Phantasieengemälde von Carl Streckfuß

Im Mondenschein, der was das Herz verborgen,
In schönen Träumen wunderbar enthüllt,
Weil’ ich allein, ein Raub von düstern Sorgen,
Von Lieb’ und Gram die bange Brust erfüllt;
Doch keimt der Phantasie ein junger Morgen,
Sie bringt, Geliebte, mir dein holdes Bild.
Voll Seeligkeit und voll von tausend Schmerzen,
Heg’ ich es liebend an dem wunden Herzen.
 
Es lächelt mir, es lispelt süße Töne,
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Es fesseln mich der Arme Lilienketten,
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Dem Aug’ entquillt der heissen Liebe Thräne,
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Der Odem weht, wie linde Zephyretten.
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Voll Lieb’ und Huld, in göttergleicher Schöne,
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Mich aus der Sehnsucht Labyrinth zu retten,
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Giebt mir sich’s hin, mir neues reiches Leben
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Und Thatenkraft in jedem Kuß zu geben.
 
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Mit jedem Kuß fühl’ ich ein Feuermeer
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Allmächtig in mein Innres sich ergießen,
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In Zauberfarben prangt die Welt umher,
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Der liebliche Erscheinungen entsprießen.
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Die Menschen sind’s, die vorigen, nicht mehr,
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Die treulos mich in meinem Schmerz verließen.
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Die Menschheit fließt, entglüht von heil’gen Flammen,
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In eine göttliche Gestalt zusammen.
 
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Ihr weicht des Todes Genius zurück,
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Und der Vernichtung grause Schrecken schwinden,
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In ew’ger Einheit sieht mein trunkner Blick
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Sie mit dem Geist des Weltalls sich verbinden;
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Da sieht er sie ein gränzenloses Glück,
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Ein kaum geahntes Ziel der Sehnsucht finden,
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Da ist kein Gott vom Sterblichen verschieden,
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Ein Wesen lebt, erfüllt von seel’gem Frieden.
 
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O weilet, weilt, ihr holden Phantasieen,
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Ihr aus der Liebe heil’ger Gluth entfaltet,
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O weilt, daß ihr mit euren Harmonieen
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Des Innern Chaos wieder neu gestaltet.
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Laßt da der Freude Blumen wieder blühen,
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Wo jetzt des Grames düstre Herrschaft waltet. —
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Doch zum Olymp, wo sie herab gestiegen,
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Seh’ ich die schönen Träume wieder fliegen.
 
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Amanda’s Bild entringt sich meiner Brust,
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Und flieht hinauf zu heimatlichen Sternen.
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Da zieht von mir den weichen Arm die Lust,
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Und folgt ihr nach in gränzenlose Fernen.
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Nur meines Schmerzens bin ich mir bewußt,
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Und nichts vermag das Dunkel zu entfernen,
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Das mich umgiebt — des heissen Sehnens Quaal,
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Der Liebe Schmerz verschlingt der Hoffnung Strahl.
 
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Sie liebt mich nicht — Das fühl’ ich in mir toben,
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Nur dem Gedanken hab’ ich mich geweiht.
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Ein sterblich Weib, aus irrd’schem Stoff gewoben,
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Ist sie dem Chor der Götter angereiht.
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Hoch über mich ist sie empor gehoben,
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Und lebt in seel’ger Abgeschiedenheit;
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All’ ihre Reiz’ und ihre Wonnen riefen
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Sich selbst hervor aus ihres Busens Tiefen.
 
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Ein hohes Wesen, in sich selbst zufrieden,
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In ew’ger Jugend blühend, ewig alt,
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Kann nicht des Lebens Fessel sie ermüden,
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Sie trägt sie leicht mit duldender Gewalt,
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Und eine Fremdlingin scheint sie hinieden,
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Und jeder staunt der himmlischen Gestalt,
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Verweilt von fern, beschaut ihr schönes Leben,
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Sein eignes Herz zum Schönen zu erheben.
 
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Doch keiner wagt’s, mit Liebe ihr zu nahn,
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Denn jeder ahnt ein überirrdisch Wesen,
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Und jedes Herz füllt stille Ehrfurcht an,
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Von jedem Triebe fühlen sich genesen,
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Die ihres Friedens ew’ge Klarheit sahn —
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Nur mich kann dieß nicht von dem Zauber lösen.
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Mit unserm Seyn, mit unserm Leben schalten
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Nach eigner Willkühr höhere Gewalten.
 
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Mein Genius befahl: Du sollst dein Leben
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Der Grazie der stillen Wehmuth weihn.
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Dir sey allein der Klage Trost gegeben,
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Und bloß der Sehnsucht irre Kraft sey dein.
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Hin nach Amanden sollst du ewig streben,
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Und sollst ihr Herz nur rühren, nicht erfreun.
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Die Liebe soll in deinem Blick sich spiegeln,
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Doch soll den Mund gerechte Furcht versiegeln.
 
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So streb’ ich denn, und finde nirgends Frieden —
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Oft klagt mein Leid dir thränenvoll mein Blick,
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Oft scheint mir deine Thräne zu gebieten:
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O hoffe! bald erblüht dir Lieb’ und Glück.
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Dann zuckt ein Strahl von Wonne durch den Müden,
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Doch deine Göttlichkeit treibt mich zurück
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Aus der Begeistrung lichterfüllter Sphäre,
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In meines düstern Wesens grause Leere.
 
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Und aus dem Leben treibt mit raschen Schlägen
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Dem Grab mich zu das ungestillte Sehnen,
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Doch gähnt die Gruft mir fürchterlich entgegen,
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Auch hinter ihr erblick’ ich Leid und Thränen.
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Des Lebens Haß kann mir nur Quaal erregen,
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Kann mit des Todes Graus mich nicht versöhnen;
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Nichts ist mir hold, da selbst der Wehmuth Klagen
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Mir ihres Trostes Linderung versagen.
 
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Die Flur ist todt, der grimme Nordwind brüllt,
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Am nahen Felsen brechen sich die Wogen,
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Von schwarzen Wolken ist der Mond verhüllt,
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Es kreißt der Schnee in regellosen Bogen.
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Von Schmerz und Wuth ist die Natur erfüllt,
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Als hätte sie wie mich ein Gott betrogen,
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Hinaus zu dir, o zürnende Natur!
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An deinem Busen find’ ich Labung nur.

Details zum Gedicht „Phantasieengemälde“

Anzahl Strophen
13
Anzahl Verse
104
Anzahl Wörter
735
Entstehungsjahr
1804
Epoche
Klassik,
Romantik

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Phantasieengemälde“ des Autoren Carl Streckfuß. Der Autor Carl Streckfuß wurde 1778 in Gera geboren. 1804 ist das Gedicht entstanden. Wien ist der Erscheinungsort des Textes. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autoren her kann der Text den Epochen Klassik oder Romantik zugeordnet werden. Prüfe bitte vor Verwendung die Angaben zur Epoche auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epochen ist auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich Literaturepochen zeitlich überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung häufig mit Fehlern behaftet. Das Gedicht besteht aus 104 Versen mit insgesamt 13 Strophen und umfasst dabei 735 Worte. Weitere bekannte Gedichte des Autoren Carl Streckfuß sind „Bey der Hochzeit des Hrn. Schultz“, „Das Gastmahl des Theoderich“ und „Das Geständniß“. Zum Autoren des Gedichtes „Phantasieengemälde“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 50 Gedichte vor.

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