An den Schlaf von Johann Gottfried Herder

Gott des Schlafes, Freund der Ruh,
Dessen dunkle Schwingen
Uns in sanftem, süßem Nu
Zu den Auen bringen,
Die ein schöner Licht erhellt,
Wo in einer andern Welt
Harmonieen klingen.
 
Freund der Menschen, holder Gott!
Unser halbes Leben
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Ward, dem Ungemach zum Spott,
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Deiner Hand gegeben.
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Und sie herrscht im Reich der Ruh;
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Purpurblumen lässest du
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Auf uns niederschweben.
 
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Schönbekränzter Jüngling, sei
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Sei auch mir willkommen,
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Der so oft dem Sklaven treu
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Seine Last entnommen,
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Der die Fessel ihm zerschlug
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Und durch neuen süssen Trug
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Sein Gemüth entglommen.
 
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Meiner Hoffnung Flügel hebt
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Sich nur noch in Träumen.
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Du der sie mit Muth belebt,
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Warum willt du säumen?
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Komm mit deiner süßen Macht:
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Laß, wie in der letzten Nacht,
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Mich Verwandlung träumen.
 
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Denn seit Psyche niedersank
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Aus des Himmels Auen,
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Sehnt sie sich Aeonenlang
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Wieder aufzuschauen;
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Und dem Flügel, den sie regt,
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Den sie, ach zerknickt! bewegt,
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Mag sie nimmer trauen.
 
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Holder Schlaf, mit Deinem Thau
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Heilst du ihre Schwingen,
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Muthig auf zur Lebensau
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In das Land zu dringen,
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Wo in reinem süßem Ton – –
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Augen sinkt! Ich höre schon
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Harmonieen klingen.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (26.6 KB)

Details zum Gedicht „An den Schlaf“

Anzahl Strophen
6
Anzahl Verse
42
Anzahl Wörter
180
Entstehungsjahr
1787
Epoche
Sturm & Drang,
Klassik

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „An den Schlaf“ des Autors Johann Gottfried Herder. 1744 wurde Herder in Mohrungen (Ostpreußen) geboren. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1787. Der Erscheinungsort ist Gotha. Eine Zuordnung des Gedichtes zu den Epochen Sturm & Drang oder Klassik kann aufgrund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Bei Herder handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epochen.

Der Sturm und Drang (häufig auch Geniezeit oder Genieperiode genannt) ist eine literarische Epoche, welche zwischen 1765 und 1790 existierte und an die Empfindsamkeit anknüpfte. Später ging sie in die Klassik über. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dominierte der Geist der Aufklärung das philosophische und literarische Denken in Deutschland. Der Sturm und Drang kann als eine Protest- und Jugendbewegung gegen diese aufklärerischen Ideale verstanden werden. Das Auflehnen gegen die Epoche der Aufklärung brachte die wesentlichen Merkmale dieser Epoche hervor. Die Schriftsteller der Epoche des Sturm und Drangs waren häufig unter 30 Jahre alt. Um die subjektiven Empfindungen des lyrischen Ichs zum Vorschein zu bringen, wurde im Besonderen darauf geachtet eine geeignete Sprache zu finden und in den Gedichten einzusetzen. Die Nachahmung und Idealisierung von Autoren aus vergangenen Epochen wie dem Barock wurde abgelehnt. Die traditionellen Werke wurden dennoch geschätzt und dienten als Inspiration. Es wurde eine eigene Jugendkultur und Jugendsprache mit kraftvollen Ausdrücken, Ausrufen, Wiederholungen und Halbsätzen geschaffen. Schiller, Goethe und die anderen Autoren jener Zeit suchten nach etwas Universalem, was in allen Belangen und für jede Zeit gut sei und entwickelten sich stetig weiter. So ging der Sturm und Drang über in die Weimarer Klassik.

Die Literaturepoche der Klassik beginnt nach heutiger Auffassung mit der Italienreise Goethes, die er 1786 im Alter von 36 Jahren machte. Das Ende der Epoche wird auf 1832 datiert. In der Klassik wurde die Literatur durch Auswirkungen der Französischen Revolution, die ziemlich zu Beginn der Epoche stattfand, entscheidend geprägt. In der Französischen Revolution setzten sich die Menschen dafür ein, dass für alle die gleichen Rechte gelten sollten. Das Zentrum dieser Literaturepoche lag in Weimar. Es sind sowohl die Bezeichnungen Klassik als auch Weimarer Klassik gebräuchlich. Zu den essenziellen Motiven der Weimarer Klassik gehören unter anderem Menschlichkeit und Toleranz. Ein hohes Sprachniveau ist für die Werke der Weimarer Klassik typisch. Während man in der Epoche des Sturm und Drangs die natürliche Sprache wiedergeben wollte, stößt man in der Weimarer Klassik auf eine reglementierte Sprache. Die Hauptvertreter der Weimarer Klassik sind Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Johann Gottfried Herder und Christoph Martin Wieland. Einen künstlerischen Austausch im Sinne einer gemeinsamen Arbeit gab es jedoch nur zwischen Schiller und Goethe.

Das Gedicht besteht aus 42 Versen mit insgesamt 6 Strophen und umfasst dabei 180 Worte. Johann Gottfried Herder ist auch der Autor für Gedichte wie „Das Gesetz der Welten im Menschen“, „Das Glück“ und „Das Kind der Sorge“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „An den Schlaf“ weitere 412 Gedichte vor.

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