Mahomets Gesang von Johann Wolfgang von Goethe

Seht den Felsenquell,
Freudehell,
Wie ein Sternenblick
Über Wolken,
Nährten seine Jugend
Gute Geister
Zwischen Klippen im Gebüsch.
 
Jünglingfrisch
Tanzt er aus der Wolke
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Auf die Marmorfelsen nieder,
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Jauchzet wieder
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Nach dem Himmel.
 
13 
Durch die Gipfelgänge
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Jagt er bunten Kieseln nach,
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Und mit frühem Führertritt
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Reißt er seine Bruderquellen
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Mit sich fort.
 
18 
Drunten werden in dem Thal
19 
Unter seinem Fußtritt Blumen,
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Und die Wiese
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Lebt von seinem Hauch.
 
22 
Doch ihn hält kein Schattenthal,
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Keine Blumen,
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Die ihm seine Knie umschlingen,
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Ihm mit Liebesaugen schmeicheln:
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Nach der Ebne dringt sein Lauf
27 
Schlangenwandelnd.
 
28 
Bäche schmiegen
29 
Sich gesellig an. Nun tritt er
30 
In die Ebne silberprangend,
31 
Und die Ebne prangt mit ihm,
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Und die Flüsse von der Ebne,
33 
Und die Bäche von den Bergen,
34 
Jauchzen ihm und rufen: Bruder!
35 
Bruder, nimm die Brüder mit.
36 
Mit zu deinem alten Vater,
37 
Zu dem ew’gen Ocean,
38 
Der mit ausgespannten Armen
39 
Unser wartet,
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Die sich ach! vergebens öffnen,
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Seine Sehnenden zu fassen;
42 
Denn uns frißt in öder Wüste
43 
Gier’ger Sand, die Sonne droben
44 
Saugt an unserm Blut, ein Hügel
45 
Hemmet uns zum Teiche! Bruder,
46 
Nimm die Brüder von der Ebne,
47 
Nimm die Brüder von den Bergen
48 
Mit, zu deinem Vater mit!
 
49 
Kommt ihr alle! –
50 
Und nun schwillt er
51 
Herrlicher, ein ganz Geschlechte
52 
Trägt den Fürsten hoch empor!
53 
Und im rollenden Triumphe
54 
Gibt er Ländern Namen, Städte
55 
Werden unter seinem Fuß.
 
56 
Unaufhaltsam rauscht er weiter,
57 
Läßt der Thürme Flammengipfel,
58 
Marmorhäuser, eine Schöpfung
59 
Seiner Fülle, hinter sich.
 
60 
Zedernhäuser trägt der Atlas
61 
Auf den Riesenschultern; sausend
62 
Wehen über seinem Haupte
63 
Tausend Flaggen durch die Lüfte,
64 
Zeugen seiner Herrlichkeit.
 
65 
Und so trägt er seine Brüder,
66 
Seine Schätze, seine Kinder,
67 
Dem erwartenden Erzeuger
68 
Freudebrausend an das Herz.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (28.9 KB)

Details zum Gedicht „Mahomets Gesang“

Anzahl Strophen
10
Anzahl Verse
68
Anzahl Wörter
277
Entstehungsjahr
1789
Epoche
Sturm & Drang,
Klassik

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Mahomets Gesang“ ist Johann Wolfgang von Goethe. Der Autor Johann Wolfgang von Goethe wurde 1749 in Frankfurt am Main geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1789 zurück. Der Erscheinungsort ist Leipzig. Eine Zuordnung des Gedichtes zu den Epochen Sturm & Drang oder Klassik kann auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Der Schriftsteller Goethe ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen.

Sturm und Drang ist die Bezeichnung für die Literaturepoche in den Jahren von 1765 bis 1790 und wird häufig auch Geniezeit oder zeitgenössische Genieperiode genannt. Diese Bezeichnung entstand durch die Verherrlichung des Genies als Urbild des höheren Menschen und Künstlers. Der Sturm und Drang knüpft an die Empfindsamkeit an und geht später in die Klassik über. Die wesentlichen Merkmale des Sturm und Drang lassen sich als ein Auflehnen oder Rebellieren gegen die Epoche der Aufklärung zusammenfassen. Das philosophische und literarische Leben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und die Literatur sollten dadurch maßgeblich beeinflusst werden. Bei den Vertretern der Epoche des Sturm und Drang handelte es sich vorwiegend um junge Autoren. Um die subjektiven Empfindungen des lyrischen Ichs zum Vorschein zu bringen, wurde im Besonderen darauf geachtet eine geeignete Sprache zu finden und in den Gedichten einzusetzen. Die traditionellen Werke vorheriger Epochen wurden geschätzt und dienten als Inspiration. Dennoch wurde eine eigene Jugendkultur und Jugendsprache mit kraftvollen Ausdrücken, Ausrufen, Wiederholungen und Halbsätzen geschaffen. Mit seinen beiden bedeutenden Vertretern Schiller und Goethe entwickelte sich der Sturm und Drang weiter und ging in die Weimarer Klassik über.

Die Epoche der Klassik beginnt nach herrschender Auffassung mit der Italienreise Goethes, die er 1786 im Alter von 36 Jahren machte. Das Ende der Epoche wird auf 1832 datiert. In der Klassik wurde die Literatur durch Auswirkungen der Französischen Revolution, die ziemlich zu Beginn der Epoche stattfand, entscheidend geprägt. In der Französischen Revolution setzten sich die Menschen dafür ein, dass für alle die gleichen Rechte gelten sollten. Ausgangspunkt und literarisches Zentrum der Weimarer Klassik (kurz auch oftmals einfach nur Klassik genannt) war Weimar. Die Dichter der Weimarer Klassik wollten die antiken Stoffe aufleben lassen. Mit der antiken Kunst beschäftigte sich Goethe während seiner Italienreise. Die Antike gilt nun als Ideal, um Harmonie und Vollkommenheit erreichen zu können. In der Gestaltung wurde das Gültige, Gesetzmäßige, Wesentliche aber auch die Harmonie und der Ausgleich gesucht. Im Gegensatz zum Sturm und Drang, wo die Sprache oft roh und derb ist, bleibt die Sprache in der Weimarer Klassik den sich selbst gesetzten Regeln treu. Die Hauptvertreter der Klassik sind Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Christoph Martin Wieland und Johann Gottfried Herder. Einen künstlerischen Austausch im Sinne einer gemeinsamen Arbeit gab es jedoch nur zwischen Goethe und Schiller.

Das 277 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 68 Versen mit insgesamt 10 Strophen. Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe ist auch der Autor für Gedichte wie „An den Mond“, „An den Schlaf“ und „An den Selbstherscher“. Zum Autor des Gedichtes „Mahomets Gesang“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 1612 Gedichte vor.

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