Kuttel Daddeldu und die Kinder von Joachim Ringelnatz

Wie Daddeldu so durch die Welten schifft,
Geschieht es wohl, daß er hie und da
Eins oder das andre von seinen Kindern trifft,
Die begrüßen dann ihren Europapa:
„Gud morning! – Sdrastwuide! – Bong Jur, Daddeldü!
Bon tscherno! Ok phosphor! Tsching–tschung! Bablabü!“
Und Daddeldu dankt erstaunt und gerührt
Und senkt die Hand in die Hosentasche
Und schenkt ihnen, was er so bei sich führt,
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– – Whiskyflasche,
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Zündhölzer, Opium, türkischen Knaster,
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Revolverpatronen und Schweinsbeulenpflaster,
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Gibt jedem zwei Dollar und lächelt: „Ei, ei!“
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Und nochmals: „Ei, Ei!“ – Und verschwindet dabei.
 
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Aber Kindern von deutschen und dänischen Witwen
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Pflegt er sich intensiver zu widmen.
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Die weiß er dann mit den seltensten Stücken
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Aus allen Ländern der Welt zu beglücken.
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Elefantenzähne – Kamerun,
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Mit Kognak begoss’nes malaiisches Huhn,
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Aus Friedrichroda ein Straußenei,
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Aus Tibet einen Roman von Karl May,
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Einen Eskimoschlips aus Giraffenhaar,
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Auch ein Stückchen versteinertes Dromedar.
 
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Und dann spielt der poltrige Daddeldu
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Verstecken, Stierkampf und Blindekuh,
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Markiert einen leprakranken Schimpansen,
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Lehrt seine Kinderchen Bauchtanz tanzen
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Und Schiffchen schnitzen und Tabak kauen.
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Und manchmal, in Abwesenheit älterer Frauen,
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Tätowiert er den strampelnden Kleinchen
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Anker und Kreuze auf Ärmchen und Beinchen.
 
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Später packt er sich sechs auf den Schoß
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Und läßt sich nicht lange quälen,
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Sondern legt los:
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Grog saufen und dabei Märchen erzählen;
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Von seinem Schiffbruch bei Helgoland,
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Wo eine Woge ihn an den Strand
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Auf eine Korallenspitze trieb,
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Wo er dann händeringend hängenblieb.
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Und hatte nichts zu fressen und saufen;
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Nicht mal, wenn er gewollt hätte, einen Tropfen Trinkwasser, um seine Lippen zu benetzen,
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Und kein Geld, keine Uhr zum Versetzen.
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Außerdem war da gar nichts zu kaufen;
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Denn dort gab’s nur Löwen mit Schlangenleiber,
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Sonst weder keine Menschen als auch keine Weiber.
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Und er hätte gerade so gern einmal wieder
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Ein kerniges Hamburger Weibstück besucht.
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Und da kniete Kuttel nach Osten zu nieder.
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Und als er zum drittenmal rückwärts geflucht,
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Da nahte sich plötzlich der Vogel Greif,
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Und Daddeldu sagte: „Ei wont ä weif.“
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Und der Vogel Greif trug ihn schnell
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Bald in dies Bordell, bald in jenes Bordell
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Und schenkte ihm Schlackwurst und Schnaps und so weiter. –
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So erzählt Kuttel Daddeldu heiter, –
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Märchen, die er ganz selber erfunden.
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Und säuft. – Es verfließen die Stunden.
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Die Kinder weinen. Die Märchen lallen.
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Die Mutter ist längst untern Tisch gefallen,
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Und Kuttel – bemüht, sie aufzuheben –
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Hat sich schon zweimal dabei übergeben.
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Und um die Ruhe nicht länger zu stören,
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Verläßt er leise Mutter und Göhren.
 
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Denkt aber noch tagelang hinter Sizilien
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An die traulichen Stunden in seinen Familien.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.9 KB)

Details zum Gedicht „Kuttel Daddeldu und die Kinder“

Anzahl Strophen
5
Anzahl Verse
66
Anzahl Wörter
414
Entstehungsjahr
1924
Epoche
Moderne,
Expressionismus

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Kuttel Daddeldu und die Kinder“ ist Joachim Ringelnatz. Im Jahr 1883 wurde Ringelnatz in Wurzen geboren. Im Jahr 1924 ist das Gedicht entstanden. In München ist der Text erschienen. Eine Zuordnung des Gedichtes zu den Epochen Moderne oder Expressionismus kann auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Bei dem Schriftsteller Ringelnatz handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epochen. Das 414 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 66 Versen mit insgesamt 5 Strophen. Joachim Ringelnatz ist auch der Autor für Gedichte wie „...als eine Reihe von guten Tagen“, „7. August 1929“ und „Abendgebet einer erkälteten Negerin“. Zum Autor des Gedichtes „Kuttel Daddeldu und die Kinder“ haben wir auf abi-pur.de weitere 560 Gedichte veröffentlicht.

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