Liebe und Freude von Johann Gottfried Herder

„Hüte Dich, so sprach die Weisheit
Zu der Liebe schönem Sohn,
Und Du seine Schwester Freude,
Weil euch beiden Uebel drohn.
 
Flieh, o Knabe, jene blinde
Schlaugesinnte Eifersucht;
Und Du Mädchen, flieh den Reichthum,
Der, auch blind, dir immer flucht.“
 
Also sprach die gute Weisheit;
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Doch vergebens war ihr Wort.
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Reichthum riß sobald die Freude,
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Eifersucht den Amor fort.
 
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Und seitdem sie zu Gesellen,
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Zu Geliebten sich gewählt;
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Ach, wer ist nun, der die Uebel
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Dieser Trugverbindung zählt?
 
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Umgang wechselt gern die Gaben;
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Liebe theilet gern sich mit.
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Und von Freundschaft mit den Bösen
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Ist zum Bösen nur ein Schritt.
 
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Eifersucht betrog den Amor
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Und gab Quaalen ihm zu Lohn;
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Nahm ihm seine holden Augen,
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Denen nie ein Herz entflohn.
 
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In des blinden Reichthums Armen
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Ward die Freud’ ein blindes Glück;
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Und an ihrem todten Bilde
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Schärft’ sich ihres Mörders Blick –
 
29 
Drum, wenn Eifersucht und Reichthum
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Jetzt allein scharfsehend sind,
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Ist es Wunder? Die Betrognen
32 
Amor und das Glück sind blind.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (26.1 KB)

Details zum Gedicht „Liebe und Freude“

Anzahl Strophen
8
Anzahl Verse
32
Anzahl Wörter
161
Entstehungsjahr
1787
Epoche
Sturm & Drang,
Klassik

Gedicht-Analyse

Johann Gottfried Herder ist der Autor des Gedichtes „Liebe und Freude“. Herder wurde im Jahr 1744 in Mohrungen (Ostpreußen) geboren. Im Jahr 1787 ist das Gedicht entstanden. Erschienen ist der Text in Gotha. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her lässt sich das Gedicht den Epochen Sturm & Drang oder Klassik zuordnen. Bei Herder handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epochen.

Sturm und Drang ist die Bezeichnung für die Literaturepoche in den Jahren von 1765 bis 1790 und wird häufig auch zeitgenössische Genieperiode oder Geniezeit genannt. Diese Bezeichnung entstand durch die Verherrlichung des Genies als Urbild des höheren Menschen und Künstlers. Die Epoche des Sturm und Drang knüpft an die Empfindsamkeit an und geht später in die Klassik über. Die wesentlichen Merkmale des Sturm und Drang lassen sich als ein Auflehnen oder Rebellieren gegen die Aufklärung zusammenfassen. Das philosophische und literarische Leben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und die Literatur sollten dadurch maßgeblich beeinflusst werden. Die Vertreter waren meistens junge Autoren, zumeist nicht älter als 30 Jahre. Die Schriftsteller versuchten in den Dichtungen eine geeignete Sprache zu finden, um die persönlichen Empfindungen des lyrischen Ichs zum Ausdruck zu bringen. Es wurde eine eigene Jugendsprache und Jugendkultur mit kraftvollen Ausdrücken, Ausrufen, Halbsätzen und Wiederholungen geschaffen. Die traditionellen Werke vorangegangener Epochen wurden dennoch geschätzt und dienten als Inspiration. Mit dem Hinwenden Goethes und Schillers zur Weimarer Klassik endete der Sturm und Drang.

Richtungsweisend für die Literatur der Weimarer Klassik war die Französische Revolution. Menschen setzten sich dafür ein, dass für alle die gleichen Rechte gelten sollten. Der Beginn der Weimarer Klassik ist im Jahr 1786 auszumachen. Die Epoche der Klassik endete im Jahr 1832 mit dem Tod Goethes. Sowohl Klassik als auch Weimarer Klassik sind häufig verwendete Bezeichnungen für die Literaturepoche. Toleranz, Menschlichkeit und Übereinstimmung von Mensch und Natur, von Individuum und Gesellschaft sind die Ideale der Klassik. Im Zentrum des klassischen Kunstkonzepts steht das Streben nach harmonischem Ausgleich der Gegensätze. Charakteristisch ist ein hohes Sprachniveau und eine reglementierte Sprache. Diese reglementierte Sprache verdeutlicht im Vergleich zum natürlichen Sprachideal des Sturm und Drang mit all seinen Derbheiten den Ausgleich zwischen Vernunft und Gefühl. Die Vertreter der Epoche haben in der Weimarer Klassik auf Stil- und Gestaltungsmittel aus der Antike zurückgegriffen. Die bedeutendsten Schriftsteller der Klassik sind Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Weitere Schriftsteller der Klassik sind Johann Gottfried Herder und Christoph Martin Wieland. Die beiden letztgenannten arbeiteten jeweils für sich. Einen produktiven Austausch im Sinne eines gemeinsamen Arbeitsverhältnisses gab es nur zwischen Goethe und Schiller.

Das 161 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 32 Versen mit insgesamt 8 Strophen. Johann Gottfried Herder ist auch der Autor für Gedichte wie „Das Glück“, „Das Kind der Sorge“ und „Das Orakel“. Zum Autor des Gedichtes „Liebe und Freude“ haben wir auf abi-pur.de weitere 412 Gedichte veröffentlicht.

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