Ich habe einen Blick gesehn von Karl Kraus

Ich habe einen Blick gesehn und werde
an meinem letzten Tag ihm nicht entgehn.
Erbebt nicht diese schuldbeladne Erde,
seitdem ich diesen Blick gesehn?
 
An einer Lastenstraße, staubgeboren,
im Frühjahr allzu kümmerlich erblüht,
steht ein Gesträuch, in eine Welt verloren,
für die sich Gott vergebens müht.
 
Und vor dem Strauch ist eine Frau gestanden,
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und ich stand auch und sah nur ihren Blick.
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Wie wurde mir! Wie hielt mit heiligen Banden
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allhier ein Wunder mich zurück.
 
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Der Blick, so arm, aus blassem Angesichte,
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verlebt, verdorrt von Marter, Mangel, Mühn —
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da wird vor so viel irdischem Verzichte
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die ganze Welt auf einmal grün!
 
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Was immer ihr das Leben vorenthalten,
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seit sie das Schicksal in das Dunkel wies:
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nun ist es da und vor dem Blick der Alten
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wird das Gestrüpp zum Paradies.
 
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Kein Gärtner hütet zärtlicher die Reiser
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als diese Abendsonne dieses Blicks.
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Kein Himmelsstern grüßt gnädiger und weiser
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die Fülle abgewandten Glücks.
 
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Ich habe einen Blick gesehn und werde
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an meinem letzten Tag ihm nicht entgehn.
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Erbebt nicht diese schuldbeladne Erde,
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seitdem ich diesen Blick gesehn?
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (26.1 KB)

Details zum Gedicht „Ich habe einen Blick gesehn“

Autor
Karl Kraus
Anzahl Strophen
7
Anzahl Verse
28
Anzahl Wörter
176
Entstehungsjahr
1920
Epoche
Moderne,
Expressionismus,
Avantgarde / Dadaismus

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Ich habe einen Blick gesehen“ stammt von dem österreichischen Schriftsteller und Journalisten Karl Kraus, der von 1874 bis 1936 lebte. Kraus war bekannt für seine kritische Haltung gegenüber der Gesellschaft, Medien und Politik seiner Zeit und ist vor allem für seine satirischen Texte und Aphorismen bekannt.

Beim ersten Eindruck gibt dieses Gedicht eine trübe und melancholische Atmosphäre wider. Die wiederholte Phrase „Ich habe einen Blick gesehen“ lässt vermuten, dass das lyrische Ich eine sehr bewegende Begegnung oder Erfahrung gemacht hat, die es tief berührt und geprägt hat.

Das Gedicht erzählt von einer Begegnung des lyrischen Ichs mit einer Frau, deren Blick es zutiefst berührt. Der Frau wird ein Zustand von materiellem und/oder seelischem Elend zugedacht („verlebt, verdorrt von Marter, Mangel, Mühn“). Jedoch strahlt ihr Blick eine Art von Heiligkeit und Würde aus, die das lyrische Ich zutiefst rührt und im Kontrast zu ihrer äußeren Situation steht („da wird vor so viel irdischem Verzichte die ganze Welt auf einmal grün!“). Die Begegnung löst eine tiefgehende Erkenntnis und Transformation im lyrischen Ich aus, die es bis zu seinem Tod mit sich tragen wird.

Das Gedicht ist in sieben Vierzeiler-Strophen organisiert und verwendet eine einfache und klare Sprache. Der Rhythmus und die Reimstruktur variiert, was das Gedicht lebendig und dynamisch macht. Die emotionale Intensität des Gedichts wird durch die einfache und umso ergreifendere Sprache unterstützt. Die wiederholte Phrase „Ich habe einen Blick gesehen“ dient einerseits zur Strukturierung des Gedichtes und andererseits zur Intensivierung der dramatischen Wirkung der Erzählung. Die sprachliche Gestaltung des Gedichtes unterstreicht und verbildlicht die tiefgreifende emotionale Erfahrung und Transformation, die das lyrische Ich durchmacht.

Insgesamt zeigt das Gedicht die Fähigkeit eines einzigen menschlichen Blickes, eine tiefgreifende und bleibende Veränderung im Beobachter hervorzurufen. Es stellt die Frage nach der Bedeutung von Menschlichkeit, Würde und Mitgefühl. Es geißelt die sozialen Ungerechtigkeiten und erinnert uns an die Würde und Stärke, die selbst in den ausweglosesten Situationen zu finden sein kann.

Weitere Informationen

Karl Kraus ist der Autor des Gedichtes „Ich habe einen Blick gesehn“. Kraus wurde im Jahr 1874 in Jičín (WP), Böhmen geboren. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1920. In München ist der Text erschienen. Eine Zuordnung des Gedichtes zu den Epochen Moderne, Expressionismus, Avantgarde / Dadaismus oder Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit kann aufgrund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das vorliegende Gedicht umfasst 176 Wörter. Es baut sich aus 7 Strophen auf und besteht aus 28 Versen. Karl Kraus ist auch der Autor für Gedichte wie „An den Schnittlauch“, „An eine Falte“ und „An einen alten Lehrer“. Zum Autor des Gedichtes „Ich habe einen Blick gesehn“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 61 Gedichte vor.

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