Nächtlicher Ritt von Rudolf Lavant

Stockenden Herzschlags hab’ ich dein gedacht,
Mein heißes, wildes Lieb, in dieser Nacht! –
Schwül war’s, die Erde dürstete nach Regen;
Kein Laut umher, als meines Hengst’s Geschnaub;
Bis an die Fesseln schritt das Thier im Staub,
Der dicht sich häufte auf den dunklen Wegen.
 
Kein Stern am Himmel, weit und breit kein Licht.
Mir stand der Schweiß in Perlen im Gesicht
Und meine Brust, sie athmete beklommen.
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So dunkel war’s, daß nichts ich unterschied
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Und erst ein Wanduhrschlagen mir verrieth,
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Daß zwischen Häuser wieder ich gekommen.
 
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So bange war’s – es rang die Brust nach Luft.
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Da schlug es plötzlich mir wie Nelkenduft,
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Wie rother Nelken süßer Duft entgegen.
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Ich sog ihn ein – mir schwindelte das Hirn –
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Und für Momente mußt’ ich meine Stirn
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Geschlossnen Auges auf die Mähne legen.
 
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Und aus der Wolke, die am Himmel stand
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Gar schwer und düster, fiel auf meine Hand
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Ein einzelner, ein großer warmer Tropfen.
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Als meine Lippe auf die Rechte sank
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Und diese Thräne stummen Schmerzes trank,
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Fühlt’ ich die Schläfe wie im Fieber klopfen.
 
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Und weiter ritt ich, ohne Ziel, im Traum.
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Da schlug’s empor am schwarzen Himmelssaum
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Sekundenlang in purpurrothen Gluthen.
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In ihrem Scheine weithin lag das Land –
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Mir war, als hebe hastig eine Hand
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Den dunklen Flor von eines Herzens Bluten.
 
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Da fiel ein Blitz, ein weißer Funke nur,
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Der durch die Wolken, sie zerreißend, fuhr,
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Gedankenschnell und scheitelrecht von oben.
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Wie deine Leidenschaft war dieser Blitz,
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Blendend und rasch – in Bügel hat und Sitz
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Der Träumer unwillkürlich sich gehoben.
 
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Durch schwarze Hecken ging es dann im Schritt,
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Als mir ins Ohr ein leises Wimmern schnitt,
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Das matte Stöhnen einer Todesstunde.
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Darauf ein wilder, qualerpreßter Schrei –
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Und dann mit einem Male war’s vorbei
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Und nur die Ulmen rauschten in der Runde.
 
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Ich ritt und ritt; der Morgen graute schon,
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Und eine Nachtigall in leisem Ton
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Hob in den Büschen schmelzend an zu schlagen.
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Von süßem Weh und gramumflorter Luft
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Sang wunderbar des kleinen Vogels Brust
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Und feuchten Auges lauscht’ ich seinem Klagen.
 
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Und immer näher kam der weiche Schall;
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Ich spähte forschend über niedern Wall
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Und – nicht den heißen Thränen wehrt’ ich länger.
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Auf einem Grabe ohne Kreuz und Stein,
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Wüst und vergessen, sang von Liebespein
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Im wilden Fliederstrauch der kleine Sänger!
 
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So mahnte Alles, bis die Nacht entwich,
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Stumm und beredsam, armes Lieb, an dich,
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Und an das Loos, das ich erkoren habe –
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Süß wie in dunkler Nacht der Nelken Duft,
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Bang’, wie ein Schrei, verwehend in der Luft,
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Ein Vogellied auf wild verwachs’nem Grabe!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.4 KB)

Details zum Gedicht „Nächtlicher Ritt“

Anzahl Strophen
10
Anzahl Verse
60
Anzahl Wörter
423
Entstehungsjahr
1882
Epoche
Realismus,
Naturalismus

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Nächtlicher Ritt“ des Autors Rudolf Lavant. Lavant wurde im Jahr 1844 in Leipzig geboren. Das Gedicht ist im Jahr 1882 entstanden. Stuttgart ist der Erscheinungsort des Textes. Eine Zuordnung des Gedichtes zu den Epochen Realismus oder Naturalismus kann auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Die Angaben zur Epoche prüfe bitte vor Verwendung auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich die Literaturepochen zeitlich teilweise überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung fehleranfällig. Das vorliegende Gedicht umfasst 423 Wörter. Es baut sich aus 10 Strophen auf und besteht aus 60 Versen. Rudolf Lavant ist auch der Autor für Gedichte wie „An unsere Gegner“, „An la belle France.“ und „Bekenntnis“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Nächtlicher Ritt“ weitere 96 Gedichte vor.

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