Nacht und Tag von Johann Gottfried Herder
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Goldenes, süßes Licht der allerfreuenden Sonne, |
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Und du friedlicher Mond, und ihr Gestirne der Nacht, |
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Leitet mich sanft mein Leben hindurch, ihr heiligen Lichter, |
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Gebt zu Geschäften mir Muth, gebt von Geschäften mir Ruh, |
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Daß ich unter dem Glanze des Tags mich munter vergesse, |
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Aber mich wiederfind’ unter dem Schimmer der Nacht. |
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Nieder am Staube zerstreun sich unsre gaukelnden Wünsche; |
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Eins wird unser Gemüth droben, ihr Sterne, bei Euch. |
Details zum Gedicht „Nacht und Tag“
Johann Gottfried Herder
1
8
69
1796
Sturm & Drang,
Klassik
Gedicht-Analyse
Das vorliegende Gedicht „Nacht und Tag“ wurde von Johann Gottfried Herder verfasst, der von 1744 bis 1803 lebte. Herder ist ein bedeutender Vertreter der deutschen Aufklärung und der Sturm und Drang Bewegung.
Der erste Eindruck des Gedichts wirkt auf die Leser beruhigend und besänftigend. Es spiegelt den Rhythmus des Tages und ruft Bilder der Morgendämmerung, des hellen Tageslichts, der Dämmerung und der stillen Nacht hervor.
Inhaltlich bezieht sich das lyrische Ich auf den Kreislauf von Tag und Nacht und den damit verbundenen Aktivitäten und Ruhephasen. In den ersten Zeilen begrüßt das lyrische Ich sowohl das goldene Licht der Sonne als auch das friedliche Mondlicht und die Sterne der Nacht. Diese Himmelskörper, die den Tag und die Nacht kennzeichnen, begleiten das lyrische Ich durch sein Leben, indem sie ihm Mut für seine Tätigkeiten während des Tages geben und Ruhe von diesen Tätigkeiten während der Nacht. Das lyrische Ich drückt den Wunsch aus, sich während des Tages im Glanz der Sonne vergessen und sich während der Nacht im Schimmer des Mondlichts wiederfinden zu können. Im letzten Vers widmet das lyrische Ich seine Aufmerksamkeit dem Himmel, wobei es feststellt, dass sich unsere irdischen Wünsche am Staub zerstreuen, während unser Geist bei den Sternen vereint wird.
Formal besteht das Gedicht aus einer einzigen achtzeiligen Strophe, was ein relativ unkompliziertes Formmuster ist. Die Sprache des Gedichts ist eher lebhaft und bildhaft, mit einer klaren Vorliebe für natürliche und kosmische Bilder. Dies unterstreicht die Verbindung zwischen dem Menschen und der Natur, die ein zentrales Motiv in der Literatur der Aufklärung und des Sturm und Drang ist. Die emotionale Tiefe und Intensität, die in den Versen zum Ausdruck kommt, ist charakteristisch für die Sturm und Drang Periode, in der das Gefühl und die individuelle Erfahrung im Mittelpunkt standen.
Ungeachtet seiner Simplizität drückt das Gedicht eine tiefgehende Reflexion über die Natur des menschlichen Lebens aus und lädt den Leser dazu ein, denselben Kreislauf von Aktivität und Ruhe, Vergessen und Wiederfinden zu betrachten und zu schätzen. Es ist somit ein Gedicht, das sowohl ästhetisch ansprechend als auch philosophisch bereichernd ist.
Weitere Informationen
Das Gedicht „Nacht und Tag“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Johann Gottfried Herder. Der Autor Johann Gottfried Herder wurde 1744 in Mohrungen (Ostpreußen) geboren. 1796 ist das Gedicht entstanden. Erschienen ist der Text in Neustrelitz. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text den Epochen Sturm & Drang oder Klassik zugeordnet werden. Der Schriftsteller Herder ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen.
Sturm und Drang ist die Bezeichnung für die Literaturepoche in den Jahren von 1765 bis 1790 und wird häufig auch Geniezeit oder zeitgenössische Genieperiode genannt. Diese Bezeichnung entstand durch die Verherrlichung des Genies als Urbild des höheren Menschen und Künstlers. Die Epoche des Sturm und Drang knüpft an die Empfindsamkeit an und geht später in die Klassik über. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte der Geist der Aufklärung das philosophische und literarische Denken in Deutschland. Der Sturm und Drang kann als eine Jugend- und Protestbewegung gegen diese aufklärerischen Ideale verstanden werden. Das Auflehnen gegen die Epoche der Aufklärung brachte die wesentlichen Merkmale dieser Epoche hervor. Die Vertreter des Sturm und Drang waren häufig junge Schriftsteller im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren, die sich gegen die vorherrschende Strömung der Aufklärung wandten. In den Dichtungen wurde darauf geachtet eine geeignete Sprache zu finden, um die persönlichen Empfindungen des lyrischen Ichs zum Ausdruck zu bringen. Es wurde eine eigene Jugendsprache und Jugendkultur mit kraftvollen Ausdrücken, Ausrufen, Halbsätzen und Wiederholungen geschaffen. Die traditionellen Werke vorangegangener Epochen wurden dennoch geschätzt und dienten weiterhin als Inspiration. Mit dem Hinwenden Goethes und Schillers zur Weimarer Klassik endete der Sturm und Drang.
Die Epoche der Klassik beginnt nach herrschender Auffassung mit der Italienreise Goethes, die er 1786 im Alter von 36 Jahren machte. Das Ende der Epoche wird auf 1832 datiert. In der Klassik wurde die Literatur durch Einflüsse der Französischen Revolution, die ziemlich zu Beginn der Epoche stattfand, entscheidend geprägt. In der Französischen Revolution setzten sich die Menschen dafür ein, dass für alle die gleichen Rechte gelten sollten. Sowohl die Bezeichnung Klassik als auch die Bezeichnung Weimarer Klassik sind gebräuchlich. Das literarische Zentrum dieser Epoche lag in Weimar. Der Begriff Humanität ist von zentraler Bedeutung für die Zeit der Weimarer Klassik. Die wichtigsten inhaltlichen Merkmale der Klassik sind: Selbstbestimmung, Harmonie, Menschlichkeit, Toleranz und die Schönheit. In der Lyrik haben die Autoren auf Gestaltungs- und Stilmittel aus der Antike zurückgegriffen. So war beispielsweise die streng an formale Kriterien gebundene Ode besonders geschätzt. Darüber hinaus verwendeten die Dichter jener Zeit eine gehobene, pathetische Sprache. Die populärsten Vertreter der Weimarer Klassik sind: Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Christoph Martin Wieland und Johann Gottfried von Herder.
Das Gedicht besteht aus 8 Versen mit nur einer Strophe und umfasst dabei 69 Worte. Der Dichter Johann Gottfried Herder ist auch der Autor für Gedichte wie „An den Schlaf“, „An die Freundschaft“ und „Apollo“. Zum Autor des Gedichtes „Nacht und Tag“ haben wir auf abi-pur.de weitere 413 Gedichte veröffentlicht.
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