Nacht lag auf meinen Augen von Heinrich Heine
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Nacht lag auf meinen Augen, |
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Blei lag auf meinem Mund, |
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Mit starrem Hirn und Herzen |
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Lag ich in Grabesgrund. |
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Wie lang kann ich nicht sagen, |
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Daß ich geschlafen hab’; |
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Ich wachte auf und hörte |
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Wie’s pochte an mein Grab. |
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„Willst du nicht aufstehn, Heinrich? |
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Der ew’ge Tag bricht an, |
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Die Todten sind erstanden, |
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Die ew’ge Lust begann.“ |
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Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn, |
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Bin ja noch immer blind; |
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Durch Weinen meine Augen |
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Gänzlich erloschen sind. |
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„Ich will dir küssen, Heinrich, |
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Vom Auge fort die Nacht; |
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Die Engel sollst du schauen, |
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Und auch des Himmels Pracht.“ |
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Mein Lieb ich kann nicht aufstehn, |
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Noch blutet’s immerfort, |
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Wo du in’s Herz mir stachest |
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Mit einem spitz’gen Wort’. |
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„Ganz leise leg’ ich, Heinrich, |
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Dir meine Hand auf’s Herz; |
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Dann wird es nicht mehr bluten, |
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Geheilt ist all sein Schmerz.“ |
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Mein Lieb, ich kann nicht aufstehn, |
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Es blutet auch mein Haupt; |
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Hab’ ja hinein geschossen, |
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Als du mir wurdest geraubt. |
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„Mit meinen Locken, Heinrich, |
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Stopf’ ich des Hauptes Wund’, |
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Und dräng’ zurück den Blutstrom, |
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Und mache dein Haupt gesund.“ |
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Es bat so sanft, so lieblich, |
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Ich konnt’ nicht widerstehn; |
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Ich wollte mich erheben, |
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Und zu der Liebsten gehn. |
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Da brachen auf die Wunden, |
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Da stürzt’ mit wilder Macht |
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Aus Kopf und Brust der Blutstrom, |
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Und sieh! – ich bin erwacht. |
Details zum Gedicht „Nacht lag auf meinen Augen“
Heinrich Heine
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1822–1823
Junges Deutschland & Vormärz
Gedicht-Analyse
Dieses Gedicht wurde von Heinrich Heine geschrieben, einem der bedeutendsten deutschen Dichter des 19. Jahrhunderts, der besonders für seine ironische und pointierte Sprache bekannt war.
Auf den ersten Blick wirkt das Gedicht düster und melancholisch. Das lyrische Ich beschreibt eine Szene, in der es sich anscheinend im Totenreich oder in einer todesähnlichen Schlafphase befindet und von einer geliebten Person aufgefordert wird, aufzustehen und sich dem ewigen Tag, also dem Leben oder dem Jenseits, zuzuwenden.
Die zentrale Thematik des Gedichts scheint der Kontrast zwischen Leben und Tod, Licht und Dunkelheit zu sein. Das lyrische Ich ist von Dunkelheit und Ruhe umgeben, und doch ruft eine Stimme – die Stimme der Geliebten – es zu Licht und Aktivität hervor. Dennoch scheint das lyrische Ich abgelehnt zu haben, nicht in der Lage zu sein, aufzuwachen oder aufzustehen, da es in Schmerz und Leid versunken ist.
Das Gedicht ist in elf Strophen unterteilt, jede Strophe besteht aus vier Versen. Dies gibt dem Gedicht eine regelmäßige Struktur und einen fast liedhaften Rhythmus. In Bezug auf die Sprache verwendet Heine eine klare, einfache Sprache, die die dunkle Atmosphäre und die schweren Themen, die das Gedicht behandelt, untermalt. Einige der wiederkehrenden Bilder im Gedicht – das Grab, der ewige Tag, die Dunkelheit – verstärken den melancholischen Ton des Gedichts und vermitteln ein Gefühl der Schmerzhaftigkeit und Todes-Sehnsucht des lyrischen Ichs.
Insgesamt vermittelt das Gedicht ein tiefes Gefühl der Verzweiflung und des Leidens, es thematisiert Verlust und zeigt, wie schwer es sein kann, zurück ins Leben zu finden.
Weitere Informationen
Heinrich Heine ist der Autor des Gedichtes „Nacht lag auf meinen Augen“. Geboren wurde Heine im Jahr 1797 in Düsseldorf. Das Gedicht ist im Jahr 1823 entstanden. Der Erscheinungsort ist Hamburg. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Junges Deutschland & Vormärz zugeordnet werden. Heine ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das 221 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 44 Versen mit insgesamt 11 Strophen. Heinrich Heine ist auch der Autor für Gedichte wie „Almansor“, „Als ich, auf der Reise, zufällig“ und „Alte Rose“. Zum Autor des Gedichtes „Nacht lag auf meinen Augen“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 535 Gedichte vor.
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