An einen Moralisten von Friedrich Schiller

Fragment.

Betagter Renegat der lächelnden Dione!
Du lehrst, daß Lieben Tändeln sey,
Blikst von des Alters Winterwolkenthrone
Und schmälest auf den goldnen May.
 
Erkennt Natur auch Schreibepultgeseze?
Für eine warme Welt – taugt ein erfrorner Sinn?
Die Armuth ist, nach dem Aesop, der Schäze
Verdächtige Verächterin.
 
Einst als du noch das Nymfenvolk bekriegtest,
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Ein Fürst des Karnevals den teutschen Wirbel flogst,
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Ein Himmelreich in beiden Armen wiegtest,
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Und Nektarduft von Mädchenlippen zogst?
 
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Ha Seladon! wenn damals aus den Achsen
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Gewichen wär so Erd als Sonnenball,
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In Wirbelschwung mit Julien verwachsen,
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Du hättest überhört den Fall.
 
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Und wenn nach manchen fehlgesprengten Minen
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Ihr eignes Blut, von wilder Lust geglüht,
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Die stolze Tugend deiner Schönen
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Zulezt an deine Brust verrieth?
 
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Wie? oder wenn romantisch im Gehölze
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Ein leiser Laut zu deinen Ohren drang,
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Und in der Wellen silbernem Gewälze
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Ein Mädchen Sammetglieder schwang?
 
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Wie schlug dein Herz! wie stürmete! wie kochte
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Aufrührerisch das scharfgejagte Blut!
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Zukt jede Senn – und jeder Muskel pochte
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Wollüstig in die Flut!
 
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Wenn dann gewahr des Diebs, der sie belauschte,
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Purpurisch angehaucht von jüngferlicher Schaam,
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Ins blaue Bett die Schöne niederrauschte,
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Und hintennach mein strenger Zeno – schwamm.
 
33 
Ja hintennach – und sey’s auch nur zu baden!
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Mit Rok und Kamisol und Strumpf –
35 
– – – – – – – – – –
36 
– – – – – – – – – –
37 
Leis flöteten die lüsternen Najaden
38 
Der Grazien Triumf!
 
39 
O denk zurük nach Deinen Rosentagen,
40 
Und lerne, die Philosophie
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Schlägt um, wie unsre Pulse anders schlagen,
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Zu Göttern schafst du Menschen nie.
 
43 
Wohl! wenn ins Eis des klügelnden Verstandes
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Das warme Blut ein bischen muntrer springt!
45 
Laß den Bewohnern eines bessern Landes
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Was ewig nie dem Erdensohn gelingt.
 
47 
Zwingt doch der thierische Gefährte
48 
Den gottgebornen Geist in Sklavenmauren ein –
49 
Er wehrt mir, daß ich Engel werde;
50 
Ich will ihm folgen Mensch zu seyn.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (27.8 KB)

Details zum Gedicht „An einen Moralisten“

Anzahl Strophen
12
Anzahl Verse
50
Anzahl Wörter
284
Entstehungsjahr
1782
Epoche
Sturm & Drang,
Klassik

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „An einen Moralisten“ des Autors Friedrich Schiller. Schiller wurde im Jahr 1759 in Marbach am Neckar, Württemberg geboren. Im Jahr 1782 ist das Gedicht entstanden. Erscheinungsort des Textes ist Stuttgart. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her den Epochen Sturm & Drang oder Klassik zuordnen. Schiller ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen.

Als Sturm und Drang (auch Genieperiode oder Geniezeit) bezeichnet man eine Literaturepoche, die auf die Jahre 1765 bis 1790 datiert werden kann. Sie knüpfte an die Empfindsamkeit an und ging später in die Klassik über. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte der Geist der Aufklärung das literarische und philosophische Denken im deutschen Sprachraum. Der Sturm und Drang „stürmte“ und „drängte“ als Protest- und Jugendbewegung gegen diese aufklärerischen Ideale. Ein wesentliches Merkmal des Sturm und Drang ist somit ein Auflehnen gegen die Epoche der Aufklärung. Die Vertreter waren zumeist Schriftsteller jüngeren Alters, meistens nicht älter als 30 Jahre. Um die subjektiven Empfindungen des lyrischen Ichs zum Ausdruck zu bringen, wurde im Besonderen darauf geachtet eine geeignete Sprache zu finden und in den Gedichten einzusetzen. Die Werke vorheriger Epochen wurden geschätzt und dienten als Inspiration. Aber dennoch wurde eine eigene Jugendkultur und Jugendsprache mit kraftvollen Ausdrücken, Ausrufen, Wiederholungen und Halbsätzen geschaffen. Schiller, Goethe und die anderen Autoren jener Zeit suchten nach etwas Universalem, was in allen Belangen und für jede Zeit gut sei und entwickelten sich stetig weiter. So ging der Sturm und Drang über in die Weimarer Klassik.

Die Literaturepoche der Klassik beginnt nach herrschender Auffassung mit der Italienreise Goethes, die er im Jahr 1786 im Alter von 36 Jahren machte. Das Ende der Epoche wird auf 1832 datiert. In der Klassik wurde die Literatur durch Einflüsse der Französischen Revolution, die ziemlich zu Beginn der Epoche stattfand, entscheidend geprägt. In der Französischen Revolution setzten sich die Menschen dafür ein, dass für alle die gleichen Rechte gelten sollten. Ausgangspunkt und literarisches Zentrum der Weimarer Klassik (kurz auch häufig einfach nur Klassik genannt) war Weimar. Humanität, Güte, Gerechtigkeit, Toleranz, Gewaltlosigkeit und Harmonie sind die wichtigsten Themen. Die Klassik orientiert sich am antiken Kunstideal. In der Klassik wird eine einheitliche, geordnete Sprache verwendet. Allgemeingültige, kurze Aussagen (Sentenzen) sind oftmals in Werken der Klassik zu finden. Da man die Menschen früher mit der Kunst und somit auch mit der Literatur erziehen wollte, legte man großen Wert auf Stabilität und formale Ordnung. Metrische Ausnahmen befinden sich häufig an Stellen, die hervorgehoben werden sollen. Schiller, Goethe, Herder und Wieland bildeten das „Viergestirn“ der Klassik. Es gab natürlich auch noch andere Autoren, die typische Werke veröffentlichten, doch niemand übertraf die Fülle und die Popularität dieser vier Autoren.

Das 284 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 50 Versen mit insgesamt 12 Strophen. Weitere Werke des Dichters Friedrich Schiller sind „Breite und Tiefe“, „Bürgerlied“ und „Columbus“. Zum Autor des Gedichtes „An einen Moralisten“ haben wir auf abi-pur.de weitere 220 Gedichte veröffentlicht.

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