Priester springen ans Land,
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Und waffenrasselnd hinter den beiden.
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Entreißen die Söldner die Klingen den Scheiden.
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Nun gilt es, Friesen:
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Lewwer duad üs Slaav!
 
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Die Knechte umzingeln das erste Haus,
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Pidder Lüng schaut verwundert zum Fenster heraus.
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Der Ritter, der Priester treten allein
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Über die ärmliche Schwelle hinein.
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Des langen Peters starkzählige Sippe
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Sitzt grad an der kargen Mittagskrippe.
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Jetzt zeige dich, Pidder:
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Lewwer duad üs Slaav!
 
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Der Ritter verneigt sich mit hämischem Hohn,
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Der Priester will anheben seinen Sermon.
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Der Ritter nimmt spöttisch den Helm vom Haupt
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Und verbeugt sich noch einmal: Ihr erlaubt,
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Daß wir euch stören bei euerm Essen,
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Bringt hurtig den Zehnten, den ihr vergessen,
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Und euer Spruch ist ein Dreck:
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Lewwer duad üs Slaav.
 
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Da reckt sich Pidder, steht wie ein Baum:
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Henning Pogwisch, halt deine Reden im Zaum.
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Wir waren der Steuern von jeher frei,
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Und ob du sie wünschst, ist uns einerlei.
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Zieh ab mit deinen Hungergesellen,
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Hörst du meine Hunde bellen?
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Und das Wort bleibt stehn:
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Lewwer duad üs Slaav!
 
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Bettelpack, fährt ihn der Amtmann an,
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Und die Stirnader schwillt dem geschienten Mann:
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Du frißt deinen Grünkohl nicht eher auf,
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Als bis dein Geld hier liegt zu Hauf.
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Der Priester zischelt von Trotzkopf und Bücken,
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Und verkriecht sich hinter des Eisernen Rücken.
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O Wort, geh nicht unter:
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Lewwer duad üs Slaav!
 
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Pidder Lüng starrt wie wirrsinnig den Amtmann an,
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Immer heftiger in Wut gerät der Tyrann,
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Und er speit in den dampfenden Kohl hinein:
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Nun geh an deinen Trog, du Schwein.
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Und er will, um die peinliche Stunde zu enden,
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Zu seinen Leuten nach draußen sich wenden.
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Dumpf dröhnts von drinnen:
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Lewwer duad üs Slaav!
 
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Einen einzigen Sprung hat Pidder gethan,
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Er schleppt an den Napf den Amtmann heran,
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Und taucht ihm den Kopf ein, und läßt ihn nicht frei,
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Bis der Ritter erstickt ist im glühheißen Brei,
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Die Fäuste dann lassend vom furchtbaren Gittern,
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Brüllt er, die Thüren und Wände zittern,
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Das stolzeste Wort:
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Lewwer duad üs Slaav!
 
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Der Priester liegt ohnmächtig ihm am Fuß,
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Die Häscher stürmen mit höllischem Gruß,
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Durchbohren den Fischer und zerren ihn fort,
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In den Dünen, im Dorf rasen Messer und Mord.
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Pidder Lüng doch, ehe sie ganz ihn verderben,
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Ruft noch einmal im Leben, im Sterben
79 
Sein Herrenwort:
80 
Lewwer duad üs Slaav !
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (30.4 KB)

Details zum Gedicht „Pidder Lüng“

Anzahl Strophen
10
Anzahl Verse
80
Anzahl Wörter
505
Entstehungsjahr
1902
Epoche
Naturalismus

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Pidder Lüng“ des Autors Detlev von Liliencron. Geboren wurde Liliencron im Jahr 1844 in Kiel. Im Jahr 1902 ist das Gedicht entstanden. Der Erscheinungsort ist Berlin und Leipzig. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her der Epoche Naturalismus zuordnen. Bei Liliencron handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche. Das Gedicht besteht aus 80 Versen mit insgesamt 10 Strophen und umfasst dabei 505 Worte. Weitere bekannte Gedichte des Autors Detlev von Liliencron sind „Die Musik kommt“, „Er liebte schneidig Schön Thora“ und „Einst segelt er nach England“. Zum Autor des Gedichtes „Pidder Lüng“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 63 Gedichte vor.

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