Pfingstgedanken von Rudolf Lavant
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Wie waren sie so froh erschrocken, |
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Die Männer einfach und gering, |
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Wie fühlten sie die Pulse stocken, |
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Als Windesbrausen sie umfing |
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Und es von hellen Feuerflocken |
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Auf ihre Häupter niederging! |
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Und als dem Schreck sie sich entrungen, |
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Da fühlte Jeder Kraft und Werth, |
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Da sprachen plötzlich sie in Zungen, |
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Die Keiner ihnen je gelehrt, |
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Da ist ihr Wort beredt erklungen |
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Und hat die Lauschenden bekehrt. |
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Die Menge sah es tief betroffen, |
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Von ehrfurchtsvoller Scheu bewegt; |
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Ihr Herz ward einer Ahnung offen, |
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Die wenig Träumer nur gehegt, |
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Und schüchtern hat ein frohes Hoffen |
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In ihrer Seele sich geregt: |
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Das Hoffen, daß auf neuen Pfaden |
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Erreichbar sei das ferne Ziel, |
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Das allen denen, die beladen, |
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Noch stets in graue Nebel fiel, |
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Daß in der Fluth sich dürfe baden |
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Des festgefahrnen Schiffes Kiel. |
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Die Aberweisen aber standen |
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Vor diesem Schauspiel tief verstimmt. |
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Wenn Andre eine Lösung fanden, |
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Die ihrem trüben Blick verschwimmt |
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Zu aller Zeit, in allen Landen |
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Hat die Gelehrten das ergrimmt. |
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Sie mieden klüglich all’ und jede |
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Begegnung, dämmend ihren Groll; |
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In Scheu vor jeder Geistesfehde |
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Erklärten sie das Volk für toll |
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Und spöttisch klang die Flüsterrede: |
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„Sie sind des süßen Weines voll!“ |
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Der alte Text, die alte Weise, |
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So lang’ der Erde Vesten stehn! |
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Sie müssen eben, laut und leise, |
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Verleumden, fälschen und verdrehn; |
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Sie wollen stets im alten Kreise |
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Sich ehrfurchtsvoll beräuchert sehn. |
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Und wer die Hände keck und schnöde |
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Legt in die Wunden seiner Zeit, |
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Der wird verstoßen in die Oede |
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Im Wege der Gerechtigkeit; |
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Von da zum wilden: „Tödte! Tödte!“ |
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Ist es bekanntlich auch nicht weit. |
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Doch stimmten solche alten Bilder, |
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Beschaut man sie im rechten Licht, |
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Den rechten Menschen merklich milder – |
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Man tödtet ja die Wahrheit nicht, – |
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Und wenn noch giftiger und wilder |
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Die alte Satzung man verficht. |
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In solchen tröstlichen Gedanken |
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Schwillt immer wieder mir die Brust, |
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Wenn ins Gewirr von Laub und Ranken |
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Ich flüchte aus der Gassen Wust; |
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Im Hochgefühl der Frei’n und Franken |
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Liegt doch die höchste Frühlingslust. |
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Und Allen, die durch grüne Breiten, |
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Auf denen Halmgewoge sprießt, |
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Im Thau der milden Frühe schreiten, |
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Wo sie der Blumen Duft umfließt, |
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Mag das Gefühl die Seele weiten, |
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Das Pfingsten in die Brust mir gießt! |
Details zum Gedicht „Pfingstgedanken“
Rudolf Lavant
11
66
362
1893
Naturalismus,
Moderne
Gedicht-Analyse
Das Gedicht „Pfingstgedanken“ wurde von Rudolf Lavant verfasst, der von 1844 bis 1915 lebte. Dieser Zeitraum der deutschen Geschichte war geprägt von politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen, aber auch von einer Blütezeit der Literatur und Kunst.
Der erste Eindruck des Gedichts wirkt religiös und beschäftigt sich mit dem christlichen Pfingstfest. Es wird eine Szene geschildert, in der Menschen durch das Pfingstwunder erschrocken und dann ermutigt werden und ihre inneren Gefühle und Erfahrungen durch das einschneidende Ereignis verändern.
Im Inhalt des Gedichts geht es um die Erfahrung einer Gruppe von Männern während des Pfingstereignisses. Sie fühlen ein plötzliches „Windesbrausen“ und „helle Feuerflocken“ nieder auf sie, was sie erschreckt, aber dann fühlen sie eine unerklärliche Kraft und sprechen in „Zungen“. Dieses Wunder wird von der umgebenden Menge mit Ehrfurcht und Erstaunen beobachtet und führt zu einem vagen Gefühl der Hoffnung in den Herzen der Zuschauer. Allerdings gibt es auch Kritik und Verleumdung gegen diejenigen, die diese Erfahrung erleben, insbesondere von den „Aberweisen“ oder Gelehrten. Das lyrische Ich drückt trotzdem Zuversicht und Frieden aus, getragen von der Freude an der Freiheit und der Schönheit der Natur.
Die formalen Eigenheiten des Gedichts betreffen vor allem seine ausgedehnte Länge und seine regelmäßige Struktur: Es besteht aus elf gleichartig gebauten Strophen zu je sechs Versen. Die Sprache des Gedichts ist auf eine sehr bildliche und übertragene Weise gestaltet, die ein Gefühl von Bildhaftigkeit und Mystik vermittelt.
Insgesamt repräsentiert das Gedicht „Pfingstgedanken“ von Rudolf Lavant einen aufrichtigen und poetischen Ausdruck religiöser Erfahrung, der sowohl die positiven Emotionen der spirituellen Erweckung als auch die Herausforderungen darstellt, die mit der Konfrontation mit der Skepsis der Gesellschaft verbunden sind. Es ist lyrisch komplex und lässt Spielraum für vielfältige Auslegungen und persönliche Reflexionen.
Weitere Informationen
Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Pfingstgedanken“ des Autors Rudolf Lavant. Geboren wurde Lavant im Jahr 1844 in Leipzig. 1893 ist das Gedicht entstanden. Stuttgart ist der Erscheinungsort des Textes. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zu den Epochen Naturalismus oder Moderne zu. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Basis geschehen. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben bei Verwendung. Das Gedicht besteht aus 66 Versen mit insgesamt 11 Strophen und umfasst dabei 362 Worte. Weitere Werke des Dichters Rudolf Lavant sind „An die alte Raketenkiste“, „An unsere Feinde“ und „An unsere Gegner“. Zum Autor des Gedichtes „Pfingstgedanken“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 96 Gedichte vor.
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- An Herrn Crispi
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- An den Herrn Minister Herrfurth Exzellenz
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- An die Frauen
- An die alte Raketenkiste
- An unsere Feinde
- An unsere Gegner
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Zum Autor Rudolf Lavant sind auf abi-pur.de 96 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.
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