Man sagt: es beb’ von ungesproch’nen Worten von Marie Eugenie Delle Grazie

Man sagt: es beb’ von ungesproch'nen Worten
Gereizter, denn von anderen die Luft,
Man sagt: es hafte an gewissen Orten
Ein räthselhafter Zauber oder Duft,
Der ahnungsvoll den Busen uns beenge,
Verrätherisch die Sinne uns entfach’
Und heiß das Blut nach uns’ren Schläfen dränge –
Man sagt’s in meiner fernen Heimat – ach!
Und hier lernt’ ich’s in schwüler Stund’ verstehen!
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Hier bebte so erregt um mich die Luft,
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Laut ging mein Herz und durch den Sinn mir wehen
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Fühlt’ ich’s, betäubend, wie Narzissenduft!
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Nach Worten rang auch ich – doch ungesprochen
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Erstarb, was heiß mir auf die Lippen trat,
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Und von verwelkten Blumen hat’s gerochen
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Seitdem aus meinem ganzen Lebenspfad!
Arbeitsblatt zum Gedicht
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Details zum Gedicht „Man sagt: es beb’ von ungesproch’nen Worten“

Anzahl Strophen
1
Anzahl Verse
16
Anzahl Wörter
113
Entstehungsjahr
1892
Epoche
Realismus

Gedicht-Analyse

Dieses Gedicht wurde von der österreichischen Schriftstellerin Marie Eugenie Delle Grazie verfasst, die in der Spätphase des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts aktiv war.

Beim ersten Durchlesen fällt das ständige „Man sagt“ auf, das im ganzen Gedicht wiederholt wird, sowie die Melancholie und Wehmut, die aus den Zeilen spricht. Es gibt einen starken Kontrast zwischen dem, was „man sagt“ und was die Dichterin selbst erlebt und empfindet.

Inhaltlich geht es hier um die Erfahrung von unausgesprochenen und ungeklärten Gefühlen, von Leidenschaft und Wehmut. Das lyrische Ich erzählt von mächtigen Emotionen, die es fast erdrücken und doch, aus irgendwelchen Gründen, nicht gesagt werden können. Es gibt hier eine starke Spannung zwischen innen und außen, zwischen dem eigenen Empfinden und dem, was die Umwelt wahrnimmt oder erwartet. Die Dichterin fühlt sich von diesen unausgesprochenen Worten umgeben, spürt einen „rätselhaften Zauber“ an bestimmten Orten und erlebt alle diese Emotionen als überwältigend und doch ungreifbar.

Vom formalen Gesichtspunkt aus betrachtet, hat das Gedicht 16 Verse und ist in einem eher traditionellen Reimschema geschrieben. Die Sprache ist sehr bildhaft und suggestiv, mit einer spezifischen und detaillierten Beschreibung ihrer Empfindungen. Die Worte „beben“, „rätselhafter Zauber“, „betäubend, wie Narzissenduft“ zeigen die Intensität der Gefühle des lyrischen Ichs. Durch das wiederholte „Man sagt“ erzeugt die Dichterin eine Distanz zwischen dem lyrischen Ich und der Gesellschaft, die ihre Gefühle nicht wahrnimmt oder anerkennt.

Zusammenfassend handelt das Gedicht von der Spannung zwischen unausgesprochenen Gefühlen, inneren Erfahrungen und äußeren Erwartungen, und es zeigt, wie schmerzhaft und doch poetisch diese Lücke sein kann. Es ist ein beeindruckendes Zeugnis besonderer sensibler Wahrnehmung und ungesagter Leidenschaft.

Weitere Informationen

Die Autorin des Gedichtes „Man sagt: es beb’ von ungesproch’nen Worten“ ist Marie Eugenie Delle Grazie. Im Jahr 1864 wurde Delle Grazie in Weißkirchen (Bela Crkva) geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1892 zurück. Leipzig ist der Erscheinungsort des Textes. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten der Autorin her kann der Text der Epoche Realismus zugeordnet werden. Bei Delle Grazie handelt es sich um eine typische Vertreterin der genannten Epoche. Das 113 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 16 Versen mit nur einer Strophe. Weitere bekannte Gedichte der Autorin Marie Eugenie Delle Grazie sind „Abend (Delle Grazie)“, „Abend wird es“ und „Abendsonnenschein“. Zur Autorin des Gedichtes „Man sagt: es beb’ von ungesproch’nen Worten“ haben wir auf abi-pur.de weitere 71 Gedichte veröffentlicht.

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