Mit einem blauen Auge von Kurt Tucholsky

Die alten Kegelbrüder seh ich wieder.
Sie überlebten selbst des Krieges Lauf.
Sie schicken revolutionäre Lieder
gleich Taubenschwärmen in das Blau hinauf.
Und locken sie zurück:
nun hängt ein Wenn und Aber im Gefieder
– ein Glück! Ein Glück!
 
Das Land im Elend. Wer ist schuld am Ganzen?
am Krieg, und daß man ihn so schwer verlor?
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Man sieht die Wackern zierlich eiertanzen.
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Sie schreiten voller Schwung drei Schritte vor
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und drei zurück.
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Man braucht ja doch die blanken Söldnerlanzen
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– welch Glück! Welch Glück!
 
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Der Domestik liebt seine Offiziere.
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Der gute, brave, liebe Ludendorff!
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Das wütete vier Jahre wie die Stiere.
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Reißt einer auf den alten Wundenschorf?
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Sanft holt man ihn zurück –
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und bleibt hübsch maßvoll bei dem Stammtischbiere
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– sein Glück! Sein Glück!
 
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Du bunte Bestie mit den tausend Armen!
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Wär dieses Volk politisch stark und reif:
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es riß die Fenster auf im stubenwarmen
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Gemach – Luft! Luft! und Frühjahrsreif!
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Du kehrtest nie zurück.
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Und keiner hätte mit dir Vieh Erbarmen
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– dein Glück! Dein Glück!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (26 KB)

Details zum Gedicht „Mit einem blauen Auge“

Anzahl Strophen
4
Anzahl Verse
28
Anzahl Wörter
163
Entstehungsjahr
1919
Epoche
Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit,
Exilliteratur

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Mit einem blauen Auge“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Kurt Tucholsky. Der Autor Kurt Tucholsky wurde 1890 in Berlin geboren. 1919 ist das Gedicht entstanden. Der Erscheinungsort ist Charlottenburg. Eine Zuordnung des Gedichtes zu den Epochen Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit oder Exilliteratur kann auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Der Schriftsteller Tucholsky ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen.

Die wichtigsten geschichtlichen Einflüsse auf die Literatur der Weimarer Republik waren der Erste Weltkrieg, der von 1914 bis 1918 andauerte, und die daraufhin folgende Entstehung und der Fall der Weimarer Republik. Das bedeutendste Merkmal der Literatur in der Weimarer Republik ist die Neue Sachlichkeit, die so heißt, da sie schlicht, klar, sachlich und hoch politisch ist. Die Literatur dieser Zeit war nüchtern und realistisch. Ebenso stellt sie die moderne Gesellschaft kühl distanziert, beobachtend, dokumentarisch und exakt dar. Die Schriftsteller der Literaturepoche wollten so viele Menschen wie möglich mit ihren Texten erreichen, deshalb wurde eine einfache und nüchterne Alltagssprache verwendet. Viele Schriftsteller litten unter der Zensur in der Weimarer Republik. Im Jahr 1922 wurde nach einem Attentat auf den Reichsaußenminister das Republikschutzgesetz erlassen, das die zunächst verfassungsmäßig garantierte Freiheit von Wort und Schrift in der Weimarer Republik deutlich einschränkte. Dieses Gesetz wurde in der Praxis nur gegen linke Autoren angewandt, nicht aber gegen rechte, die zum Beispiel in ihren Werken offen Gewalt verherrlichten. Das 1926 erlassene Schund- und Schmutzgesetz setze den Schriftstellern dieser Zeit noch mal verstärkt Grenzen. 1931 trat die Pressenotverordnung in Kraft, dadurch waren die Beschlagnahmung von Schriften und das Verbot von Zeitungen über mehrere Monate hinweg möglich geworden.

Im Laufe der Geschichte gab es immer wieder Autoren, die ins Exil fliehen, also ihr Heimatland verlassen mussten. Dies geschah insbesondere zu Zeiten des Nationalsozialismus. Die Exilliteratur geht aus diesem Umstand hervor. Der Ausgangspunkt der Exilbewegung Deutschlands war der Tag der Bücherverbrennung am 30. Mai 1933. Die deutsche Exilliteratur schließt an die Neue Sachlichkeit der Weimarer Republik an und bildet damit eine eigene Literaturepoche in der deutschen Literaturgeschichte. Die Exilliteratur lässt sich insbesondere an den typischen Themenschwerpunkten wie Sehnsucht nach der Heimat, Widerstand gegen Nazi-Deutschland oder Aufklärung über den Nationalsozialismus ausmachen. Bestimmte formale Gestaltungsmittel wie zum Beispiel Metrum, Reimschema oder der Gebrauch bestimmter rhetorischer Mittel lassen sich in der Exilliteratur nicht finden. Die Exilliteratur weist häufig einen Pluralismus der Stile (Expressionismus, Realismus), eine kritische Betrachtung der Wirklichkeit und eine Distanz zwischen Werk und Leser oder Publikum auf. Sie hat häufig die Absicht zur Aufklärung und möchte Gesellschaftsentwicklungen aufzeigen (wandelnder Mensch, Abhängigkeit von der Gesellschaft).

Das 163 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 28 Versen mit insgesamt 4 Strophen. Der Dichter Kurt Tucholsky ist auch der Autor für Gedichte wie „An Peter Panter“, „An das Publikum“ und „An die Meinige“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Mit einem blauen Auge“ weitere 136 Gedichte vor.

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